Zurück auf Start – der Kreis schließt sich nach 13.000 Kilometern

by Velospektive

Mal wieder bin ich “angekommen”, diesmal sogar bei meiner Familie und in meinem eigenen Zimmer – mein Bruder und meine Schwägerin haben mir extra ein Zimmer eingerichtet, in dem ich in den nächsten Monaten leben kann. Doch mal wieder sage ich nach wenigen Tagen “Tschüss”, schwinge mich erneut auf mein Fahrrad und trete in die Pedalen. Meine Reise ist nämlich noch nicht ganz beendet, ich möchte unbedingt an den Ort radeln, an dem im September alles anfing.

Ein neues Fahrrad und leichteres Gepäck

Das Fahrrad, auf das ich mich schwinge, ist allerdings ein neues. Ich tausche mein Tout Terrain Scrambler, das mich in den letzten Monaten in keinerlei Weise enttäuscht hat, gegen ein Cube Mountainbike aus. Ab jetzt möchte ich nämlich möglichst leicht unterwegs sein und so oft wie möglich den Asphalt gegen Schotter und kleine Pfade tauschen.

Außerdem brauche ich das meiste Gepäck nicht mehr: Ein Kohlefilter ist bei der guten Wasserqualität Mitteleuropas nicht nötig; die warme Kleidung war für den jordanischen Winter und die kaukasischen Berge super, ruht aber schon seit Bulgarien in den Fahrradtaschen; auch das Zelt hat mir immer gute Dienste geleistet und mich während des starken Regens im April und Mai trocken gehalten, doch in Deutschland weiß ich, dass ich immer einen Unterstand finden werde, unter dem ich vor Regen geschützt schlafen kann; selbst den Schlafsack lasse ich bei meinem Bruder und packe stattdessen einen leichteren Biwaksack ein, in dem ich mich mit all meiner Kleidung hineinlegen werde und so die lauen Sommernächste gut überstehen kann. Auch die komplette Fotoausrüstung lasse ich daheim. Ab jetzt gibt es hier also nur noch zweitklassige Handybilder zu sehen.

Es macht mir Spaß, auf diese Weise und mit meiner Erfahrung aus den letzten Monaten das notwendige Gepäck auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Was benötigt man, um komfortabel, aber doch schnell im Sommer durch Deutschland zu radeln? In meinem Fall sind es nun 16 Kilogramm – das Fahrrad wiegt gute neun, der Rest ergibt sich durch die Taschen und die Ausrüstung.

Derartig leicht bepackt begebe ich mich auf erste Testtouren, besuche verschiedene Familienmitglieder in Nordrhein-Westfalen, bevor ich am 18. Juni auf die letzte Etappe Richtung Basel aufbreche. Zuvor schnüre ich aber noch ein Paket, das mir meine Verwandten nach Basel hinterherschicken werden. So werde ich dort nicht auf meine ultraleichte Fahrradausrüstung beschränkt sein, sondern auf etwas komfortablere Alltagskleidung zurückgreifen können.

Mit neuem Fahrrad und leichtem Gepäck

Mit Leichtigkeit über Stock und Stein

Von Gevelsberg sause ich in wenigen Stunden hinab an den Rhein und in die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn. Monika, eine Freundin, wohnt zwar hier, ist aber gerade nicht da. Ich könne dafür bei Daniela und Philipp übernachten, guten Freunden von ihr. Daniela kommt aus Guatemala, Philipp ist Deutscher, aber in Brasilien aufgewachsen. Ich werde mich bestimmt gut mit ihnen verstehen, meint Monika. Und so kommt es auch. Wir verbringen einen unterhaltsamen Abend, unterhalten uns meist auf Englisch, manchmal auf Spanisch und Deutsch. Mal wieder beeindruckt es mich, wie Menschen aus ganz unterschiedlichen Breitengraden und Kulturkreisen zusammen- und zueinanderfinden. Besonders unser christliche Glaube verbindet und gibt uns eine gemeinsame Lebensausrichtung vor.

Am nächsten Tag folge ich nur kurz dem Rhein und biege schon bald hinter Bonn wieder in das Mittelgebirge ab. Ab Bonn habe ich mir mit Komoot eine Strecke zusammengestellt, die mich über Stock, Stein und so einigen Höhenmetern nach Wiesbaden führt. Das ist der erste wirkliche Härtetest für Fahrrad und Ausrüstung. Sie bestehen diese mit Bravour. Mit Leichtigkeit erklimme ich steile Anstiege auf losem Untergrund, nur ganz selten muss ich absteigen und das Rad schieben. Doch selbst das Tragen über den ein oder anderen umgefallenen Baum fällt nicht schwer. Dieses neue Setup macht einfach Spaß!

Das bringt mich zum Nachdenken, mit welchem Fahrrad und mit welcher Ausrüstung ich zukünftig reisen möchte. Für die große Tour nach Israel und Jordanien hatte ich mich für einen Mix aus Mountainbike und Tourenrad entschieden. So konnte ich komfortabel auf Asphalt reisen und trotzdem immer mal wieder Mountainbike-Strecken (wie die Adriatic-Crest-Route oder die Holyland-Challenge) befahren. Allerdings macht letzteres mit dem neuen Setup noch um ein vielfaches mehr Spaß und fällt so viel leichter. Ich denke also, dass ich Bikepacking-Touren nur noch mit möglichst wenig Gepäck durchführen werde, dafür aber auch nur maximal zwei Wochen lang. Sollte ich einmal wieder auf große Radtour gehen, werde ich wahrscheinlich auf ein Fahrrad mit dünnen Reifen setzen und lediglich auf Straßen fahren.

In jedem Fall seht Ihr, liebe Leser, dass ich auch nach neun Monaten auf dem Fahrrad nicht müde bin, mich weiterhin mit diesem zu beschäftigen.

Wiedersehen in Wiesbaden

Nach einem Tag im Westerwald und Taunus und einer Übernachtung in einem Unterstand mit Blick auf das Lahntal komme ich nach Wiesbaden. Hier werde ich von Chrisi erwartet, einem guten Freund, mit dem ich zusammen den Zivildienst in Chile verrichtet habe. Das ist jetzt schon zehn Jahre her, in der Zwischenzeit haben wir uns allerdings weiterhin und in unregelmäßigen Abständen gegenseitig besucht. Und obwohl er in den letzten zehn Jahren etwas ganz anderes studiert hat, es ihn für längere Zeit nach Peru und Ägypten verschlagen hat, während mich meine Wege nach Irland, in die Schweiz und mit dem Fahrrad nach Jordanien geführt haben, dauert es doch wieder nur wenige Minuten, bis wir an alte Gewohnheiten und Erlebnisse anknüpfen. Schnell lachen wir wieder über alte Anekdoten. Unsere unterschiedlichen Erfahrungen und Erkenntnisse entfremden uns nicht voneinander, sondern dienen uns nur als zusätzliche Grundlage für Gespräche.

In Wiesbaden treffe ich nicht nur auf Chrisi, sondern auch auf den Rhein. Diesmal verlasse ich diesen aber nicht direkt, sondern folge ihm bis nach Mannheim. Ich kenne den Rheinradweg gut, früher bin ich gerne den verschiedenen Flussradwegen in Deutschland gefolgt. Mittlerweile finde ich diese allerdings ziemlich langweilig, oder besser gesagt: Die Berge und Wälder seitlich der Flüsse reizen mich mehr. Dafür kommt man schnell voran, so ein Flussradweg ist eine wahre Fahrrad-Schnellstraße.

Am heutigen Tag werde ich allerdings etwas von meinem Hinterreifen ausgebremst. Die holprigen Wege nach Wiesbaden haben diesem doch sehr zugesetzt und einige Schlitze verpasst. Hier zeigt sich ein großer Nachteil des ultraleichten Setups gegenüber meiner gewohnten Ausrüstung: Während die schwereren Maxxis-Ardent-Reifen selbst die anspruchsvollsten Wüstentrails in Israel ohne irgendwelche Probleme mitgemacht haben, gibt sich der leichtere Continental-RaceKing-Reifen schon nach knapp 1000 Kilometern Nutzung geschlagen. Immer wieder höre ich, wie auf einmal ganz viel Luft aus einem besonders großen Schlitz entweicht. Ich halte dann jeweils an, drehe den Schlitz nach unten, sodass etwas Dichtungsmilch durch diesen entweichen kann und hoffe, dass diese Milch das Loch verschließt.

Das tut sie tatsächlich auch – ein Lob auf die neuartige Tubeless-Technologie! Ich gelange mit kurzen Zwischenstopps, in denen ich immer wieder etwas Luft nachpumpe, bis nach Pforzheim. Dort kaufe ich mir dann aber doch einen neuen Mantel, diesmal wieder einen Maxxis-Reifen. In den nächsten Tagen wird mein Material nämlich erneut höchsten Ansprüchen ausgesetzt sein.

Bike Crossing durch den Schwarzwald

Als Abschluss meiner Radreise nach Basel habe ich mir eine Mountainbike-Route herausgesucht, die von Nord nach Süd den Schwarzwald durchquert. Seitdem ich nach Basel gezogen war, hatte ich davon geträumt, einmal den Schwarzwald mit dem Mountainbike zu durchqueren. Jetzt gehe ich diesen Wunsch mit der X-ing Bike Crossing Route an. Innerhalb von 450 Kilometern führt sie über 16.000 Höhenmetern und vielen einsamen Pfaden durch das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands. In Pforzheim, der Stadt, die als “Tor zum Schwarzwald” bezeichnet wird, beginnt sie.

Schon kurz hinter Pforzheim bin ich auf einem einsamen Schotterweg und in einem dichten Wald unterwegs. Die Bäume sind hier natürlich nicht schwarz, woher hat der Schwarzwald also seinen Namen? Es waren die Römer, die ihn silva nigra tauften. Warum genau, ist nicht sicher, es gibt verschiedene Theorien: Die einen vermuten, dass durch die vielen Rodungen im Mittelalter vielfach lediglich schwarze Baumstümpfe übrig blieben, es begegnete einem also ein verbrannter, schwarzer Wald. Die anderen weisen schlichtweg darauf hin, dass es in dichten Fichtenwäldern auch tagsüber sehr dunkel ist, also fast schwarz. Zusätzlich soll der Schwarzwald zur Zeit der Römer ein Zufluchtsort von Räubern und dunklen Gestalten gewesen sein, in das man sich nicht so einfach hineintraute.

Solche Räuber laufen einem heute in jedem Fall nicht mehr so zahlreich über den Weg. Stattdessen begegnen mir immer mal wieder einsame Wanderer. In kleinen, beschaulichen Dörfern sehe ich zusätzlich einige Asiaten, die die ulkigen Schwarzwald-Häuser fotografieren. Auch freue ich mich über den Schatten, den der Schwarzwald beständig bietet – ob er nun seinen Namen dadurch erhalten hat, oder nicht. Je weiter ich gen Süden komme, desto heißer wird es nämlich.

Zusätzlich treiben mir die vielen, steilen Anstiege den Schweiß ins Gesicht. Die Bike Crossing Route führt nämlich entweder bergauf, oder bergab – etwas dazwischen scheint sie nicht zu kennen. Es verlangt mir viel Kraft ab, zum dritten Mal am Tag 500 Meter bergab zu rauschen und direkt danach erneut einen 500 Meter-Anstieg in Angriff zu nehmen. Immerhin führen diese Anstiege meistens über gut ausgebauten Schotterwege. In Baden-Württemberg gibt es nämlich die sogenannte “Zwei-Meter-Regel”, also ein Gesetz, das es Radfahrern verbietet, Wege zu nutzen, die schmaler als zwei Meter sind. Nur in Ausnahmen führt die Bike Crossing Route also über schmale und anspruchsvolle Singletrails.

Mentale Kämpfe am Berg

Vier Tage verbringe ich also damit, durch den dunklen Wald zu radeln und einen Hügel nach den anderen hinauf- und direkt im Anschluss wieder hinabzusausen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Mir wird bewusst, dass es für mich viel mehr eine mentale, als eine physische Anstrengung ist. Schon nach wenigen Höhenmetern bin ich nämlich versucht, auf den Höhenmesser zu blicken, mir auszurechnen, wie lange der Aufstieg noch dauert, sehnsuchtsvoll hinter der nächsten Kurve die Kuppe zu vermuten. Viel sinnvoller scheint es mir jedoch, gedanklich einen Pedalschlag nach dem anderen zu unternehmen, mich ganz auf das Jetzt, ja sogar das eigene Atmen zu konzentrieren. Mit jedem Anstieg gelingt mir dies besser.

Am Ende des vierten Tages fällt dann auch der finale Anstieg auf den höchsten Punkt des Schwarzwaldes und Baden-Württemberges, den Feldberg, gar nicht mehr so schwer. Da es heute Nacht selbst an diesem Ort, also auf knapp 1500 Metern, nicht sonderlich kalt werden soll, entscheide ich mich spontan dazu, auf dem Gipfel zu übernachten. Ich breite meine Isomatte und meinen Biwaksack aus und genieße den Sonnenuntergang. Als es ganz dunkel ist, kann ich in der Ferne die Stadt Basel leuchten sehen. Dahin werde ich morgen fahren und meine “Radrunde” durch 24 Länder beenden.

Und mal wieder komme ich “nach Hause”

Am nächsten Morgen werde ich früh von der Sonne geweckt. Heute soll es im Rheintal bis zu 36 Grad heiß werden. Ich beeile mich also und sause vom Feldberg ins Wiesental hinab, das mich bis zur schweizer Grenze und an den Rhein leitet. Schon am frühen Mittag bin ich in Basel, fahre an einigen mir bekannten Orten vorbei und lege schließlich eine Pause im Friedhof Hörnli ein. Hier habe ich unzählige Stunden verbracht und für das Studium gelernt. An heißen Tagen habe ich besonders gerne meine Füße in einen der großen Brunnen gelegt. So mache ich es auch heute.

Da bin ich also wieder – nach knapp 13.000 Kilometern und neun Monaten komme ich an dem Ort an, an dem meine Reise gestartet hat. Zwar liegen viele Erlebnisse und Begegnungen hinter mir, und doch fühlt es sich fast schon normal, ja wie routinierter Alltag an, als ich in den folgenden Tagen zu Freunden fahre, meine alte Arbeitsstelle und Gemeinde besuche und bei meinem Stamm-Fahrradladen vorbeischaue. Überall werde ich freudig begrüßt, und immer freue auch ich mich riesig, die mir so lieb gewordenen Menschen, an die ich während unzähliger Stunden auf dem Fahrrad gedacht habe, wieder zu sehen. Bin ich damit aber endlich zu Hause angekommen?

Ich erinnere mich, dass ich in Dresden und an verschiedenen Orten in Nordrhein-Westfalen ähnliche Gefühle hatte, routiniert bin ich durch mir bekannte Städte gefahren, habe mir ins Gedächtnis eingebrannte Orte aufgesucht und geliebte Menschen in die Arme geschlossen. Bald habe ich aber auch wieder “Tschüss” gesagt, bin weitergezogen, um andere Freunde zu besuchen und auf dem Weg dahin neue Freundschaften zu schließen. So realisiere ich mehr und mehr, dass es nicht den einen Ort gibt, der mein zu Hause ist und an dem ich irgendwann “ankommen” könnte. Vielmehr sind es einzelne Menschen, mit denen ich mein “zu Hause” definieren kann.

Menschen wie mein Bruder und seine Frau, in dessen Haus ich immer willkommen bin; Menschen wie Chrisi, den ich immer mal wieder treffe und mit dem ich zusammen lachen kann, als wären wir nie getrennt gewesen; oder Menschen wie all die Freunde in Basel, zu denen ich hoffentlich noch oft zurückkehren werde. Ich fürchte mich weniger denn je davor, bis an mein Lebensende zwischen diesen verschiedenen Menschen, die ich “zu Hause” nenne, zu pendeln, bevor ich in meine himmlische Heimat einziehen darf.

Denn auch in Basel werde ich nur kurz bleiben. Schon am 07. Juli werde ich die Stadt wieder verlassen, um auf die – jetzt aber wirklich – letzte Etappe meiner Reise aufzubrechen. Dann starte ich nämlich auf die Bikepacking Trans Germany, einem Mountainbike-Rennen, das von Basel bis nach Rügen führt. Weitere Informationen dazu folgen bald.

Bis dahin gibt’s hier einen Rückblick auf meine bisherige Route und einen Ausblick auf die Route, auf die das Rennen führen wird.

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