Sieben praktische Tipps für eine Radreise durch die Türkei

by Velospektive

Im November 2018 und April 2019 war ich jeweils für gut zwei Wochen in der Türkei unterwegs (die Reiseberichte dazu findest du hier, die genaue Route sieht man hier).  Während dieser Zeit habe ich so einige Erfahrungen gesammelt, die ich in diesen ultimativen sieben Tipps für eine Radreise durch die Türkei weitergeben will.

Sei bereit für herzliche Gastfreundschaft

Besonders außerhalb der großen Städte triffst du auf viel Gastfreundschaft. Es beginnt immer mit einer Einladung zum Tee, also zum Cay, wie man es von der Türkei bis nach Indien nennt. Man kann es fast als Nationalsport bezeichnen, wie die Menschen am Straßenrand wild winkend und rufend zu ihrem Teekessel einladen und innerhalb von Sekunden ein kleines Glas mit rötlich-braunem Tee gefüllt haben. Dann wirst du sofort die grundlegenden Fragen gestellt bekommen (wozu es gut ist, ein bisschen Türkisch zu lernen): “Woher kommst du? Wohin willst du? Wie alt bist du? Bist du verheiratet? usw.” Die Türken sind sehr interessiert an solchen exotischen Menschen, die mit einem Fahrrad durch ihr Land reisen. Besonders in entlegenden Gegenden wirst du von fast jedem gegrüßt und angesprochen werden.

Eine Einladung zum Tee ist allerdings nicht nur gut, um sich etwas aufzuwärmen, die Menschen kennenzulernen oder die Sprache zu üben, sondern zusätzlich, um hilfreiche Informationen über das Land, die Umgbung und die Strecke zu erhalten. Außerdem bleibt es oft nicht beim Tee. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie häufig ich zusätzlich zum Essen oder sogar zu einer Übernachtung eingeladen wurde. Dazu kommt es häufig, wenn man einfach ein bisschen über seine Reise und Pläne erzählt.

Was aber, wenn du genau weißt, wo du hinwillst, die Taschen voller Essen und heute auch schon fünf Tee getrunken hast? Dann ist eine Ablehnung und zügiges Weiterfahren voll in Ordnung. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, in solchen Fällen mit meiner rechten Hand auf mein Herz zu weisen und freundlich mit teşekkür ederim zu danken. Die Leute schauen dann zwar etwas enttäuscht, aber lassen einen ohne Probleme weiterziehen.

Versäume nicht die Vielfalt türkischer Küche

Die türkische Küche und Esskultur ist ein Paradies für Radreisende, auch für Vegetarier und Veganer. Als Deutscher denkt man wohl zuerst an Döner Kebab, wenn man von türkischem Essen hört. Und es stimmt auch, in der Türkei kennt man viele verschiedene Gerichte, die alle Fleisch vom Drehspieß als Grundlage haben. Doch die türkische Küche hat soviel mehr zu bieten, als nur das!

Ich habe besonders die vielen Restaurants am Straßenrand zu schätzen gelernt, in denen morgens ein paar Suppen (Çorbas) und Gerichte in großen Pfannen und Töpfen zubereitet werden (der Oberbegriff dafür ist Sulu Yemek, was sich mit Eintopf übersetzen lässt). Man wählt eine Suppe, ein oder zwei Eintöpfe und auch Reis (Pilav), erhält grundsätzlich immer Wasser, Brot und einen kleinen Salatteller dazu, zahlt für alles ein paar Euro und wird auch als hungriger Radfahrer mehr als satt.

Wer zudem ausgiebiges Frühstücken liebt, der sollte nach Kahval-Schildern Ausschau halten. Entweder bekommst du dort ein rundum-sorglos Frühstück mit Brot, Oliven, Käse, Eiern, in Sirup getränkten Früchten, Gemüse und Tee angeboten, oder sogar ein vielfältiges Frühstücksbuffet – etwas, was in der Türkei immer beliebter wird. In beiden Fällen kannst du in jedem Fall genug Essen für die nächsten Stunden auf dem Rad tanken.

Ich reise seit einiger Zeit generell ohne Kocher und Kochgeschirr. In keinem Land habe ich diese bisher weniger vermisst, als in der Türkei. Ob man selber kocht oder zubereitetes Essen kauft – man zahlt fast das gleiche.

Nutze Tankstellen

In sehr entlegenden Gegenden, besonders im Osten des Landes, trifft man nur noch selten auf Restaurants am Straßenrand. Tankstellen gibt es an den etwas größeren Hauptstraßen aber immer. Diese Oasen auf der Reise eines einsamen Fahrradfahreres haben so manches zu bieten: Immer gibt es ein WC und Wasser; meist einen kleinen Shop, in dem der Radfahrer “Treibstoff” tanken kann; die modernen Vertreter unter den Tankstellen haben oft auch Internet; außerdem trifft man auf Tankstellen-Wärter, die sich im tristen Tankstellen-Alltag über etwas Gesellschaft freuen und gerne zum Tee einladen.

Zudem kannst du fragen, ob du hinter oder neben der Tankstellen zelten darfst. Das wird selten abgelehnt, wenn die Tankstelle leere Räume zu bieten hat und es noch dazu regnet, wird dir der Wärter womöglich auch einen solchen zum Übernachten anbieten. Apropos Übernachten bei Regen: Jede Tankstelle hat auch eine Mescit – siehe den nächsten Punkt.

Nutze Moscheen und Mescits

Mescits sind kleine Gebetsräume, die mit Teppichen ausgelegt und meist sehr sauber und gepflegt sind. Bei jeder Tankstelle gibt es eine, ich vermute, dass es da ein türkisches Gesetz gibt, welches dies vorschreibt. Als ich zusammen mit einem Rumänen mit der Fähre in der Südtürkei ankam und es gewindet und gestürmt hat, haben wir bei der nächsten Tankstelle gefragt, ob wir in der Mescit übernachten können – kein Problem!

Klar: Es handelt sich bei diesen Mescits um Gebetsräume, die tatsächlich ab und zu dafür genutzt werden (wenn auch nur sehr selten, wie mir scheint). Aber man muss eben trotzdem damit rechnen, dass in der Abend- oder frühen Morgenstunde auf einmal jemand in das provisorische Schlafzimmer hineinschaut. Wer damit kein Problem hat und sich zusätzlich nicht stört, in einem für religiöse Riten eingerichteten Zimmer zu schlafen (Muslime selber scheinen damit in jedem Fall kein Problem zu haben), der wird am Straßenrand viele kostenlose, trockene und saubere Möglichkeiten zum Übernachten finden.

Ähnliches gilt für Moscheen (auf Türkisch: Cami), in jedem türkischen Dorf findet man eine. Wie auch bei Tankstellen gibt es hier immer Wasserstellen und WCs, die man übrigens auch als nicht-Muslim ohne schlechtes Gewissen nutzen darf. Ich habe außerdem dreimal in einem Dorf nachgefragt, ob ich in der Moschee übernachten könnte. Ich hatte im Vorhinein gehört, dass der Islam vorschreibt, solche Anfragen nicht abzulehnen. Zweimal habe ich die Nacht dann nicht in der Moschee, sondern beim Imam persönlich zu Hause verbracht.

Damit muss man allerdings rechnen: Wer auf eine ruhige Nacht in einer Moschee hofft, der wird sehr wahrscheinlich mit viel Gastfreunschaft und Gesellschaft beim Imam oder anderen Dorfbewohnern überrascht. Zusätzlich könnte es in den Gesprächen ziemlich viel um Religion und Glauben gehen, wie es bei mir beidesmal der Fall war. Suchst du also Ruhe und das Alleinesein nach einem anstregenden Reisetag, dann ist das Zelten in der Wildnis bestimmt empfehlenswerter.

Sei bereit für aggressive Hütehunde

Im Osten des Landes leben die Menschen ein einfacheres Leben, es gibt viele Hirten, die ihre Schafherden über das offene Land treiben. Mit dabei sind fast immer anatolische Hütehunde. Diese Tiere sind extrem groß, teilweise reichen sie einem bis zur Schulter (kein Witz, wenn du dran zweifelst, suche nach Sivas Kangal). Problemlos kannst du an den Herden vorbeifahren, wenn der Hirte vor Ort ist und dich sieht, er wird seine Hunde sofort zu sich rufen. Besonders gefährlich ist es aber, wenn die Hunde mit den Schafen alleine sind. Sie sind dazu trainiert, die Herde gerade in solchen Fällen zu verteidigen.

Was kannst du tun, wenn dir auf einmal solche riesigen, aggressiven Hunde entgegen kommen? Ich habe für gewöhnlich einen Stock griffbereit, zu dem ich greife, wenn mich kleinere Hunde angreifen wollen. Im Falle der großen anatolischen Hütehunde scheint mir das aber wenig zu bringen, wahrscheinlich würde sie ein erhobener Stock nur noch aggressiver machen.

Ich habe in den Wochen in der Türkei glücklicherweise nie einen Angriff von meheren solcher Hunde erlebt. Andere haben mir jedoch davon berichtet. Immer schien die beste Lösung zu sein, vom Fahrrad abzusteigen und das Rad zwischen sich selber und die Hunde zu bringen. Ein Radreisender hat mir erzählt, dass er so einmal von etwa zehn Hunden eingekreist wurde. Sie griffen ihn zwar nicht an, sobald er sich aber bewegte, fingen sie an zu bellen und die Zähne zu fletschen. So verbrachte er Stunden in der Mitte der Hunde, bis der Schäfer erschien und ihn erlöste.

Unterschätze nicht die türkischen Berge

Wer einen Blick auf die Karte wirft, der könnte zu der Erkenntnis kommen: Die Türkei liegt auf gleichen Breitengraden wie Spanien, Italien und Griechenland. Das klingt nach Urlaub, Sonne und Wärme, selbst im Frühjahr oder Herbst. Das stimmt sicherlich für die Küstenregionen. Allerdings besteht der größte Teil des Landes aus einer über 1000 Meter hohen Ebene. Willst du länger im Land unterwegs sein, wird du nicht drum herum kommen, über dieses Plateau zu fahren. Zusätzlich muss man immer wieder Pässe überqueren, die einen 2000 Meter hoch und höher führen. Stelle dich also darauf ein, dass es selbst in Sommer-Monaten kalt wird, gerade nachts. Schneefall kommt besonders im Osten des Landes bis in den April hinein vor.

Gib Acht auf deine Worte

So angenehm es auch ist, durch dieses wunderschöne Land mit dem Fahrrad zu reisen und seinen freundlichen Bewohnern zu begegnen, politisch tut sich einiges, das nicht unbedingt zu mehr Freiheit und Offenheit führt. Ich will an dieser Stelle gar keine politische Wertung abgeben. Allerdings musste ich immer mehr feststellen, dass es weise ist, seine Worte behutsam zu wählen.

Einmal bin ich in eine Polizeikontrolle geraten, in der ich lange zu verschiedenen, politischen Themen befragt wurde, in der mein Gepäck genauestens inspiziert wurde und in der sich ein Polizist die Bilder meiner Kamera angeschaut hat. Ich wusste, dass ich nichts zu befürchten hatte. Trotzdem ist es ratsam, auf solche Begegnungen vorbereitet zu sein.

Auch bei Begegnungen mit überzeugten Muslimen habe ich mich mehrmals unwohl gefühlt. Einmal hat ein Imam bei einem Blick auf mein Instagram-Profil festgestellt, dass ich in Israel war, was ihm gar nicht geschmeckt und ihn merklich wütend gemacht hat.

Willst du als Fahrradtourist die Türkei entdecken, so kann ich dir nur Mut machen: Tu es, du wirst auf herzliche Leute, gutes Essen, viel antike Kultur, tolle Landschaft und vieles positives mehr stoßen. Sei dir jedoch schon, bevor du das Land betrittst, darüber im Klaren, worüber du reden willst, was du von dir preisgibst, und was du lieber für dich behälst. Wer hier weise handelt, der hat nichts zu befürchten.

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