Bikepacking Trans Germany 2019 – Tag Sieben

by Velospektive

3.30 Uhr, der Wecker klingelt, es ist kalt. Was mich jedoch wirklich wach macht, ist weder der Wecker, noch die Kälte, sondern der Blick auf den Liveticker. Noch im Biwaksack liegend blicke ich auf mein Smartphone und sehe, dass Linus, Michi, Consti und Flo nur fünf Kilometer hinter mir sind. Fünf Kilometer! Waren es nicht gestern noch mehr als 30?

Vier Plätze zurück

Innerhalb von Sekunden stehe ich auf, packe meine Isomatte, den Biwaksack und die Daunenjacke ein. Ich muss los, ich muss los! Die letzten fünf Kilometer waren nicht sonderlich anspruchsvoll, sie werden also bald da sein. Mein Navi muss allerdings noch an die Powerbank angeschlossen werden, mein Hintern könnte noch etwas Hirschtalg vertragen, in die Wasserflasche muss ich noch Elektrolyte mischen…

Bevor ich abfahrbereit bin, kommt, was kommen muss: Ich stehe mitten in der Nacht in dem kleinen Ort Möllenhagen irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern und sehe aus dem Nichts vier Lichter erscheinen. Wie im Gänsemarsch rollen die vier Bikepacker an mir vorbei. Reflexartig schalte ich meine Stirnlampe aus – nicht, dass sie mich sehen und auf einmal zum Sprint ansetzen. Im Geiste sehe ich, wie sich meine Rennposition ändert: Platz 10, Platz 11… 12… 13… 14. Gestern Abend dachte ich noch, ich könnte es unter die Top 10 schaffen, jetzt bin ich auf Platz 14!

In größter Eile erledige ich das, was noch zu tun ist, esse etwas und schütte den vorletzten Monster Coffee Drink in mich hinein. Zehn Minuten später sitze ich auf dem Rad und sprinte los. Das darf doch nicht wahr sein! Zuletzt habe ich die Jungs am Checkpoint 1 gesehen, seitdem lagen sie stets zwei bis drei Fahrstunden hinter Tilo, Stefan und mir. Und dann überholen sie mich in dieser letzten Nacht. Ich fühle mich fast ungerecht behandelt.

Ein Sprint durch die Nacht

Es überrascht mich selbst, was dieser morgendliche Schock mit mir macht: Vor drei Stunden war ich noch am Ende, fühlte jedes Gelenk und konnte kaum noch geradeaus fahren, jetzt nehme ich keine Schmerzen mehr wahr, rausche stattdessen wie ein Mountainbike-Profi auf einem Cross-Country-Rennen über dunkle Waldpfade.

Nach nur 20 Minuten sehe ich ihre Lichter in der Ferne – was für eine Erleichterung! Ich pirsche mich weiter an sie heran. Als ich Flo, den ersten der Viererbande, erreiche, rufe ich laut: „Ihr könnt mich doch nicht mitten in der Nacht einfach so überholen!“ Ich meine es lustig, aber wahrscheinlich kommt die Ironie durch meine aufgeregte Stimme nicht bei ihnen an. Egal, langsam schiebe ich mich an den vieren vorbei, schaue jedem kurz ins Gesicht und grüße sie mit einem „Moin“ – was besseres fällt mir gerade nicht ein.

Bei dem Blick in ihre Gesichter wird mir klar, dass sie viel zu erledigt sind, um überrascht zurückzuschauen. Die vier haben von Donnerstag auf Freitag bei Checkpoint 4 übernachtet, seitdem haben sie keinen großen Halt mehr gemacht, sitzen also seit fast 24 Stunden auf ihren Rädern. Während ich gerade voll Adrenalin bin, fahren sie vermutlich auf der letzten Rille.

Verfolger im Nacken

Trotzdem halte ich mein Tempo. Ich bin jetzt der Verfolgte. Etwas in mir sagt, dass ich sie jetzt angestachelt habe, dass sie neue Energie bekommen und mich unbedingt wieder überholen wollen. Immerhin sind sie zu viert, motivieren sich womöglich gegenseitig. Noch 190 Kilometer bis zum Ziel. Weiter, Benni, immer weiter.

Während der nächsten Kilometer fallen mir einige gute Gründe ein, für die ich unter normalen Umständen anhalten würde: Ich habe noch meine Regenjacke und meine Wollunterhose an, nach dem schnellen Start in den Tag ist mir nun ziemlich warm. Egal, einige Kilometer halte ich in dieser warmen Kleidung noch aus. Zudem sind meine Reifen weiterhin nur sehr schwach aufgepumpt. Mal abwarten, ob noch mehr Sand kommt. Auch für das Aufpumpen mache ich also nicht Halt. Stattdessen haue ich noch eine weitere halbe Stunde in die Pedalen.

Erst hinter Stavenhagen halte ich endlich an. In Rekordzeit pumpe ich meine Reifen auf, entledige mich jeglicher warmen Kleidung und krame einige Bonbons und Riegel aus der Rahmentasche hervor. Jetzt bin ich für die nächsten Stunden gerüstet, werde nicht noch einmal anhalten.

Nachdem ich wieder aufbreche, schaue ich mich alle paar Minuten um. Im Geiste sehe ich, wie sich zumindest einer der vier an mich heranpirscht, mich an einem Anstieg ein- und überholt. Weiter, jetzt einfach nicht mehr stehen bleiben, weiter! Ich frage mich, ob ich mit diesem hohen Tempo Reserven verbrenne, die ich auf den letzten Kilometern auf Rügen gut gebrauchen könnte. Aber egal – jetzt bin ich voll Adrenalin, jetzt sollte ich alles nutzen, was der Körper hergibt. Also weiter!

Erst, als ich den Kummerower See erreiche, komme ich langsam innerlich zur Ruhe. Am Ufer dieses Sees geht es einen Wanderweg auf- und ab. Manchmal habe ich einen guten Blick auf den Weg hinter mir, sehe jedoch keinen anderen Radler weit und breit. Ich konnte einen Abstand auf die vier aufbauen, so schnell werden sie mich nicht wieder einholen – sehr gut.

Wie am Schnürchen

Eigentlich folgt der Track dem Ufer des Sees bis zu dem kleinen Fluss Peene. Dort muss man die erste von insgesamt zwei Fähren auf der BTG-Route benutzen. Diese Fähre startet allerdings erst um 10 Uhr ihren Betrieb, jetzt ist es halb sieben. In Verchen biege ich deshalb auf die dritte alternative Route der BTG ab. Sie ist etwa 10 Kilometer länger, lässt einen aber die Fähre umgehen.

Diese alternative Route fährt sich super. Es geht auf viel Asphalt und nur ab und zu auf Sand oder Pflastersteinen entlang. So erreiche ich bald Demmin. Direkt am Ortseingang sehe ich einen Lidl. Oh nein, er hat noch zu, macht erst um 8 Uhr auf. Aber daneben gibt‘s einen Bäcker, der macht schon um 7 auf. Es ist kurz nach 7, perfekt.

Ich unterbreche also meinen morgendlichen Sprint und hechte in die Bäckerei hinein. Die Trinkflaschen habe ich schon dabei, ich brauche Wasser und was zum Essen. Die Frau hinter der Theke bedient mich sofort, und auch Wasser gibt sie mir gerne – das läuft ja alles wie am Schnürchen!

Ich rechne mir aus, dass ich es mit den zwei Backwaren aus der Bäckerei und dem Essen, das ich noch in den Taschen habe, bis zum Ziel schaffen sollte. Besonders die Erdnussbutter, die ich seit Sachsen mit mir mitschleppe, sollte auf den letzten Kilometern noch einige Energie liefern. Nur Wasser muss ich nochmal nachtanken.

Nach nicht einmal zehn Minuten sitze ich wieder auf dem Rad. Die Backwaren halte ich in der Hand und flöße sie mir auf der Aerobar liegend im Fahren ein – das muss ein lustiges Bild abgeben.

Vom Gejagten zum Jäger

Danach greife ich zum Handy – hinter Demmin geht es weiterhin flach und auf Asphalt entlang, sodass ich während des Fahrens den Zwischenstand studieren kann. Ich befinde mich genau zwischen dem Duo Tilo und Stefan und dem Quartett Michi, Consti, Flo und Linus. Tilo und Stefan sind mir gut zehn Kilometer voraus, das Quartett zehn Kilometer hinter mir. Die vier sind offensichtlich deutlich langsamer unterwegs, als ich – diese Gefahr ist also vorerst gebannt.

Aber Tilo und Stefan? Sie sind gestern noch 20 Kilometer gefahren, bevor sie sich ebenfalls bis 3.30 Uhr hingelegt haben. Die beiden haben sich heute morgen also mit 20 Kilometer Vorsprung auf den Weg gemacht, jetzt bin ich noch gut zehn Kilometer von ihnen entfernt – kann ich sie vielleicht noch einholen? Das könnte schwierig werden, schließlich sind die beiden Rennrad-erfahren, das Jagen über Asphalt ist ihre Spezialität.

Ich ärgere mich ein wenig, dass ich gestern nicht durchgehalten und mich an sie rangehängt habe. Dann würden wir jetzt zu dritt über das Flachland dem Ziel entgegen jagen. Doch eine kleine Hoffnung bleibt: Vielleicht legen sie in Stralsund eine Pause ein. Ich muss dort nicht mehr Halt machen, werde einfach durch die Hafenstadt durchfahren. Vielleicht kann ich die beiden dort abfangen.

Es gibt also keinen Grund, Druck von den Pedalen zu nehmen, ich gebe weiter Vollgas. Das geht bis 10 Uhr gut, ich jage mit mindestens 25 Kilometern pro Stunde über die meist sehr gut befahrbaren Radwege. Doch dann mache ich erneut Bekanntschaft mit dem Hammermann – die Müdigkeit trifft mich wie ein Schlag.

Ein letzter Katzensprung

Ich weiß, dass gerade einige Leute das Rennen verfolgen, schließlich ist es Samstagvormittag. Bestimmt blicken gerade viele Freunde auf die Live-Karte, sehen, dass ich nicht einmal mehr 100 Kilometer vom Ziel entfernt bin – eine läppische Entfernung, wenn man auf die Karte blickt und die restliche Strecke mit der bereits gefahrenen vergleicht.

Wahrscheinlich denken sie sowas wie: Jetzt hat der Typ bereits über 1550 Kilometer zurückgelegt, jegliche schwierigen Passagen liegen hinter ihm, es sind nicht einmal mehr 100 Kilometer bis zum Kap. Zieh Junge – und schnapp dir noch die zwei Typen, die nur ein paar Kilometer vor dir sind!

Doch was beim Blick auf die Karte wie ein letzter Katzensprung aussieht, ist in Wirklichkeit der härteste Teil der gesamten Tour. Es ist wie beim Marathon: Nach 40 gelaufenen Kilometern könnte man meinen, die letzten 2,195 schafft man mit Leichtigkeit, in Wirklichkeit ziehen sich diese letzten Kilometer jedoch wie Kaugummi. Man muss beißen, beißen, beißen, sich Meter für Meter vorwärts kämpfen.

Auf Anspruchslosigkeit folgt Müdigkeit

Es ist 10 Uhr, ich bin noch 15 Kilometer von Stralsund entfernt, zum Ziel sind es 75. Es geht über einen langen, flachen Radweg, der parallel an einer Bundesstraße entlang führt. Hier gibt es keine Herausforderung mehr, ich muss weder die beste Spur auf einer Sandpiste suchen, noch über Pflastersteine oder Betonplatten holpern, geschweige denn einem engen, steinigen Pfad folgen. Die einzige Aufgabe besteht darin, aerodynamisch im Lenker zu hängen und Druck auf die Pedalen zu geben. Doch gerade, weil diese Aufgabe so einfach ist, die Strecke so anspruchslos, überkommt mich zunehmend Müdigkeit.

Ich blicke abwechselnd auf den Asphalt unter mir, auf mein Navi vor mir und einen Punkt in nicht allzu großer Distanz – Bäume, gerade Linie dazwischen, keine Abwechslung. Meine Augen fallen zu – schnell aufrichten, Handposition ändern – noch 75 Kilometer. Asphalt, gerade Linie, zurück in die Liegeposition – immer noch 75 Kilometer. Meine Augen fallen erneut zu. Ich schüttle mich, erneuter Positionswechsel. Weiterhin Asphalt, Bäume, gerade Linie – noch 75 Kilometer.

Die Zeit dehnt sich in mir bisher unbekannte Längen. Ich bin weiterhin schnell unterwegs, fahre mit bis zu 30 Kilometer pro Stunde Richtung Stralsund – wieso wollen die Kilometer nicht fallen? Dann endlich – 74 Kilometer!

Weiter, weiter, weiter – Asphalt, Bäume, gerade Linie – Augen fallen zu, schütteln, aufrichten, kein klarer Blick mehr, diffuse Gedanken. 74 Kilometer, weiter, weiter, weiter…

Zwischenstand in Stralsund

Nach einer quälenden Ewigkeit erreiche ich Stralsund. Hier knalle ich mir den letzten Monsterdrink rein, so hatte ich es heute morgen geplant. Außerdem habe ich noch Koffeintabletten, davon werde ich mir später eine letzte reinpfeifen. Damit werde ich mich auf dem Rad halten können, so hoffe ich.

Hinter Stralsund geht‘s über den Rügendamm, danach betrete ich endlich die Insel. Ich komme an einem Friedhof vorbei und kann ein letztes Mal die Wasserflaschen füllen. Das Wasser schmeckt komisch, als ob es seit Monaten in einem Kessel lagert. Aber egal, Hauptsache Flüssigkeit.

Ich öffne den Liveticker – Tilo und Stefan haben offensichtlich nur kurz in Stralsund pausiert, sie sind knapp zehn Kilometer vor mir. Das ist zu viel, ich werde sie auf den letzten 60 Kilometern nicht mehr einholen können. Also steht es fest: Tilo und Stefan kommen vor mir ins Ziel. Dann soll es so sein, sie waren insgesamt die stärkeren Fahrer.

Doch ich sehe noch etwas anderes: Zu den beiden hat sich Uwe Mosig gesellt. Der war die letzten Tage stets weit vor uns, jetzt, auf diesen letzten Kilometern ist er anscheinend eingebrochen. Vielleicht kann ich ihn noch einholen?

Hinter mir hat sich eine große Lücke aufgetan. Das Quartett liegt mittlerweile 20 Kilometer zurück und wird gerade, als ich den Stand checke, von Torben und Lars, also Team Denmark überholt. Interessant – die Taktik, die Nacht durchzufahren, hat sich für sie offensichtlich nicht ausgezahlt. Alle Fahrer, die die vier in der Nacht überholt haben, profitieren von dem Schlaf, können ein deutlich höheres Tempo fahren und haben sie mittlerweile wieder eingeholt.

Freudenschauer auf der Insel

Weiter geht‘s. Auch auf Rügen gibt‘s noch Herausforderungen zu meisten, es gibt viele Betonplatten, ab und zu auch Sand. Die größte Herausforderung besteht für mich jedoch weiterhin, wach zu bleiben, das Tempo zu halten. Mittlerweile ist es Mittag und ziemlich heiß – ein zusätzlicher Faktor, der müde macht. Doch jetzt sind es nur noch knapp 60 Kilometer – weiter!

Ich sage mir selber, wie glücklich ich mich schätzen kann. Ich bin fast am Ziel! Mein Hinterreifen hat durchgehalten, abgesehen davon gab‘s keine Panne, ich bin zwar müde, aber ansonsten gesund, musste nicht wegen Schmerzen aussteigen, bin nur einmal gestürzt – ohne schwere Verletzungen. Das beste aber: Ich werde mit ziemlicher Sicherheit in sechs Tagen und ein paar Stunden ins Ziel kommen – Wahnsinn!

Doch meine Gedanken reichen in diesen Stunden auf der Insel noch weiter: Vor zehn Monaten bin ich in Basel auf große Fahrradreise aufgebrochen. Was durfte ich nicht alles erleben in diesen zehn Monaten! Nie bin ich gestürzt, nie ist mir etwas schlimmes passiert, stattdessen nur lehrreiche Begegnungen, freundliche Menschen, Bewahrung und Geschenke am laufenden Band. Jetzt befinde ich mich auf den letzten Kilometern. Ich weiß, an wen ich mein Dank richten kann. Ich singe Freudengebete gen Himmel, danke Gott für all das, was er mir schenkt.

Während dieser Reflexionen überkommt mich immer wieder ein Freudenschauder, der mir neues Adrenalin und fünf Minuten Munterkeit schenkt. Danach kehrt jedoch die Müdigkeit zurück, die Augen wollen von neuem zufallen. Weiter Benni, weiter, bald ist es geschafft.

Letzter Anruf

Dann ein Anruf – meine Schwägerin. Die Kopfhörer hat‘s bei dem Sturz vorgestern erwischt, die Audiobuchse ist verbogen. Seit eineinhalb Tagen kann ich deshalb keine Musik mehr hören – eine zusätzliche Herausforderung. Jetzt verstehe ich auch meinen Bruder und seine Frau nicht, der Ton unterbricht dauernd. Ich nehme die Kopfhörer raus, halte das Handy mit der Hand ans Ohr. Einhändig fahre ich über Pflastersteine. Aber egal, jetzt tut Telefonieren besonders gut.

Die beiden erkundigen sich, wie‘s geht, hängen natürlich am Liveticker. „Unglaublich müde, aber ansonsten super.“ Sie wollen wissen, wann ich ankomme am Kap. „Drei Stunden brauche ich bestimmt noch.“ Sie wollen‘s ganz genau wissen. Cool, wie sie mitfiebern!

Aber Moment mal, mir kommt ein Gedanke: Mein Bruder wollte heute ein Auto nach Kiel fahren. Wie weit ist es von Kiel nach Rügen? Die beiden werden doch nicht am Ziel auf mich warten?

Mein Bruder ist ein Spezialist darin, andere Leute zu überraschen. Wo hat er mir nicht überall schon einen Überraschungsbesuch abgestattet?! Das wird er doch nicht jetzt etwa wieder vorhaben? Zuzutrauen wäre es ihm. Auf der anderen Seite haben die beiden gerade genug zu tun, können jede freie Stunde gut gebrauchen. Ich verwerfe den Gedanken schnell wieder – bloß nicht auf etwas freuen und dann umso mehr enttäuscht werden…

Letzte Geheimwaffe

Weiter geht‘s, weiter – das Telefonat hat mich wieder etwas wacher gemacht. Es geht durch kleine Ferienorte am westlichen Teil der Insel entlang. Eigentlich gäbe es hier viel zu bestaunen, schließlich machen Menschen hier Urlaub. Aber für meine Umgebung habe ich spätestens seit gestern Abend überhaupt keinen Sinn mehr.

Stattdessen bin ich darum bemüht, nicht zu unterzuckern. 40 Kilometer vor dem Ziel greife ich zu der letzten Geheimwaffe – Erdnussbutter. Der Becher, den ich in Sachsen gekauft habe, ist noch halbvoll. Jetzt löse ich ihn aus der Tasche und löffle ihn in der Aerobar liegend leer. Man, tut das gut! Und es liefert bestimmt genügend Kalorien für die restlichen zwei Stunden.

In 15 Kilometern muss ich eine Fähre nehmen, die Wittower Fähre, die einen auf den nördlichsten Teil der Insel hinüberträgt. Um mich selbst bei Laune zu halten, setze ich mir letzte Zwischenziele: In fünf Kilometern werde ich zum Handy greifen, ein letztes Mal den Ticker checken, außerdem Facebook, Instagram und WhatsApp öffnen. Dann sind‘s nochmal zehn Kilometer zur Fähre, danach wiederum 25 Kilometer bis zum Ziel.

Social-Media-Intermezzo

Derartig motiviert sind die nächsten fünf Kilometer leicht gemacht. Ich greife zum Handy und sehe zuerst, dass nicht nur Tilo und Stefan, sondern auch Uwe zu weit weg sind. Aber das ist jetzt auch egal, Platz 10 ist mir sicher – super!

Dann lese ich alle möglichen Nachrichten auf den Social-Media-Kanälen. Unglaublich, wie die Leute mitfiebern! Alle möglichen Leute schreiben letzte motivierende Worte, sogar Freunde aus Jordanien fiebern mit. Achim Walther schreibt: „Benni, Du bist richtig gut drauf. Jetzt fahr das Ding zu Ende.“ Jawoll, wird gemacht.

Dieses kurze Social-Media-Intermezzo gibt mir den letzten notwendigen Kick, ich fliege förmlich zur Fähre. Als ich ankomme, wartet neben vielen Autos eine Mutter mit ihren beiden Kids auf die Fähre. Ich komme schnell mit ihnen ins Gespräch, erzähle ihnen von dem Rennen. Sie sind ganz begeistert, überlegen sich auch zum Kap zu kommen. Nur zusammen fahren können wir nicht, ich muss mich halt doch beeilen.

Wittower Fähre

Als ich auf der Fähre stehe, tippt mich auf einmal jemand von hinten an. Ah, das ist wahrscheinlich jemand, der von dem Rennen weiß, denke ich mir. Aber nein, ich drehe mich um und schaue in ein bekanntes Gesicht. Das ist doch Conrad aus Dresden! Ich habe dort vor einigen Jahren neben dem Studium als Fahrradkurier gearbeitet. Daher trage ich auch ein Im Nu – Dresdner Fahrradkurier-Radshirt.

Das hat Conrad sofort erkannt, er hat nämlich damals als Koordinator bei Im Nu gearbeitet, hat mir also per Handy Aufträge durchgegeben. Jetzt treffen wir uns auf der Wittower Fähre wieder, unglaublich! Ich erzähle ihm kurz von dem Rennen. Er schießt ein Foto von mir, um es den anderen Kurieren in Dresden zu zeigen. Dann kommen wir schon am anderen Ufer an, verabschieden uns.

Letzte Zielsetzung

Diese beiden Begegnungen geben mir genügend Adrenalin für die letzten Kilometer. Zusätzlich erblicke ich ein Fahrrad-Hinweisschild, auf dem ich zum ersten Mal Kap Arkona lese. Alter Verwalter, ich bin wirklich hier! Auf geht‘s – auf zum Zielspurt.

Nach ein paar Kilometern blicke ich auf die Uhr. Es ist kurz vor 14 Uhr, noch gut 20 Kilometer bis zum Ziel. Könnte ich es vor 15 Uhr schaffen? Dann würde meine Zielzeit „6 Tage, 6 Stunden und einige Minuten“ lauten – klingt besser als „6 Tage und 7 Stunden“. Also auf, Gas geben – vor 15 Uhr werde ich am Leuchtturm stehen!

Es geht erneut über viel Beton und Pflastersteine, aber das hält mich jetzt nicht mehr auf. Ich fliege förmlich, es fühlt sich an, als ob ich mit 40 Kilometern pro Stunde und schneller unterwegs bin. Wo kommt auf einmal diese ganze Energie her? Was geht da mit meinen Beine ab?

Letzte Herausforderung

Dann – ich glaube etwa zehn Kilometer vorm Ziel – Sand! Und nicht nur ein bisschen, sondern viel, sehr viel Sand! Ich muss zweimal absteigen. Mein Stimmungsbarometer droht schlagartig von +100 auf 0 zu fallen. Doch ich kann mich zusammenreißen, muss stattdessen lachen: Habe ich nicht schon – optimistisch wie ich bin – in Sachsen gehofft, dass die schlimmsten Sandpassagen hinter mir liegen? Stattdessen muss ich nun feststellen, dass selbst so kurz vor dem Ziel noch tiefe Sandwege auf einen warten. Denke ja nicht, dass schon alles geschafft ist, bevor du nicht am Ziel bist.

Kurze Zeit nach dieser letzten Sandpassage erkenne ich ihn in der Ferne – den Leuchtturm vom Kap Arkona. So häufig habe ich ihn auf Fotos von anderen BTG-Fahrern gesehen, jetzt erblicke ich ihn mit meinen eigenen Augen!

Zielsprint

14.50 Uhr, oh, der Turm ist noch so weit weg! Egal – weiter, weiter, schneller, schneller! Zum Schluss geht‘s direkt an einer Steilküste entlang, richtig schönes Panorama. Das lockt aber auch Touristen an, ich schlängle mich durch Menschengruppen, an Radfahrern und Familien mit Bollerwagen vorbei.

14.55 Uhr, der Turm ist nicht mehr zu sehen. Hinter diesen Bäumen muss er sein, schneller, schneller, schneller! Es geht einen kleinen Anstieg hoch, weg von der Küste. 14.56 Uhr. Vorsicht! Platz machen bitte! Schneller, schneller! 14.57 Uhr – da ist er!

Ich blicke auf den Leuchtturm. Doch dann gleitet mein Blick auf etwas anderes. Moment mal – diesen Typen kenne ich doch! Mein Bruder. Er winkt mir aus der Ferne zu, schreit aus vollem Hals – das kann er gut. „Jawoll, da iser!“ Adrenalinkollaps.

Da, meine Schwägerin, sie ist auch da! Sie macht ein Video. Herzensfreudensprünge.

Das Schreien meines Bruders bringt die anderen Leute, die gerade am Leuchtturm stehen, zum Klatschen. Sie wissen zwar nicht, um was es geht, denken sich aber, dass ich irgendwas geschafft haben muss. Euphorieoverkill.

Ich sprinte an ihnen vorbei, will nur zum Leuchtturm.

Geschafft.

14.58 Uhr.

Ich halte an.

Zeit für Fotos

Es folgen Umarmungen – genauer gesagt eine Umarmung: Mein Bruder steht schnell neben mir und nimmt mich in seine Arme. Meine Schwägerin gibt mir nur die Hand – verständlich. Ich habe seit Bad Schandau nicht mehr geduscht, meine Kleidung hat seit Basel keine Waschmaschine mehr gesehen.

Dann werden Zielfotos gemacht. Einmal mit Schwägerin und Bruder, einmal ohne, einmal mit Fahrrad auf dem Boden, einmal mit Fahrrad hochgehoben… Auf einmal habe ich ganz viel Zeit. Die letzten sechs Tage, sechs Stunden und 58 Minuten war ich darauf bedacht, jeden Handgriff so effizient wie möglich zu vollbringen, niemals zu lange an einem Ort zu verweilen, immer weiter, immer weiter. Jetzt, schlagartig, ist dieser ganze Druck vorbei.

Wiedersehen mit Kontrahenten und Freunden

Nach der Fotosession gehen wir zu einem Imbiss direkt neben dem Leuchtturm. Dort haben es sich Tilo und Stefan bereits gemütlich gemacht. Als mich Stefan sieht, reicht er mir die Hand und sagt mal wieder eines seiner vieldeutigen Wörter: “Lusche!” Das hat er die Tage immer mal wieder gesagt, nachdem ich die beiden eingeholt hatte. Ich nehme es als Ironie, sprich als Kompliment.

Tilo und Stefan im Ziel

Wir setzen uns zusammen, essen, trinken, genießen, reden natürlich ganz viel über die letzten Tage. Stefans Freundin ist auch da. Parallel haben wir den Ticker geöffnet, ich warte gespannt auf die nächsten Fahrer. Eine knappe Stunde nach mir kommen Lars und Torben – Team Denmark – an. Ich erwarte sie, mache ein Video von ihrer Zieleinfahrt.

Team Denmark im Ziel

Bald darauf machen sich Tilo und Stefan auf. “So langsam setzen die Schmerzen ein, wir sind halt nicht mehr die Jüngsten”, gibt mir Tilo zu verstehen. Wir verabschieden uns, sie werden die nächsten zwei Tage auf einem Campingplatz in der Nähe verbringen.

Ich bleibe mit meinem Überraschungsbesuch sitzen, wir unterhalten uns, haben uns viel zu erzählen – die Zeit vergeht wie im Flug, ganz anders, als noch vor zwei Stunden. Kaum habe ich mich versehen, sind schon wieder eineinhalb Stunden vergangen und das Quartett, das mir heute Nacht einen ordentlichen Schreck eingejagt hat, kommt am Kap an.

Auch sie empfangen wir. Oh man, sind die fertig! Man sieht ihnen an, dass sie seit gestern morgen fast ohne Unterbrechung auf dem Rad sitzen. Ich freue mich besonders, Linus zu sehen. Seit dem zweiten Tag war er mir kontinuierlich auf den Fersen. Jetzt sehen wir uns, haben uns viel zu erzählen. Auch sein Vater ist da – ihn hatten Tilo, Stefan und ich ja schon in der Sächsischen Schweiz getroffen. Er schießt ein paar Fotos.

Adrenalinkater

Mittlerweile bin ich seit fast drei Stunden am Ziel. Jegliche Wettkampf-Anspannung ist von mir abgefallen, ich bin einfach nur glücklich und dankbar. Doch mit der Anspannung nimmt auch der Adrenalinpegel ab – etwas, das Peter Scheerer letztes Jahr so schön “Adrenalinkater” genannt hat (siehe hier). Das fehlende Adrenalin lässt mich die zurückgelegten 1657 Kilometer mit jeder Minute mehr spüren. Fast jedes meiner Gelenke lässt sich nur noch schwer bewegen, meine Knie brennen, auch die Handflächen sind durch die Holperpisten ziemlich belastet worden – das wird vermutlich noch einige Tage, vielleicht sogar Wochen taube Finger zur Folge haben.

Wäre ich alleine, ich würde vermutlich bald in ein mentales Loch fallen. Was für ein Geschenk, dass meine Verwandten hier sind! Zusammen gehen wir zur Steilküste. Die beiden gehen zum Meer hinab, während ich oben auf einer Bank warte (die Treppen hinab sind doch eine Nummer zu groß in meinem Zustand). Ich nutze die Zeit, um endlich die vielen Nachrichten auf Facebook und co. zu beantworten. Immer wieder schweift mein Blick auf’s Meer, ich lasse alles Revue passieren. Ich bin tatsächlich hier, hab’s geschafft, wie genial!

Die absolut letzte Herausforderung

Später trennen wir uns. Meine Schwägerin und mein Bruder fahren einkaufen, ich radle zu einem Campingplatz. Das Ziel: duschen. Die beiden haben mir Kleidung, Shampoo und ein Handtuch mitgebracht – welch ein Luxus! Jetzt brauche ich nur noch eine Dusche. Ich bin gerne bereit, ein halbes Vermögen zu zahlen, wenn ich nur einmal die Campingplatzdusche nutzen darf. Beim ersten Campingplatz, einem dieser noblen 4-Sterne Dinger, werde ich allerdings abgewiesen – keine Chance, auch nach dreimaligem Nachfragen und Bitten. Der Platz sei ausgebucht. Vielleicht sehe ich ihnen aber auch einfach zu dreckig aus. Willkommen zurück in der Zivilisation!

Beim zweiten Platz ist schon gar keiner mehr am Empfang, ist ja schließlich schon nach 20 Uhr. Kann doch nicht wahr sein, dass man hier als zahlungskräftiger Mensch nicht duschen kann! Aber auch von dieser letzten Hürde lasse ich mich nicht mehr aufhalten. Ich rolle entschlossen zum Duschhaus. Die Duschen kann man zwar nur mit Chip benutzen, aber immerhin gibt’s Waschbecken. An einem von diesen wasche ich mir zunächst Haare und Gesicht, danach fülle ich meine Wasserflaschen, schließe mich in einer Duschkabine ein und wasche mit dem Wasser aus den Flaschen den Rest vom Körper. Not macht erfinderisch.

Picknick an der Steilküste

Nach dieser Behelfsdusche fühle ich mich so sauber wie noch nie zuvor. Als dann noch die beiden vom Einkaufen kommen, wir einen Panoramaplatz an der Steilküste finden und dort mit allerlei Leckereien picknicken, ist mein Glück perfekt. Ich genieße jeden einzelnen Bissen – wie schön, sich Zeit für’s Essen nehmen zu können!

Die Nacht werden wir hier verbringen. Die beiden schlafen im Auto, ich davor. Morgen werden zurück nach Westdeutschland fahren. Im Auto gibt’s genug Platz für uns drei und mein Fahrrad. Die Bahnfahrt am Montag, die ich schon vor Wochen gebucht hatte, kann ich also getrost stornieren.

Wir genießen den Abend, den Ausblick, das Essen. Ich bin einfach dankbar… Moment – ich glaube, das habe ich bereits erwähnt. Langsam wiederhole ich mich. Es wird Zeit, diesen Bericht zu beenden.

Das war’s – The End

Das war’s also, das war die Bikepacking Trans Germany 2019. Mit dem Schreiben bin ich allerdings noch nicht ganz fertig, ein letzter Bericht ist noch in Arbeit: “Bikepacking Trans Germany – Das Leben danach”. Hier werde ich nicht nur einen Einblick in die Wochen nach dem Rennen geben, sondern auch einige häufig gestellte Fragen beantworten. Wem noch eine Frage auf der Seele brennt, der darf sie mir gerne schreiben. Der Bericht folgt in den nächsten Tagen.

Hier aber nun noch die tägliche Rennstatistik:

 

Links

Auf der Homepage des Events gibt’s das Endergebnis mit allen Fahrern:

http://btg.voidpointer.de/de/roster.html

Hier findet sich Tilos Rennbericht:

Bikepacking Trans Germany 2019

Hier gibt’s die Rennberichte von Pete:

https://demmeln.de/bikepacking-trans-germany-2019/

Auf der Seite von Follow My Challenge kann man sich unter der “Replay”-Funktion den Verlauf des Rennens nochmals ansehen:

https://www.followmychallenge.com/live/btg19/

Und wer von der neuartigen Sportart des Dotwatchings noch nicht genug hat – Ende August fahre ich nochmals bei einem Bikepacking-Event mit, dem Eifel-Graveller:

https://eifel-graveller.de/

Aber dazu ein anderes mal mehr…

13 comments

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13 comments

Danny August 6, 2019 - 23:12

Toll, dieser Fast-Abschluss. Danke hast du uns auf die Reise mitgenommen! Und ich träume seit Tag 4 von Lupine Lampen 🙂 Das es so was teures gibt, wauw.

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Velospektive August 6, 2019 - 23:15

Danke, dass Du am Start dabei warst!

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Dirk August 7, 2019 - 00:12

Maximum Respekt und Maximum unterhaltsam und spannend! Habe deine gut geschriebenen Berichte verschlungen! Danke fürs mitnehmen! 🙏

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Velospektive August 7, 2019 - 09:32

Maximum Lob, das freut mich sehr. Ich danke Dir Dirk für’s Dabeisein!

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Stefan August 7, 2019 - 15:00

FREUNDE 🙂
Gruß
Stefan

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Velospektive August 7, 2019 - 15:08

Sehr schön 🙂

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Export August 8, 2019 - 12:27

Vielen Dank für den schönen Bericht. Hab alle paar Tage mal wieder reingeguckt. Super Leistung!

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Velospektive August 8, 2019 - 13:39

Danke!

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Gerhardt August 9, 2019 - 22:20

Die Berichte sind unterhaltsam geschrieben. Leider vermisse ich den Tiefgang.
Gruß, Gerd

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Velospektive August 10, 2019 - 09:39

Lieber Gerd,
was genau meinst Du in diesem Zusammenhang mit Tiefgang? Ich werde im nächsten Bericht auf einige “tiefergehende” Fragen eingehen.
Danke in jedem Fall für die Rückmeldung!

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Samuel Klassen August 19, 2019 - 10:50

Toller Abschlussbericht und mitfiebernd geschrieben ! Toll! 🙂

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Velospektive August 19, 2019 - 20:02

Danke Samuel!

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Eifel Graveller 2019 - Tag Zwei - Velospektive September 4, 2019 - 18:18

[…] BTG 2019 […]

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