Über die Versuchung von Kopfhörern auf dem Fahrrad

by Velospektive

Um es vorweg klarzustellen: Es ist nicht verboten, auf dem Fahrrad Kopfhörer zu tragen. Das deutsche Recht schreibt lediglich vor, dass die Musik oder der Podcast nicht so laut sein dürfen, sodass man Sirenen, Warnrufe und sonstige Geräusche nicht mehr hört. Soweit die gesetzliche Lage. Aber darum geht es mir hier nicht.

Es geht mir um Kontinuität. Das ist nicht das, was Du erwartet hast? Klicke trotzdem nicht weiter, bitte, ausnahmsweise.

Kontinuität auf dem Fahrrad

Was meine ich mit Kontinuität? Wir benutzen den Begriff, wenn etwas ohne Unterbrechung, also lückenlos zusammenhängt. Genau das habe ich in den letzten Monaten auf dem Fahrrad erlebt:

Mit dem Fahrrad reist man in angenehmer und nachvollziehbarer Geschwindigkeit, wird also nicht wie beim Autofahren oder gar beim Fliegen von einem Ort zum anderen gebeamt.

Jeder Tag hat seinen geordneten Ablauf, in dem sich jede Handlung an die andere anschließt, jeder Handgriff auf den nächsten folgt. Der Morgen starten mit dem Zeltabbau, dem Sachenpacken; darauf folgt das Radfahren, welches regelmäßig durch Wasser- und Essentanken unterbrochen wird; am Nachmittag kommt es zur Zeltplatzsuche, worauf sich das Aufbauen des Zeltes, das Essen vor dem Zelt und das Schlafen in dem Zelt anschließen.

Das Radfahren absolviert man aus eigener Muskelkraft. Es ist die eigene Stärke, die eigene Anstrengung, die einen über den nächsten Pass trägt. Schmerzen und Strapazen wechseln sich mit Regeneration, Erholung und Ruhe ab.

Man gerät immer mehr in einen herrlichen Zusammenhang zu sich selber und seiner Umwelt. Man ist ganz auf sich selbst zurückgeworfen, währendes des monotonen Drehens der Pedalen hat man die Möglichkeit zur stundenlangen Reflexion.

Die äußere Kontinuität hat Auswirkung auf das Innere, sie ordnet die Gedanken und Gefühle, lässt einen zur Ruhe kommen und mit sich selbst in Verbindung treten.

Ich erinnere mich, wie ich durch die Negev-Wüste gefahren bin. In den endlosen Wadis habe ich stundenlang kein Auto und Haus, geschweige denn einen Menschen gesehen. Auch Internet gab es nicht. Ich war den ganzen Tag damit beschäftigt, mich und mein Fahrrad fortzubewegen, zu navigieren, nicht auszutrocknen.

Unterwegs in der Negev

Als ich nach einigen Tagen Eilat am Roten Meer erreicht habe, war ich innerlich aufgeräumt. Im Shelter-Hostel habe ich Weihnachten gefeiert. Ich bin vielen Menschen begegnet, habe ihre Geschichten kennengelernt. Das alles hat mich zu keiner Zeit überfordert, jeden Namen konnte ich mir merken, jede Biografie in meinen eigenen Lebenszusammenhang einordnen.

Sehnsucht nach Zerstreuung

Doch wie so oft hat auch in diesem Fall die Medaille zwei Seiten. Wo ein positiver Zustand, gar ein Ideal existiert, da lauern Gefahr und Versuchung hinter der nächsten Abbiegung.

Was passiert mit dem Menschen, wenn er einen derartig kontinuierlichen Lebensstil lebt? Er langweilt sich. Aus der Kontinuität herausgerissen zu werden hingegen ist aufregend, versetzt einen Adrenalin, einen Kick.

Und wenn es nicht die Langeweile ist, die die schöne Kontinuität gefährdet, dann ist es die Angst davor, mit sich selber konfrontiert zu werden.

Deshalb sucht der Mensch die Diskontinuität, die Zusammenhanglosigkeit, die Zerstreuung.

Nachdem ich einige Zeit in Israel und Jordanien verbracht hatte, bin ich in die Türkei zurückgekehrt. Ich wollte das Land vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer durchqueren, vor mir lagen über 1000 Kilometer anatolische Hochebene mit wenig Abwechslung.

Um der allzu großen Eintönig zu entkommen, habe ich mir schon an der Mittelmeerküste eine türkische Simkarte gekauft. Zum ersten Mal seit Europa hatte ich wieder mobiles Internet.

Mit der Simkarte im Handy habe ich wieder häufiger zu den Kopfhörern gegriffen. Die vielen Stunden auf der türkischen Hochebene habe ich damit verbracht, alle möglichen Musikalben und Podcasts zu hören.

Die anatolische Hochebene

Die Atomisierung der Person

Der Schweizer Max Picard hat 1958 ein beeindruckendes, kleines Buch geschrieben, Die Atomisierung der Person. Er beschreibt dort, wie der Mensch seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr die Zerstreuung sucht, immer mehr Opfer der Diskontinuität wird, sich immer mehr der Zusammenhanglosigkeit hingibt.

Er vergleicht das mit der Atombombe: Der moderne Mensch sei gespalten und spaltend, aufgelöst und auflösend, dissoziiert und dissoziierend – wie die Atombombe. Er geht sogar noch weiter: Die Erfindung der Atombombe sei überhaupt erst möglich gewesen durch die innere Struktur des Menschen.

Klingt abgedreht? Was will er damit überhaupt sagen? Er macht es an einem Beispiel deutlich, dem Radio:

Das Radio ist die Zusammenhangslosigkeit an sich. Es betreibt die Zusammenhangslosigkeit maschinell. 6 Uhr: Frühturnen. 6.10 Uhr: Schallplattenkonzert. 7 Uhr: Nachrichten. 8 Uhr: Morsekurs. 9 Uhr: Frühpredigt. 9.30 Uhr: Im Pfahlbauerndorf. 10 Uhr: Beethoven, Sonate für Flöte und Klavier. 10.30 Uhr: Landwirtschaftlicher Vortrag. 10.45 Uhr: Weltchronik. 11 Uhr: Ouvertüre zu Rienzi, usw., bis Abend 22.10 Uhr: Spanischer Kurs. 22.30 Uhr: Für den Jazzliebhaber.

Max Picard, Die Atomisierung der Person

Picard beschreibt an Hand des Radios, was ich bei mir selber beobachten konnte: Der Kontinuität des Radfahrens bin ich immer wieder ausgewichen, indem ich zusammenhanglos konsumiert habe: 9 Uhr: Radfahren ohne Kopfhörer; danach Griff zu den Kopfhörern.

9.35 Uhr: Podcast Eine Stunde History. 10.20 Uhr: Podcast Deutschlandfunk – Der Tag. 11 Uhr: Deutschlandfunk Nachrichten. 11.08 Uhr: Gespräch mit Menschen am Wegesrand. 11.23 Uhr: Musikalbum von Josh Garrels auf Spotify. 12.05 Uhr: Vorlesung History and Philosphy of Christian Thought von John Frame, usw., bis Abend 19.15 Uhr: Musikalbum von John Mark McMillan auf Spotify während des Abendessens. 19.50 Uhr: Telefonat nach Hause. 20.35 Uhr: Hörbuch Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.

Stories, Timelines und Tweets

Picard hatte das Radio vor Augen, nicht den Fernseher, schon gar nicht das Internet. Was würde er wohl über Insta-Stories, das Scrollen durch Timelines oder das Aufblitzen kurzer Tweets denken?

Es ist nur die Fortsetzung von dem, was er mit klarem Blick schon vor 60 Jahren erkannt hat. Während ihm damals das Aufkommen der Atomisierung noch deutlich vor Augen stand, ist sie heute schon derartig Normalität, dass wir uns gar nicht mehr ihrer bewusst sind.

Nachdem ich meine große Radreise beendet habe, bin ich wieder – die meiste Zeit zumindest – „sesshaft“. Ich wache morgens auf und kann dank WLAN direkt meine Nachrichten auf WhatsApp lesen. Beim Frühstück lasse ich die Radio-Nachrichten laufen. Zwischendurch öffne ich die Instagram– und Facebook-App – etwas, das ich im Laufe des Tages und in all den kleinen Momenten des Wartens noch ziemlich oft machen werde. Später sitze ich am Laptop, an dem ich mich einer Arbeit widme, allerdings von allen möglichen Emails und Einfällen, was ich sonst noch im Internet erledigen könnte, unterbrochen werde. Zwischendruch taucht ein „richtiger“ Mensch neben mir auf, mit dem ich ein paar Blicke und Worte wechsle, usw.

Mein gesamter Tag besteht aus isolierten, ja atomisierten Handlungen und Informationen, die in keinem Zusammenhang zueinander stehen, die ich auch nicht in einen solchen Zusammenhang bringe. Das macht mich selbst zu einer atomisierten Person.

Der Schreibtisch als gutes Beispiel für Diskontinuität

Hitler in uns selbst

Wozu diese ganze zeitkritische Analyse? Sollen wir ins 19. Jahrhundert und einer Zeit vor dem Radio zurück? Jawohl kaum. Warum also nicht einfach die Zerstückelung von Informationen und Handlungen akzeptieren?

Die Antwort kann in Picards Buch Hitler in uns selbst gefunden werden, das er kurz nach dem zweiten Weltkrieg 1946 veröffentlichte. Er analysiert dort, wie Hitler an die Macht kommen konnte. Wie konnte es sein, dass ein solcher Mensch von Millionen von Deutschen gewählt wurde? Wie hat Hitler die Deutschen erobert? Hat er sie überhaupt erobert?

Nein, antwortet Picard. Hitler musste das Volk gar nicht erst erobern.

Durch die Struktur der Diskontinuität, der allgemeinen Zusammenhangslosigkeit, war für ihn alles schon vorerobert… nur in der Welt der totalen Diskontinuität konnte ein solches Nichts, wie Hitler, Führer werden.

Max Picard, Hitler in uns selbst

Was für die Atombombe gilt, gilt auch für Hitler: Die beiden konnten erst in einer Welt der Zusammenhanglosigkeit entstehen. Der Ursprung des Phänomens muss im Menschen selber gesucht werden. Hitler in uns selbst, die Atombombe in uns selbst.

Steile These! Hat Picard recht? Darüber kann man sicherlich streiten. Aber mir gefällt der grundsätzliche Ansatz, den Ursprung des Übels nicht da draußen und irgendwo in weiter Ferne zu suchen, sondern im Menschen – und zwar jeden Menschen – selber.

Wäre das nicht eine heilsame Perspektive für unsere heutige Zeit? Wie wäre es, wenn wir Schuld und Böses nicht mehr externalisieren, es anderen zuweisen? Wie wäre es, wenn wir stattdessen fragen, was in uns los ist, sodass solches Übel überhaupt gehört wird, Zustimmung findet, ja sogar gewählt wird?

Ein einfaches Beispiel: Fleischsteuer

Zugegeben: Der Weg von Kopfhörern und Radfahren hin zu Adolf Hitler ist ein weiter. Deshalb will ich ein Beispiel geben, das die Dinge greifbarer macht:

Letztens habe ich im Radio gehört, dass die EU den USA zugestanden hat, mehr Rindfleisch nach Europa einzuführen. Das war eine Information von hunderten, die mich an diesem Tag erreicht haben.

Ein paar Tage später habe ich dann von der Diskussion darüber gehört, ob auf Fleisch höhere Steuern erhoben werden soll – wegen Klimaschutz und so. Das war überall Thema, es kam in den Nachrichten, wurde in politischen Sendungen diskutiert, Politiker wurden dazu befragt.

Wurde das Handelsabkommen mit den USA in diesem Zusammenhang erwähnt? Kein einziges Mal! Besteht zwischen diesen beiden Themen ein Zusammenhang? Natürlich!

Wie ein blindes Huhn, das auch mal ein Korn pickt, ist mir auf einmal eingefallen, dass diese Themen direkt miteinander zu tun haben, allerdings isoliert betrachtet wurden. Aber wen stört das schon?

In den Medien, die wir heute massenhaft konsumieren, werden nur noch selten Dinge im Zusammenhang betrachtet. In einer atomisierten Welt ist kein Platz mehr für Zusammenhang, für abwägendes Sowohl-als-auch. Stattdessen bestimmen schnell kommunizierbare Informationen, einseitige Meinungen und Tweets, die auf 280 Zeichen begrenzt sind, das Geschehen.

Der Gott der Kontinuität

Wir mögen immer mehr Wissen generieren, der technische Fortschritt schreitet stetig voran. Unser Blick auf das große Ganze schärft sich damit aber noch lange nicht. Ganz im Gegenteil. Wir verlieren immer mehr den Zusammenhang.

Der Schöpfer dieser Welt ist ein komplexes Wesen. Er lässt sich nicht mit einem schlichten Argument abfertigen, widerlegen. Doch genau so handelt der in der Zusammenhanglosigkeit lebende Mensch. Er meint, das Thema Gott habe sich ein für alle mal erledigt.

Picards Urteil ist auch in diesem Zusammenhang niederschmetternd:

Das Potential der Diskontinuität, der Zusammenhangslosigkeit, ist so groß, daß der Mensch andauernd …von Gott weggerissen wird. Es ist mehr Nicht-Glaube in dem ungeheuren Phänomen der Atomisierung, als durch den einzelnen an Glauben aufgebracht werden kann.

Max Picard, Die Atomisierung der Person

Wir können uns nicht einmal aus der Welt der Diskontinuität erretten, indem wir uns neu an Gott festhalten, Gottes Kontinuität zu unserer werden lassen. Mit dieser Feststellung beendet Picard seine Ausführungen.

Das ist ganz typisch für diesen Schweizer, der ursprünglich Medizin studiert hatte, später die wie er sie selbst nannte „mechanische“ Medizin aber hinter sich gelassen hat. Er wollte lieber schreiben und auf diese Weise den Menschen heilen. Mit seinen Büchern diagnostiziert er die gravierende Krankheit, an der die Menschen heute leiden. Er ist jedoch ein Arzt, der es vermeidet, selbst den Weg zur Heilung aufzuzeigen.

Erste Schritte zur Heilung

Gibt es überhaupt einen Weg zur Heilung? Zumindest kann man versuchen, der Diskontinuität ein Stück weit entgegenzuwirken. Das habe ich mir neu vorgenommen. Jetzt, wo ich wieder im Überfluss lebe, alles habe, sich mir gleichzeitig aber auch alles anbietet, da will ich:

  • Nicht „einfach mal so“ auf Youtube gehen
  • Nur einmal am Tag Facebook und Instagram öffnen, und zwar nach 20 Uhr
  • Nicht ständig meinen Email-Client geöffnet haben, sondern ihn bewusst öffnen, um alle offenen Mails zu beantworten
  • Nicht während des Essens Medien konsumieren
  • Nicht aus Langeweile durch Onlinezeitungen scrollen, ohne auch nur einen Artikel zu lesen
  • Stattdessen mal wieder ein Buch lesen, und zwar von vorne bis hinten, und dann nochmal, und dann anderen Leuten davon erzählen, mit ihnen darüber diskutieren, und dann es ein drittes Mal lesen, und dann dem Autor einen Brief schreiben…
  • Außerdem: Fahrradfahren, und zwar ohne Kopfhörer, die ganze Zeit, stundenlang.

Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären.

Ich mache mir keinesfalls die Illusion, dass ich mich mit Fahrradfahren ohne Kopfhörer erlösen, die eigene Diskontinuität überwinden könnte. Die atomisierte Welt kann sich nicht selbst erlösen, so wie man sich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen kann.

Durch Gottes Gnade seid ihr gerettet, und zwar aufgrund des Glaubens. Ihr verdankt eure Rettung also nicht euch selbst; nein, sie ist Gottes Geschenk.

Die Bibel, Epheser 2,8

Literatur

Max Picard:

  • Die Atomisierung der Person, 1958
  • Hitler in uns selbst, 1946
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