Orbit 360 – Rheinland-Pfalz

by Benni

Nach dem Orbit in Bremen war ich das norddeutsche Flachland etwas Leid. Wo also den nächsten und letzten Orbit bestreiten? Der Rheinland-Pfalz-Orbit ist „nur“ 226 Kilometer lang, beinhaltet dafür aber 4160 Höhenmeter. Perfekt!

Start um 2 Uhr nachts

In Diez an der Lahn finde ich einen Campingplatz, auf dem ich das Auto parke und das Zelt aufschlage. Ich war seit Jahren nicht mehr auf einem Campingplatz, aber für solche Orbits ist es schon praktisch: Das Auto ist sicher geparkt, nach dem Orbit kann ich sofort duschen und mich schlafen legen. Diese Sicherheit zu haben, ist auch während der Fahrt eine mentale Hilfe.

Auf dem Campingplatz warten Dusche und Zelt auf mich

Um 1.30 Uhr klingelt der Wecker. Heute soll das Thermometer bis auf 36 Grad klettern, zumindest das erste Drittel der Strecke will ich deshalb in der Kühle der Nacht bestreiten.

Ich krieche aus meinem Zelt und versuche, keinen der anderen Camper wach zu machen. Um 2 Uhr bin ich angezogen, die Wasserflaschen sind gefüllt und das Rad ist bepackt – auf geht‘s! Nach zwei Kilometern treffe ich auf die Route. Ich drücke auf meinem Navi auf „Aufzeichnung starten“ und stürme los – der vierte Orbit hat begonnen.

Die ersten sechs Kilometer führt mich der Track an der Lahn entlang, danach geht es aber auch schon die erste Steigung hinauf und in die tiefen Wälder des Taunus hinein. Die Route führt einen in drei verschiedene deutsche Mittelgebirge – eben jenen Taunus, zusätzlich in den Hunsrück und den Westerwald. Außerdem werde ich neben der Lahn später auf den Rhein und die Mosel treffen. Viel Abwechslung also, die mir da heute bevorsteht!

Die ersten Stunden in der Nacht laufen super. Mit meiner Lupine-Stirnlampe wird der Weg vor mir mit 1900 Lumen ausgeleuchtet. So kann ich zwar trotzdem nicht – gerade auf Abfahrten – mit voller Geschwindigkeit fahren; aber immerhin lassen sich die ersten Singletrails trotz Dunkelheit relativ zügig bewältigen. Außerdem habe ich den Gedanken, heute eine besonders schnelle Zeit zu fahren, auf Grund der Hitze sowieso gar nicht erst aufkommen lassen.

Spätestens seit der Night of the 100 Miles liebe ich es, durch die Nacht zu fahren. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Rehe, Wildschweine und Greifvögel ich sehe. Auf das erste fahrende Auto treffe ich dagegen erst nach gut zwei Stunden, die Begegnung mit dem ersten Fußgänger lässt weitere zwei Stunden auf sich warten – ich fühle mich, als gehöre die Nacht ganz alleine mir und den Waldtieren.

Mit der Fähre über den Rhein

Um kurz vor sieben zeigt sich die Sonne zwar noch nicht am Horizont, es ist aber bereits hell. Ich freue mich, dass ich endlich weiter als nur fünf Meter sehen kann, denn ich erreiche zum ersten Mal den Rhein. Hier bietet sich das erste wunderschöne Panorama: Seitlich von mir steht eine Burgruine, unter mir breitet sich das Rheintal aus, in dessen Mitte liegt der Ort Kaub, dahinter die Falkenau-Insel, auf deren Mitte die Burg Pfalzgrafenstein thront. Außerdem setzt gerade die Fähre über den Rhein. Diese muss ich nehmen, um der Route weiter gen Westen folgen zu können.

Am Morgen genieße ich einen schönen Blick auf den Rhein

Danach geht es kurz dem Rhein stromaufwärts entlang. Im schmucken Bacharach verlasse ich den Fluss schon wieder, folge einem kleinen Seitental und kurble mich durch Weinberge hindurch die nächste Steigung hinauf.

Hier ist es mal wieder so schön, dass ich hinter jeder Kurve ein neues Foto schießen könnte. Aber ich will nicht anhalten und auch kein wackeliges Foto vom Lenker aus machen, also schieße ich gar kein Foto und genieße stattdessen umso mehr die Aussicht. Der Entwickler dieser Route hat das gut gemacht: Für solche alten Städte und steilen Weinhänge an Flüssen ist Rheinland-Pfalz bekannt – gut, dass der Orbit hier langführt!

Das Quecksilber steigt ohne Gnade

Mein nächstes Zwischenziel heißt Koblenz. Ich habe bereits 90 Kilometer geschafft, bis zur drittgrößten Stadt von Rheinland-Pfalz sind es weitere 70. Ich rechne mir aus, dass ich bis dahin weiter ohne Pause und besonders ohne Wasser nachfüllen zu müssen, durchfahren kann. Diesmal habe ich einen Rucksack mit einer drei Liter fassenden Trinkblase auf dem Rücken. Am Rahmen und in den Rahmentaschen trage ich weitere drei Liter Flüssigkeit mit mir herum.

Doch in den kommenden Stunden erreicht die Temperatur bereits die 30-Grad-Marke, ich muss unaufhörlich trinken, gleichzeitig fällt mir das Essen schwer. Als ich am frühen Mittag Koblenz und damit zum zweiten Mal den Rhein erreiche, fülle ich aber trotzdem die Trinkflaschen nicht auf. “Ein bisschen geht‘s noch ohne”, so sage ich mir und versuche dem Gewusel der Großstadt so schnell wie möglich wieder zu entkommen.

Durst im Westerwald

Hätte ich mal nur die Karte studiert! Hinter Koblenz geht‘s nämlich 25 Kilometer lang durch den tiefen Westerwald, an keiner Stelle kann ich Wasser tanken. Bald habe ich keine Energie mehr in den Beinen, in meinem Kopf pocht und dreht sich‘s bedenklich. Ich muss deutlich das Tempo verlangsamen, mich sogar zweimal kurz hinlegen.

Dann endlich erreiche ich die Kleinstadt Welschneudorf. Ich taumle in eine Bäckerei, greife mir zwei Apfelschorlen und stammle etwas von „ich habe seit zwei Stunden kein Wasser mehr“. Die Frau hinter dem Tresen versteht sofort und reicht mir zusätzlich einen großen Eimer Leitungswasser, mit dem ich meine Flaschen auffüllen kann. Als ich mir dann noch eine Puddingtasche einflöße, geht‘s mir schon wieder deutlich besser.

Rettender Energienachschub vorm Bäcker

Lahnpanorama und knackige Anstiege

Die letzten 30 Kilometer gehe ich trotzdem sehr langsam an. Es ist jetzt 36 Grad heiß, meine Beine sind müde.

Dafür kann ich die Route umso mehr genießen. Bei Nassau erreiche ich erneut die Lahn. Dahinter geht es einen Weg hinauf, der wieder ein wunderschönes Flußpanorama liefert.

Panorama-Blick auf das Lahntal bei Nassau

Dieser Weg wird bald zu einem engen Wanderpfad, der unfahrbar steil zu dem markanten Felsen Hohe Lay hinaufführt. Dahinter geht es sofort und genauso steil wieder bergab, bevor der Track mich erneut steil hinauf zu der Aussicht Goethepunkt führt.

„Muss das sein?“

Zugegeben: Diese Anstiege bei 36 Grad zu bewältigen, ist tatsächlich mehr Kampf als Freude. Aber ich würde trotzdem nicht auf die Idee kommen, die Organisatoren von Orbit 360 oder den Entwickler dieser Route zu verfluchen.

Ich erwähne das, weil ich in den letzten Wochen oft gelesen habe, wie sich Orbit-Fahrer auf den sozialen Medien über solche Passagen aufregen. Sobald es Streckenabschnitte gibt, bei denen man schieben oder das Rad sogar tragen muss, fragen sie: „Muss das sein? Muss der Track solche steilen Stücke, solche holprigen Pfade oder solch zugewachsene Singletrails enthalten?“

Ich bin dagegen in erster Linie dankbar für die Arbeit hinter der Erstellung dieser Route. Zudem versuche ich solche Passagen als Herausforderung anzunehmen. Und ich erinnere mich immer wieder an noch viel härtere und längere Passagen, wie sie etwa die Holy Land Challenge in Israel oder auch die Bikepacking Trans Germany massenhaft enthalten. Alle Orbits, die ich bisher gefahren bin, sind dagegen sehr gut machbar und enthalten nur relativ wenige schwer zu meisternde Abschnitte.

Auf guten Wegen zum Ziel- und Startpunkt

So geht es nach den kurzen, heiklen Abschnitten auch jetzt wieder auf breiten Waldautobahnen und sogar auf viel Asphalt die letzten Kilometer zum Ziel- und Startpunkt in Diez. Um 17 Uhr, also nach 14 Stunden und 41 Minuten, ist die 360-Grad-Runde gemeistert.

Dieser vierte Orbit war auf Grund der Hitze mit Abstand der schwerste. Zusätzlich merke ich, dass es mir mit jedem Orbit schwerer fällt, mich zu motivieren. Ich habe größten Respekt für die Fahrer, die zehn oder sogar mehr Orbits meistern.

Für mich ist das Projekt Orbit 360 mit dieser Tour beendet. Ich bin dankbar für dieses Projekt, das ich so spontan in Angriff nehmen konnte. Jetzt darf ich endlich als Entwicklungshelfer in den Nahen Osten ausreisen. Dort warten neue Fahrradrouten darauf, entdeckt zu werden.

Fazit zum Orbit Rheinland-Pfalz

  • Gut 4000 Höhenmeter auf 225 Kilometern sind eine Ansage. Auf diesem Orbit muss man fast ohne Unterbrechung klettern. Zusätzlich sind einige sehr steile Abschnitte dabei, mit einer hohen Übersetzung muss man sich also auf viel Schieben einstellen.
  • Dafür sind die Abfahrten nur ganz selten sehr steil und technisch anspruchsvoll. Trotzdem war ich glücklich, auf 2,1 Zoll breiten Reifen und mit einer Federgabel unterwegs zu sein, ich fühle mich auf Abfahrten damit deutlich sicherer und erlaube mir, mehr Risiko zu gehen.
Das Höhenprofil lügt nicht: Es geht ständig hinauf und hinab
  • Zum Scouting habe ich nichts zu bemängeln. Ich musste keinen Umweg nehmen, es gab keine Streckensperrungen. Allerdings gab es an einigen Stellen extrem viele Wald- und Baumfällarbeiten. Man muss sich also auf spontane Sperrungen einstellen.
  • Die Strecke bietet viel Abwechslung: Die Ausblicke auf das Lahn- und Rheintal sind wunderschön, dazwischen geht‘s abwechslungsreich durch den Taunus, den Hunsrück und den Westerwald. Wer so wie ich das Klettern in den deutschen Mittelgebirgen dem Fahren im norddeutschen Tiefland vorzieht, dem kann ich diese Strecke ohne Einschränkung empfehlen!

Besten Dank an Ruben Ristau für das Zusammenstellen der Route!

Hier meine Routenaufzeichnung auf Komoot:

Hier geht‘s zur Routenbeschreibung auf der Homepage von Orbit 360.

Und hier gibt‘s mehr Fotos von der Strecke.

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