Bikepacking Trans Germany 2019 – Das Leben danach

by Velospektive

Seit meiner Ankunft am Kap Arkona sind einige Wochen vergangen. Es wird Zeit, zurückzublicken. Ich habe eine Woche bei meiner Familie, danach drei Wochen in der Schweiz verbracht, habe gearbeitet, Freunde besucht, insgesamt bin ich sehr wenig Fahrrad gefahren. Warum das? Zum einen, weil ich wenig Zeit dafür hatte, zum anderen aber auch, weil ich die Auswirkungen des Rennens bis heute spüre. Die Regeneration dauert länger als erwartet.

Regeneration ist gar nicht so einfach

Schon am dritten Renntag schmerzten meine Knie, meine Hände wurden besonders durch die Holperpisten des Ostens gefordert, neben Händen und Knien spürte ich aber auch sonst so ziemlich jedes Gelenk und jeden Muskel. Mir war schon am Ziel klar: Es wird Wochen dauern, bis ich wieder ohne Beschwerden Fahrrad fahren könnte. Zudem wusste ich, dass ich tagelang großen Hunger haben würde, ich würde einiges essen müssen, um die Energiespeicher wieder aufzufüllen.

Die erste Woche habe ich dann tatsächlich übermäßig viel geschlafen und zwischen dem Schlaf andauernd gegessen. Danach ging es in die Schweiz, wo ich für zweieinhalb Wochen eine Ferienvertretung in einer sozialpädagogischen Wohngruppe übernommen habe. Dort war ich rund um die Uhr gefordert, konnte zwar weiterhin gut essen und viel schlafen, aber den Ort nicht verlassen. Während der ganzen Zeit in der Wohngruppe habe ich mir nur zweimal mein Fahrrad geschnappt und war für jeweils zwei Stunden unterwegs.

Rückblickend war das zu wenig. Regeneration heißt eben nicht nur, sich auszuruhen, zu essen und zu schlafen, sondern langsam zu der vorherige Belastung zurückzukehren. Ideal wäre es gewesen, ab der zweiten Wochen mindestens jeden zweiten Tag Fahrrad zu fahren, zu wandern oder zu joggen und die Umfänge kontinuierlich zu steigern. Stattdessen habe ich die meiste Zeit im Haus verbracht.

Dort ist es dann zu einer interessanten Umkehrung gekommen: War ich die erste Woche müde von der Belastung der BTG, nahm die Wochen darauf die Müdigkeit durch Trägheit überhand. Das ganze viele Schlafen und Essen sorgte zunehmend zu noch mehr Müdigkeit (und wahrscheinlich auch zu ein paar zusätzlichen Gramm Körperfett), nicht aber zu neuer Frische.

Ich denke, das ist generell eine große Gefahr: Man vollbringt eine große Leistung, steht unter enormem Strom und Adrenalin. Nach der Belastung will man sich nur erholen, fühlt sich dazu berechtigt, will sich womöglich sogar damit belohnen. Man verfällt dann leicht in einen Regenerations-Kreislauf, wird auch nicht aktiv, wenn schon längst Bewegung wieder gut tun würde.

Seitdem ich die Arbeit in der Schweiz beendet habe, fahre ich mehr Fahrrad. Das geht mittlerweile wieder gut, gewisse Beschwerden sind jedoch noch immer da: Meine Fingerkuppen sind weiterhin leicht taub. Ich dachte ja, dass ich tauben Finger mit einer Federgabel und Ergon-Griffen entgegenwirken könnte, doch die Belastung war wohl doch zu groß. Tilo hat in dieser Hinsicht von seinem Rannradlenker und der Lauf-Gabel geschwärmt – das wäre vielleicht mal ein Versuch wert.

Auch die Knie wollen noch nicht wieder wie vorher. Hier frage ich mich allerdings besonders, ob ich sie zu lange habe ruhen lassen. Seit meiner Kreuzband-Operation weiß ich, dass man besonders bei Knien die Regeneration mit schonenden Bewegungen fördert. Ich hoffe, dass sie bis zum nächsten Event, dem Eifel Graveller, wieder ganz hergestellt sind.

Wieso tut man sich sowas an?

Bei diesem ganzen Nachdenken über Regeneration kommt wohl so ziemlich jedem die Frage, wieso man sich überhaupt freiwillig solche Strapazen antut. Ein Freund hat mir letztens geschrieben:

Andere Leute, die sich auf ähnliche Weise schinden, werden zumindest finanziell entschädigt; die BTGler bezahlen für die Schinderei auch noch.

(Er meint vermutlich die Kosten für Verpflegung und Unterkunft – für die BTG selber zahlt man ja nichts, nur damit das klargestellt ist.)

Es scheint mir, dass es in unserer Gesellschaft zunehmend zwei Gruppen gibt: Die einen sind bekennende Nicht-Sportler, die anderen quälen sich umso mehr, suchen nach Nischensportarten, für die sie ihre Freizeit opfern, Freunde und Familie vernachlässigen und höchste Torturen auf sich nehmen. Es gibt nur noch wenige, die eine Balance zwischen den zwei Extremen finden.

Seit mindestens zehn Jahren gehöre ich auch zur zweiten Gruppe, nehme mir immer neue Wettkämpfe und Herausforderung vor. Wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass es immer wieder Momente gab, in denen ich mir selber gesagt habe: „Das war‘s mit dem Extremsport, mit diesem freiwilligen Selber-Quälen und über‘s gesunde Limit hinausgehen.“ Bald nach dem Zieleinlauf, dem Erreichen des einen, großen Zieles hatte ich jedoch schon ein neues, großes – meist sogar noch größeres – Ziel vor Augen.

Zunehmend stelle ich mir also selber die Frage: Wieso tust du dir das immer wieder an? Ich glaube, es lässt sich hauptsächlich mit zwei Dingen begründen: Zum einen werden die Schmerzen und Strapazen in der Erinnerung abgemildert, alles scheint doch gar nicht schlimm gewesen zu sein. Zum anderen besteht solch ein Rennen bei weitem nicht nur aus Qual und Schmerz (das ist womöglich etwas einseitig durch meine Berichte rübergekommen – Schwierigkeiten und Herausforderungen lassen sich halt anschaulicher beschreiben, als Freude und Höhenflüge).

Zudem ist das Gefühl, da draußen unterwegs zu sein und nach höchster Anstrengung ein Ziel zu erreichen, unbeschreiblich und unvergleichlich – es macht regelrecht süchtig. Besonders ich als Wettkampftyp kann mittlerweile nicht mehr ohne diese regelmäßigen Herausforderungen.

Das führt mich zu einem weiteren Punkt:

Konkurrenz und Kommerz

So wie ich nutzen mittlerweile viele die Bikepacking-Veranstaltungen, um ihren Wettkampfgeist zu befriedigen. Immer mehr entdecken diese Events, die man im sogenannten Selbstversorgermodus bewältigen muss, für sich. Viele kommen vom Rennrad, sind jedoch vom Kommerz, der sich rund um diese Wettkämpfe entwickelt hat, genervt. Da muss man hohe Startgebühren zahlen, es gibt Begleitfahrzeuge und Versorungsstationen, Sponsoren nutzen die Veranstaltungen als Werbeplattformen. Wie sympathisch ist da so ein Event wie die BTG!

Was passiert aber, wenn immer mehr Leute dran teilnehmen, die Zwischenstände im Internet verfolgen oder das ganze sportlich und als Rennen anstatt nur als gesellige Ausfahrt nehmen? Der Kommerz wird sich zunehmend auch bei Bikepacking-Veranstaltungen einstellen – so fürchten zumindest viele. Ein Kommentar unter einem meiner Beiträge auf Facebook lautete etwa:

Rennen, Rennbericht, ist es tatsächlich ein Rennen? Ich persönlich finde diese Bezeichnung sehr unglücklich…

Ich kann diese Befürchtung nachvollziehen. Bei einigen Veranstaltungen ist über die Jahre bereits eine Veränderung zu beobachten. Und es ist wohl ein generelles menschliches und kapitalistisches Gesetz, dass clevere Menschen Gewinn riechen und ihre Chance nutzen, sobald sich Begeisterung um ein bestimmtes Gebiet sammelt.

Was kann man tun, um der Kommerzialisierung entgegenzuwirken? Ich denke, es ist nicht damit getan, dass alle einfach ihren Ehrgeiz ablegen. Vielmehr scheint mir die Einstellung das Entscheidende. Ich habe mich selbst dabei ertappt, dass ich am Start die „Konkurrenz“ gemustert habe. Bei jedem habe ich mir sofort überlegt, ob er oder sie wohl schneller sein wird, als ich. Da musste ich mich innerlich immer wieder bremsen. Wenn nur die Frage, wer wohl stärker und schneller ist, das Kennenlernen prägt, dann läuft etwas falsch.

Bei all dem Wettkampf und der Konkurrenz versuche ich also das Miteinander nicht zu vernachlässigen. Das wird übrigens auch bei den Regeln der BTG angedeutet, wo es heißt:

Das Fahren / Essen / Biwakieren in Gruppen wird toleriert. Dabei kann dann auch das Survival-Kit zum Einsatz kommen.

Mit dem Survival-Kit ist ein Flachmann voll mit Whiskey oder ähnlichem gemeint. Beim Lesen dieser Regel sieht man Thomas und Achim, die Rennorganisatoren, förmlich zwinkern. Es ist, als ob sie sagen wollten: “Leute, nehmt das ganze gerne als Rennen, aber gönnt euch trotzdem einen Moment, an dem ihr anhaltet, einander zuprostet und euch den Spaß an der Sache in Erinnerung ruft.”

Zehn Sterne für Thomas und Achim

Apropos Thomas und Achim: Ihre Arbeit muss ich an dieser Stelle nochmals ausdrücklich loben. Sie haben die Strecke mit Hilfe vieler Scouts zusammengestellt und organisieren seit nunmehr vier Jahren das BTG-Event in ihrer Freizeit. Deshalb kann man weiterhin konstenlos daran teilnehmen. Von vorne bis hinten stimmt für mich bei der Organisation alles. Die Kommunikation ist klar, alles ist gut durchdacht. Danke Euch!

Achim und Thomas am Start

Sieben Sterne für die Strecke

Das gleiche gilt auch für das Scouting der Strecke. Abgesehen von spontanen Wegsperrungen oder kurzfristigen Baustellen ist der Track von Basel bis Rügen fahrbar. Niemals stand ich vor einem Zaun oder landete in einer Sackgasse. Für eine 1657 Kilometer lange Offroad-Strecke ist das alles andere als selbstverständlich.

Allerdings werde ich die Strecke nicht nochmals fahren, weder als Rennen, noch als Urlaubsfahrt. Die ersten 1000 Kilometer habe ich nun schon zum dirtten Mal zurückgelegt. Zwischen Rhein und Elbe erwarten einen zwar so manche schöne Dörfer und tolle Panoramen; die langen und recht eintönigen Waldpassagen dazwischen (besonders im Erzgebirge) muss ich mir allerdings nicht noch ein viertes Mal geben.

Die 650 Kilometer nach der Elbe bin ich zwar zum ersten Mal abgefahren, es reizt mich allerdings auch nicht sonderlich, sie nochmals zurückzulegen. Auch hier gibt es zwar viele sehenswerte Orte entlang der Strecke, Orte, die man unter normalen Umständen nicht zu Gesicht bekommt; doch insgesamt ist die Fahrt auf Grund der vielen Sand- und Pflastersteinpassagen doch eher Qual als Vergnügen.

Das ist keinesfalls eine Kritik an den Scouts der jeweiligen Passagen. Das Ziel der Strecke ist es schließlich, fern von Asphalt und Zivilisation durch Deutschland zu führen. Wenn man in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern den Asphalt verlässt, trifft man nunmal auf Sand oder Pflaster – oder auf Wanderwege, die an Seen entlang führen, was auf Grund der umgestürzten Bäume und der Mücken auch keine bessere Alternative ist.

Ich würde die Strecke der BTG also als Herausforderung und Möglichkeit, eine andere Seite von Deutschland kennenzulernen, empfehlen. Für eine gemütliche Radtour durch dieses Land fallen mir andere Strecken ein.

Sandpassagen in Brandenburg

Foto von Tilo Lier

Das Fahrrad

Gravelbikes werden für die BTG immer beliebter. Ich habe trotzdem zum klassischen Hardtail-Mountainbike gegriffen und war damit voll zufrieden. Die Trails ließen sich mit den breiten Reifen (2,2 Zoll) gut meistern, zusätzlich konnte ich mit 34 Zähnen vorne und 50 Zähnen hinten so ziemlich jeden Anstieg fahren.

Komfortabel war‘s auch, besonders begeistert bin ich von dem Sattel Ergon SRX3 – mein Hintern und dieser passen einfach perfekt zusammen. Komfort geht für mich auf solchen Rennen definitiv vor Geschwindigkeit. Das scheint sich auch an den Platzierungen zu bestätigen: Vom Erstplatzierten bis zu mir (Platz 10) fuhren dieses Jahr alle außer Tilo Lier ein Mountainbike.

Von der Sram XO1 Eagle mit 12 Gängen bin ich allerdings nicht durchweg überzeugt. Vor dem Rennen musste ich sie feinjustieren, damit ich jeden Gang leicht schalten kann. Am Ziel und nach vielem Schalten, Regen und Schlamm hakte es bei einigen Gängen allerdings schon wieder. Der Weg vom kleinsten Gang und 50 Zähnen zum größten und nur 10 Zähnen ist halt schon ein extremer – die Kette wird dabei sehr stark gebogen, das Schaltwerk muss einen enormen Weg zurücklegen. Schonender ist da sicherlich die Variante mit zwei oder sogar drei Kettenblättern vorne.

Mein Fahrrad für die BTG

Die Ausrüstung

Bei der Ausrüstung gab‘s keine großen Überraschungen, insgesamt bin ich auch hier sehr zufrieden. Die einzige ungewöhnliche Entscheidung war es sicherlich, auf einen Schlafsack zu verzichten und lediglich auf einen Biwaksack und eine Daunenjacke zu setzen. Das würde ich nicht noch einmal so machen. Mit Ausnahme einer Übernachtung in Brandenburg waren nämlich alle Nächte sehr frisch. Für den Luxus, durch einen Daunenschlafsack innerhalb von Minuten aufgewärmt zu werden, nehme ich beim nächsten Mal gerne die wenigen Gramm zusätzliches Gewicht in Kauf.

Beim Eifel Graveller, dem Bikepacking-Event, bei dem ich am Sonntag an den Start gehe, werde ich dafür aber keinen Biwaksack mitnehmen. Ein solcher schützt einen selbst und den Schlafsack vor Schmutz und Nässe. Ich hoffe allerdings, dass ich in den wenigen Nächten in der Eifel immer eine Schützhütte oder ein Dach finde, unter das ich mich legen kann – dann geht‘s auch ohne Biwaksack.

Meine Ausrüstung auf der BTG

Auch mit meinen Fahrrad-Taschen war ich sehr zufrieden. Nur die Ortlieb-Satteltasche hat sich als etwas zu groß herausgestellt – mein Plan war es, sie zu benutzen und dafür auf eine Lenkertasche zu verzichten. Wenn man sie mit nassen Sachen vollpackt, kann sie die gerade Position allerdings nicht mehr halten und hängt im wahrsten Sinne des Wortes wie ein nasser Sack nach unten.
Deshalb werde ich in der Eifel mit zwei neuen Apidura-Taschen an den Start gehen. Der Racing Handlebar Pack und der Racing Saddle Pack fassen zwar jeweils nur 5 Liter, dafür verteilt sich das Gewicht damit gleichmäßiger auf das Fahrrad. Besten Dank Tilo Lier für das Vorbild!

Mein neues Setup

Vom Schreiben über das Radfahren

Was bringt einen eigentlich dazu, enorm lange Berichte über das Radfahren zu schreiben? Und was bringt andere Menschen dazu, diese Berichte auch noch zu lesen?

Zunächst zur ersten Frage: Mir hat das Beschreiben meiner Erfahrungen auf der BTG äußerst viel Spaß gemacht. Je mehr ich schreibe, desto lieber mache ich es. Zusätzlich empfinde ich das Schreiben als eine gute Art, um Erlebnisse zu verarbeiten und bewusst zu reflektieren.

Ich berichte ja nun seit fast einem Jahr über meine Erlebnisse auf dem Fahrrad. Mittlerweile bin ich so gewohnt daran, dass ich schon auf dem Rad die Sätze, die ich später in die Tasten haue, gedanklich formuliere. Das geht inzwischen so weit, dass ich in Situationen, die nichts mit dem Radfahren zu tun haben, darüber nachgedacht habe, wie ich diese später auf meinem Blog beschreibe. Keine Angst – diese Texte werden an anderer Stelle niedergeschrieben, die Seite soll schließlich ein Fahrradblog bleiben.

Ich würde nicht mehr ohne schriftliche Reflexionen auf Reise gehen. Das Schreiben treibt mich dazu, Dinge tiefer zu durchdenken, Worte für Erlebtes zu finden, immer wieder im Rausch der Geschehnisse inne zu halten. Jeder, der ein Tagebuch führt, wird wissen, was ich meine.

Nun aber zu der womöglich noch viel berechtigteren Frage: Was Menschen bringt dazu, meine Texte zu lesen? Diese Frage hat sich mir selber immer wieder gestellt, besonders, wenn ich zum fünften Mal ausführlichst so etwas Banales wie einen Besuch beim Bäcker beschrieben habe. Doch die Rückmeldungen zeigen mir, dass viele Menschen offensichtlich gerne und mit Spannung meine Texte gelesen haben.

Nur einer hat sich kritisch geäußert:

Die Berichte sind unterhaltsam geschrieben. Leider vermisse ich den Tiefgang.

Kritik erhält man als Blogger ja nur äußerst selten, deshalb bin ich besonders dankbar für diesen Kommentar. Und ich muss dem Verfasser Gerhardt Recht geben: Meine BTG-Berichte weisen tatsächlich wenig Tiefgang auf, schlussendlich beschreiben sie mit vielen Worten etwas ziemlich Belangloses, nämlich wie jemand in gut sieben Tagen auf dem Fahrrad durch Deutschland reist.

Ein anderer schreibt dagegen:

Benni, aus deinen kleinen Geschichten kann man immer wieder sehr gut fürs Leben als Ganzes (Totalperspektive) lernen. Vielen Dank für diesen Newsletter.

Wenn meine Texte über die pure Unterhaltung hinausgehen, würde mich das natürlich besonders freuen. Die BTG als Analogie zum Leben sozusagen. Ob das wirklich gelungen ist, mögen andere beurteilen.

Jedenfalls darf eine weitere Motivation für‘s Schreiben nicht verschwiegen werden: Ich lechze mit meinen Rennberichten um Anerkennung. Das muss ich ehrlich zugeben. Schon die gute Platzierung an sich und das Wissen, dass mich viele live verfolgt haben, hat mir ziemlich große Genugtuung verschafft. Dann aber auch noch zu beobachten, wie meine Seite täglich viele hundert Mal besucht wurde und Menschen mit Spannung meine Berichte gelesen haben, hat mich umso mehr gefreut.

Dahinter steckt meine Angst, nur Durchschnitt zu sein. Immer wieder stelle ich mich neuen Herausforderungen, um mir selbst und anderen zu beweisen, dass ich besonders gut, besonders fleißig, besonders sportlich bin, um Anerkennung zu erlangen. Ich habe das an anderer Stelle ausführlicher beschrieben (siehe Von der Gefahr, dass sich alles nur um mich dreht).

Das Selfie als Suche nach Anerkennung

Das Problem dabei ist nur: Die Freude und Genugtuung über Anerkennung, über die gute Platzierung bei einem Rennen, über viele Leser meiner Berichte wird mich immer nur kurzfristig zufrieden stellen.

Über was definiere ich mich?

Wenn das Fahrradfahren mein Leben wäre, ich würde immer wieder auf solche Touren gehen, mich immer wieder neu bei Rennen messen und mir dadurch (zumindest kurzfristig) Anerkennung verschaffen. Wenn ich ehrlich bin, reizt mich das ungemein. Noch während der BTG habe ich mit Bewunderung die Leistung von den drei ersten Fahrern Lieven Schroyen, Rostislav Kubný und Thomas Taut verfolgt, habe mir überlegt, wie ich so schnell und ausdauernd werden könnte, wie sie, habe spekuliert, ob ich irgendwann sogar schneller sein könnte, als die drei.

Um jedoch an ihre Leistung anknüpfen zu können, müsste ich noch mehr Zeit meines Lebens für das Training opfern. Der Sport, welcher sowieso schon einen enormen Platz in meinem Leben einnimmt, würde dann endgültig Überhand nehmen. Irgendwann würde ich wohl auch meine Profilbilder auf den sozialen Medien ändern, mich stets auf oder neben einem Fahrrad ablichten und damit ausdrücken: Mein Fahrrad und ich, wir gehören zusammen, sind untrennbar, mein ganzes Leben und Sein definiert sich über das Radfahren.

Ich habe allerdings schon vor Jahren beschlossen, dass das Radfahren stets nur eine Leidenschaft, nie aber zum Lebenssinn werden soll. Ich habe erkannt, dass die Suche nach Anerkennung durch den Sport und überhaupt Anerkennung durch irgendwelche Leistungen und Erungenschaften mich niemals zufrieden stellen wird. Ich versuche mich nicht mehr selber zu definieren, mein Leben zu entwerfen und daraus Glück zu finden. Stattdessen bemühe ich mich, eine Definition, die mir von außen gegeben wurde, die mir Gott geschenkt hat, anzunehmen. Nur die Anerkennung von Gott gibt mir beständig Zufriedenheit und Ruhe.

Das fasst ganz kurz meine Lebenseinstellung zusammen (ausführlicher hier). Ich versuche mir das immer wieder in Erinnerung zu rufen, immer mehr danach zu leben, auch wenn es oft schwer fällt.

Wie geht‘s weiter?

Was bedeutet das für die nächste Zeit? Werde ich das Fahrrad in den Keller verbannen und nie wieder anfassen? Natürlich nicht. Gerade die Entscheidung, das Radfahren nicht zum Lebensmittelpunkt zu machen, befreit dazu, unverkrampft neu auf Tour zu gehen. Meine große Reise hat zwar mit der BTG ihr Ende gefunden, kleinere Reisen auf zwei Rädern werde ich allerdings weiterhin unternehmen und hier darüber berichten.

Die nächste Reise steht schon am Wochenende an. Am Sonntag um 10 Uhr gehe ich beim Eifel Graveller an den Start, ein neues Event organisiert von Holger Loosen. Es geht 650 Kilometer durch die nicht zu unterschätzenden Berge der Eifel. Gut 50 Leute sind angemeldet, einige kenne ich bereits von der BTG. Das wird bestimmt eine gesellige Sache. Meinen Wettkampfgeist werde ich zwar auch hier nicht ganz ablegen, aber Respekt und Gemeinschaft sollen darunter nicht leiden. Und überhaupt muss ich mal sehen, welch ein Tempo meine Knie mitmachen.

Man kann uns Fahrern erneut live folgen (ab Sonntag um 10 Uhr bewegen sich die Punkte auf der Karte):

https://www.followmychallenge.com/live/eifelgraveller/

Nach der Veranstaltung werde ich hier berichten.

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Christian August 23, 2019 - 12:36

Hi, das mit der Regeneration kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich war vor 2 Wochen in den Alpen radeln und bin ab morgen auf beim Eifelgraveller 🙂 Die erste Woche habe ich es ruhiger angehen lassen und in der zweiten Woche musste ich auch aufpassen nicht der Trägheit zu verfallen, was sich auch psychisch nicht so gut auswirkt. Erst in den letzten Tagen kam wieder die Lust und Motivation für lange Touren.
Die Bikepackingfahrten die ich kenne sind bisher glücklicherweise weit weg vom Kommerz. Bei den 1-2 Tages-“Gravelrides” ist das schon etwas anderes. Allerdings stehen da auch oft Firmen dahinter und es wird viel geboten was auch bezahlt werden will.
Wir sehen uns in der Eifel 🙂

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Velospektive August 23, 2019 - 19:30

Hey Christian,
danke für die Rückmeldung. Interessant, dass Du ähnliche Erfahrungen gemacht hast.
Bis morgen in Klotten!

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Gerhardt August 23, 2019 - 23:37

Hallo Benjamin,
Danke für das Lob. Du hast Post (siehe rad-forum).
Gruß, Gerd

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Velospektive August 24, 2019 - 09:10

Ah, ich sehe Deine Nachrichten auf dem Forum erst jetzt. Danke dafür, ich schreibe Dir auch ausführlicher dort.

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Johannes Oktober 8, 2019 - 14:25

Danke für den ehrlichen und aufschlussreichen Beitrag. Du hast sehr viel Tiefgang! Wünsche dir weiterhin viel Spaß und Erfolg bei Deinen Touren!! Und vor allem: bleib gesund und munter!

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Velospektive Oktober 8, 2019 - 15:09

Danke Johannes, das freut mich sehr.
Grüße!

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