Die Einsamkeit des Langstrecken-Radfahrers

by Velospektive

Es gibt einen Film von 1962 mit dem Titel “Die Einsamkeit des Langstreckenläufers”. Ich wollte ihn unbedingt sehen, weiß ich doch aus eigener Erfahrung, wie einsam man als Langstreckenläufer ist. Der Film war eine glatte Enttäuschung. Es ging überhaupt nicht um die Einsamkeit eines Langstreckenläufers, sondern um das Leben in einer Erziehungsanstalt – ein Sozialdrama also, aber keine Studie der Einsamkeit.Über das, was jetzt folgt, denke ich spätestens nach, seitdem ich den Abspann des Films gesehen habe. Ich widme diesen Text all jenen, die mit ähnlichen Erwartungen den Film gesehen und mit der gleichen Enttäuschung zurückgeblieben sind.

Macht Radfahren eigentlich Spaß?

Letztens wurde ich von jemandem gefragt, ob das Radfahren Spaß machen würde. Spaß? Danach hatte mich noch nie jemand gefragt. Was meinen wir heute mit “Spaß”? Mir kommen da Dinge in den Kopf wie ein geselliger Abend am Lagerfeuer, eine lustige Runde Activity, Mario Kart auf der Konsole spielen oder zu Musik mit dröhnendem Bass im Kreis tanzen – so wie die Menschen auf den Straßen Jerusalems, die das Purim-Fest feiern und denen ich gerade von der Dachterrasse eines Hostels zuschaue. Nein, solche Momente des Spaßes hatte ich auf meinem Fahrrad bisher selten.

Was ist das Gegenteil von Spaß? Unglück? Unwohlsein? Kummer? Was auch immer es genau ist, zu diesen Begriffen fallen mir direkt viel mehr Erlebnisse ein. So etwa diese Ungewissheit auf Zypern, ob ich es nach Israel schaffen würde; oder diese Stunden, in denen ich meine Sachen in einen Karton packen und mich mit dem Flieger ins gelobte Land kämpfen musste; außerdem diese Momente, als ich Israel wieder verlassen hatte und mehrmals von jordanischen Kindern mit Steinen beworfen wurde.

Wobei nicht einmal solche konkreten Momente nötig sind, um das Gegenteil von Spaß zu beschreiben. Zu erwähnen, dass man sich auf so einer Fahrradreise tagelang gegen den Wind kämpft, stundenlang steile Serpentinen hoch und runter fährt und meistens irgendwo wild zeltet und sich dabei fragt, von welcher Seite die Hyänen heute Nacht schreien werden – das alleine zu erwähnen sollte genügen, um klarzustellen, dass so eine Fahrradreise alles andere als spaßig ist. Anstregend? Definitiv. Langweilig? Ziemlich häufig. Euphorie weckend? In seltenen Fällen. Befreiend? Vermutlich. Aber spaßig? Nein.

Die verschiedenen Schattierungen der Einsamkeit

Das größte Unglück, den größten Kummer, das größte Unwohlsein bereiten mir allerdings weder Steine werfende Kinder, noch der mühsame Transport des Fahrrades mit dem Flugzeug, sondern mit all dem ganz alleine zu sein. Die Einsamkeit, sie ist mein ständiger Begleiter, lauert hinter jeder Kurve und überrascht mich besonders gerne nach Phasen (kurzer) Euphorie.

Je länger ich reise, desto bewusster wird mir, dass sie sich in verschiedenen Kleidern zeigt, dass die eine Einsamkeit verschiedene Schattierungen aufweist. Da wäre zum Beispiel die Einsamkeit, wenn ich müde und erledigt bin und da niemand ist, der mich ermutigt, der mir weiterhilft. Oder die Einsamkeit, die jeden Nachmittag neu aufkommt, wenn ich mir einen Zeltplatz suche und niemand da ist, der mir Unterschlupf gewährt; die Einsamkeit, wenn ich von Menschen umgeben bin und alle auf mich einreden, ich ihre Sprache jedoch nicht spreche und niemand da ist, der übersetzen könnte; die Einsamkeit, irgendwo von einer Panne gestoppt zu werden und niemanden an meiner Seite zu haben, der mir das Werkzeug reicht; die Einsamkeit, einen Sonnenuntergang zu bewundern und zu niemanden sagen zu können: “Schön”, es mit niemanden teilen zu können (außer später auf Instagram und Facebook, was nur ein schaler Ersatz ist); die Einsamkeit zu wissen, dass das Leben zu Hause weitergeht, dass meine Familie und Freunde Feste feiern, heiraten und Kinder bekommen und immer seltener auf den Gedanken kommen, diese Momente mit mir persönlich zu teilen (sondern immer häufiger auf Instagram und Facebook, was wiederum wirklich nicht das gleiche ist).

Die schlimmste Art der Einsamkeit

Damit ist die Einsamkeit des Langstreckenradlers allerdings noch nicht vollumfänglich beschrieben. Es fehlt eine Schattierung der Einsamkeit, die in ihrer Manier, Hoffnungen zu zerstören, alle anderen Arten übersteigt. Es ist die Einsamkeit, die sich einstellt, wenn ich mit Freunden und Familienmitgliedern telefoniere oder sie gar wiedersehe. Moment mal, mag der hoffnungsvolle Leser jetzt sagen, kommt die Einsamkeit damit nicht an ihr Ende, setzt man ihr damit nicht den Todesstoß?

Ich tappe immer wieder selbst in die Falle, so zu denken. Ich freue mich auf Gemeinschaft mit geliebten Menschen, auf ein Telefonat mit ihnen, sehne mich danach, von Neuigkeiten aus ihrem Leben zu hören und ihnen von meinen Erlebnisse zu berichten. Doch schon nach wenigen Minuten stellt sich Ernüchterung ein. Wie wenig sie mich verstehen, nachvollziehen können, was ich erlebe! Und wenn sie sich doch bemühen, meine Gedanken und Gefühle nachzuvollziehen, so sind sie doch nach wenigen Minuten gesättigt und nicht mehr aufnahmefähig, ich würde allerdings gerne noch stundenlang weiter erzählen. Doch auch für mich gilt: Wie wenig ich sie verstehe, wie wenig ich nachvollziehen kann, was sie erleben! Selbst, wenn ich mich bemühe, mich in ihr Leben und ihren Alltag hineinzudenken, bin ich doch nach wenigen Minuten müde vom Zuhören, würde viel lieber mehr von mir berichten.

Je länger wir von einander getrennt sind, desto weiter entwickeln wir uns auseinander, gehen eigene Wege und tun uns schwer, die Fußspuren der anderen nachzugehen. Ziemlich schnell schlägt dann die Freude des Wiedersehens in Frust um. Ja, oft sehne ich mich sogar noch während ich das Telefon in der Halt halte oder einen geliebten Menschen an meiner Seite habe danach, wieder alleine zu sein. Die Einsamkeit auf dem Fahrrad scheint auf einmal attraktiver, als Gemeinschaft zu haben und doch nicht verstanden zu werden.

Was für ein grausames Gesicht die Einsamkeit da auf einmal zeigt: Ich kann ihr nicht entkommen, selbst wenn ich Seite an Seite mit Freunden stehe. Ja, es sind gerade diese Momente, in denen ich erst erkenne, wie einsam ich wirklich bin.

Der Einsamkeit ins Gesicht schauen

Wahrscheinlich ist allerdings gerade das – zu erkennen und zu wissen, dass man einsam ist – ein Privileg und höchstes Gut des Langstrecken-Radfahrers. Diese Erkenntnis überkommt heutzutage nur wenige Menschen, obwohl sie doch in den meisten Fällen ein einsames Leben führen. Das galt auch für mich, bevor ich aufgebrochen bin: Ich war zwar ständig von Menschen umgeben, habe studiert und saß Seite an Seite mit meinen Kommilitonen, habe gearbeitet als Kinder- und Jugendarbeiter und dabei täglich viele Hände geschüttelt; doch wirkliche Gemeinschaft mit all diesen Menschen hatte ich nur selten.

Wenn ich abends nach all den Begegnungen auf einmal alleine war und mich meiner Einsamkeit hätte stellen können, habe ich mich abgelenkt, gearbeitet, gelesen oder Medien konsumiert. Die Stimme anderer Menschen zu hören, sei es auch nur die der Nachrichtensprecherin, hat mich von der Konfrontation mit meiner Einsamkeit abgehalten.

Auf dem Fahrrad dagegen gibt es keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung: Ich sitze stundenlang alleine im Sattel, abends sind es wenn dann ein paar wilde Tiere, die mir Gesellschaft leisten und wenn ich auf Menschen treffe, verlasse ich sie doch bald wieder auf nimmer Wiedersehen. Da würde jeder ziemlich schnell zu der schmerzenden Erkenntnis kommen, alleine und einsam zu sein.

Wir sind heute ständig von Menschen umgeben, berühren uns, schauen uns in die Augen, doch wir kommen nur selten wirklich zusammen, verstehen unser Gegenüber nur ansatzweise, haben keine wirkliche Gemeinschaft. Doch anstatt uns unserer Einsamkeit zu stellen, ihr ins Gesicht zu schauen, lenken wir uns ab, konsumieren unsere Lieblingsserien oder scrollen uns durch den InstagramFeed. Damit gaukeln wir uns vor, dass wir Gemeinschaft haben, in Wirklichkeit könnte unsere Einsamkeit kaum größer sein.

“Ich habe mich entschieden, alleine zu sein”

Vor beinahe zehn Jahren, auf einer meiner ersten Radtouren, bin ich am Rhein einem anderen Radfahrer begegnet. Dass es sich dabei um jemanden besonderen handelt, war mir sofort klar: Sein altes Zelt, das so gar nicht den neuesten Outdoor-Kriterien entsprach, hatte Jop direkt neben dem Radweg aufgebaut – er machte gar keine Anstalten, sich irgendwie zu verstecken. Ich sprach ihn sofort an. Bald fand ich heraus, dass Jop, ursprünglich aus den Niederlanden, seit nunmehr 17 Jahren unterwegs ist. Natürlich wollte ich mehr erfahren und fragte ihn, ob ich mein Zelt neben seinem aufschlagen könnte. Da antwortete er: „Lieber nicht. Ich habe mich vor 17 Jahren dazu entschieden, alleine zu bleiben.“

Seit der Begegnung mit Jop denke ich über diese Antwort und seine Entscheidung, ein einsames Leben zu führen, nach. Vermutlich ist er immer wieder enttäuscht worden und hat deshalb für sich die Entscheidung getroffen, ohne andere Menschen an seiner Seite durchs Leben zu gehen. So radelt er jetzt um die Welt, ohne seine Erlebnisse mit anderen zu teilen. Zumindest in seiner Konsequenz beeindruckt er mich.

In den letzten Monaten sind mir viele Reisende begegnet, die eine ähnliche Einstellung wie Jop an den Tag legen. Ich habe zwar niemanden je wieder so deutlich sagen hören, dass er sich dazu entschieden habe, alleine zu leben; trotzdem höre ich bei vielen eine gewisse Resignation heraus. Sie wurden immer wieder von Mitmenschen enttäuscht und versuchen auf ihren Reisen immer mehr, alleine zurecht zu kommen, alleine ihr Glück zu finden. Sie entgehen damit den Mühen, die das Zusammenleben mit anderen Menschen mit sich bringt und kommen so gar nicht erst in die Versuchung zu hoffen, von jemanden verstanden zu werden.

Wäre die Entscheidung Jops auch eine Option für mich? Wäre es nicht einfacher, die Hoffnung auf und Sehnsüchte nach anderen Menschen aufzugeben, ein Leben lang als einsamer Radfahrer durch die Welt zu reisen und nicht mehr von dem Unverständnis Freunde und Verwandter enttäuscht zu werden?

Für Gemeinschaft gemacht

Je länger ich unterwegs bin, desto mehr wird mir klar, dass dies nie eine Option für mich sein kann. Denn ich bin sicher, dass jeder Mensch für Gemeinschaft geschaffen ist. Wer die Einsamkeit wählt, der tut dies entweder für einen begrenzten Zeitraum der Besinnung, oder aber, weil er in Gemeinschaft mit anderen zu sehr verletzt wurde. Wahrscheinlich bin ich in meinem Leben bisher zu wenig von anderen Menschen enttäuscht worden, sodass ich gar nicht das Verlangen habe, mich von ihnen zu distanzieren. Ganz im Gegenteil! Mit jedem einsamen Kilometer auf dem Fahrrad hat das Verlangen in mir zugenommen, an der Seite anderer Menschen durchs Leben zu gehen.

Indem ich der Einsamkeit also mit offenem Visier ins Gesicht schaue, mich ihr stelle und sie nicht als einen Dauerzustand in meinem Leben akzeptieren will, fährt es sich viel einfacher. Ich fahre mit der großen Zuversicht und Freude, einmal meine Freunde und Familie wieder in die Arme schließen zu können.

Und ich bin darauf vorbereitet, dass die Wiedersehensfreude schnell in Frust und Enttäuschung umschlagen wird. Dann beginnt die wahre Herausforderung der Gemeinschaft. Bestimmt werde ich mich ab und an nach der Einsamkeit auf dem Fahrrad sehnen. Aber ich werde nicht mehr der Illusion verfallen, dass die Einsamkeit auf dem Fahrrad auf Dauer die bessere Alternative sei – das haben mich die letzten Monate gelehrt.

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Markus B. April 7, 2019 - 22:33

Es ist schon interessant wie verschieden Menschen sind. Bei meinen Fahrradreisen habe ich nie Einsamkeit verspürt. Ich habe es selten so genossen alleine zu sein. Nie habe ich mich mit Menschen zusammen getan oder anderen Radfahrern erlaubt mein Tempo zu bestimmen. Schon damals, als ich mit einer Gruppe durch Israel und Jordanien geradelt bin, habe ich mich meist von der Gruppe abgesetzt, um nicht abgelenkt zu werden. Damit habe ich Dinge gesehen und erlebt, was die andern alle übersehen haben.

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Von weißen Gipfeln zum Schwarzen Meer - Velospektive April 17, 2019 - 13:12

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Christian April 26, 2019 - 22:55

Lieber Benjamin, da stellt sich die Frage: warum machst du die Reise? Welches Ziel bzw. welches Resümee steht am Ende? Ich denke, die Frage die eigentlich dahinter steht lautet: Wozu und wofür lebe ich? Ist Dir durch die Reise bisher klar geworden, nach welcher Art von Gemeinschaft du dich sehnst?

Liebe Grüße und weiterhin eine gute, geführte und tolle Reise 🧳

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Velospektive Mai 1, 2019 - 20:19

Lieber Christian, das sind genau die richtigen Fragen. Ich hoffe und denke, dass ich durch die Erfahrungen auf dem Sattel noch eine klarere Antwort dazu habe. Mehr dazu, wenn wir uns wiedersehen!

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