Eifel Graveller 2019 – Tag Zwei

by Velospektive

Als der Wecker um 4 Uhr klingelt, werde ich aus dem Tiefschlaf gerissen. Sehr gut, ich habe fast fünf Stunden richtig gut geschlafen. Außerdem fühle ich mich viel besser, als noch am Abend zuvor. Mein Magen scheint die Nacht über gute Arbeit geleistet zu haben, ich kann ohne große Mühe wieder Nahrung zu mir nehmen.

Nach 20 Minuten habe ich alles in die Fahrradtaschen gepackt und starte in den Tag. Es ist noch dunkel, mit meiner neuen Lupine-Lampe bereitet mir das Fahren im Dunkeln aber wenig Mühe. Zudem ist es schön kühl, für heute Nachmittag sind erneut mehr als 30 Grad angesagt.

Vierter

Auf den ersten Kilometern werfe ich einen Blick auf den Ticker: Guido ist wie erwartet einige Kilometer vorne. Olaf ist allerdings fast auf gleicher Höhe mit ihm! Er muss noch sehr lange in die Nacht hinein gefahren sein. Zudem bin ich nachts von Daniel überholt worden, er schläft bei Kilometer 202.

Insgesamt sieht es viel besser aus, als ich gedacht hätte. Ich habe gestern immerhin schon um 22.45 Uhr Schluss gemacht und fünf Stunden geschlafen. Trotzdem bin ich an vierter Stelle. Ich rechne mir aus, dass ich zumindest Olaf und Daniel bald einholen kann, schließlich habe ich jetzt einen Schlafbonus. Zudem fahren beide noch nicht.

Zwischenstand auf Follow My Challenge

Vorbei an Daniel

Es geht durch viel Wald und wie gewohnt über bergiges Terrain. Um 5.30 Uhr erreiche ich ein Flusstal. Am Rand einer größeren Straße sehe ich etwas liegen. Ist das ein Fahrrad und ein Biwaksack? Nein, meine Äugen täuschen mich. Als ich aber näher komme, bestätigt sich mein Eindruck. Das muss Daniel sein. Ich wundere mich, wieso er sich gerade neben diese Hauptstraße gelegt hat. Auf der anderen Seite boten die letzten Kilometer wenige bis gar keine guten Schlafmöglichkeiten.

Ich fahre weiter. Ich hätte nichts dagegen, wenn Daniel jetzt aufstehen und mich bald einholen würde, dann könnten wir ein wenig zusammen fahren. Am Abend zuvor haben wir uns schließlich gut unterhalten. Aber so früh jemanden zu überholen und den Tag über vor ihm zu bleiben, ist natürlich auch kein schlechtes Gefühl.

Bäckertalk in Gerolstein

Um halb neun erreiche ich Gerolstein. Gut 50 Kilometer sind schon geschafft – ein guter Zeitpunkt, um eine große Frühstückspause einzulegen. Direkt im Zentrum finde ich eine Bäckerei.

„Können sie mir zwei belegte Brötchen machen?“ Glücklicherweise bin ich der einzige Kunde, die Frau hinter der Theke kümmert sich direkt um meinen Wunsch.

„Na gerne. Wie viele Kilometer haben sie denn heute schon gemacht?“, erkundigt sie sich interessiert.

„50. 200 weitere will ich mindestens noch machen“, gebe ich routiniert zur Antwort.

„Boah! Dann aber auf Straße, oder?“

„Nein, auf Schotter und Wanderwegen.“

Ich erzähle ihr über die Veranstaltung, sie ist ganz begeistert.

„Kann man hier in Gerolstein Kopfhörer kaufen?“, frage ich sie beim Bezahlen. Gestern bin ich beim Überqueren einer Brücke mit dem Kopfhörerkabel am Geländer hängen geblieben, wobei sich die Audiobuchse verbogen hat. Deshalb versuche ich jetzt, Ersatz zu finden.

„Na klar, ein paar Häuser weiter ist ein Handygeschäft, die haben auch Kopfhörer. Bestellen sie liebe Grüße an Mustafa, ein ganz netter Mann.“

Ich lasse sie wiederum Grüße an nachfolgende Eifel-Graveller bestellen, falls heute welche bei ihrer Bäckerei Halt machen.

Neue Kopfhörer

Als ich vor dem Handyladen stehe, ist dieser noch geschlossen. Zwei Minuten später erscheint jedoch ein junger Mann und sperrt die Tür auf.

„Bist du Mustafa?“, frage ich ihn direkt.

„Nein, der Chef kommt immer später.“

Auch egal, Hauptsache sie haben Kopfhörer. Ich finde welche für 10 € und bin überglücklich, jetzt kann ich wieder während der Fahrt Podcasts und Musik hören und telefonieren.

Also auf geht‘s! Ich habe gut gefrühstückt, meine Wasserflaschen sind voll, meine Beine frisch und munter. Ich nehme mir vor, wenn überhaupt erst am späten Nachmittag wieder eine längere Pause einzulegen.

Vor dem Handyladen von Mustafa

Da ist ja der Holger!

Hinter der Stadt wartet – wie sollte es anders sein – wieder ein Anstieg. Es geht hinauf auf den Rothen Kopf, einer dieser vielen kleinen Eifel-Berge, die es auf Grund ihrer Vielzahl allerdings in sich haben.

Hinter Hillesheim komme ich an einer Erdbeben Messstation vorbei – ein Zeuge dafür, dass die Eifel ein Vulkangebirge und deshalb Erdbebengebiet ist.

Während ich so diese vielen kleinen Sehenswürdigkeiten der Eifel bestaune und das erste Musikalbum des Tages genieße, winkt mir auf einmal ein Mann am Wegesrand zu. Das ist ja der Holger! Ich freue mich riesig.

Holger erzählt mir, dass Olaf nur 10 Minuten vor mir ist. Dann stellt er mir ein paar Fragen und nimmt meine Antworten mit dem Handy auf. Später wird sich herausstellen, dass er nicht auf den roten Knopf gedrückt hat. Aber was soll‘s, es ist trotzdem schön, ein bisschen mit ihm zu plaudern.

Fotografiert von Holger

Unterwegs mit Olaf

Noch besser gelaunt fahre ich wieder weiter. Kurze Zeit später sehe ich in einiger Entfernung Olaf. Schnell bin ich mit ihm auf gleicher Höhe.

„Na, wie geht‘s dir, Olaf?“

„Naja, ich bin recht müde, habe nur eineinhalb Stunden geschlafen.“

Eineinhalb Stunden? Wie kann es sein, dass ich fünf Stunden geschlafen habe und wir jetzt trotzdem auf gleicher Höhe sind?

Olaf erzählt mir, dass er letzte Nacht Probleme mit seinem GPS-Gerät hatte und 10 Kilometer in die falsche Richtung gefahren ist. Oh man, der Arme! Ich weiß, wie sich bereits hundert Meter in die falsche Richtung anfühlen. Da er nichts Brauchbares zum Übernachten gefunden habe, sei er bis 5 Uhr zu einer Hütte weitergefahren. Bis 6.30 Uhr habe er dann geschlafen.

Die nächsten Kilometer fahren wir zusammen. Er ist zwar etwas langsamer als ich unterwegs, aber ich genieße die Gemeinschaft und Unterhaltung mit ihm.

Nach einiger Zeit machen wir bei einem Friedhof Halt und tanken Wasser nach. Es ist früher Mittag und schon wieder unheimlich warm. Ich tränke zusätzlich mein Oberteil in Wasser, das kühlt für gut eine Stunde.

Ich esse noch etwas, Olaf fährt vor. Am nächsten Anstieg hole ich ihn jedoch wieder ein und ziehe davon.

„Wir sehen uns später“, rufe ich ihm zu. Allerdings bin ich skeptisch, ob er sein Tempo mit so wenig Schlaf halten kann. Spätestens in Klotten sehen wir uns wieder, so hoffe ich.

Olaf fotografiert von Holger

Oh du schöne Eifel!

Hinter der Abfahrt wartet Blankenheim, wieder ein schmuckes, kleines Städtchen. Schon beeindruckend, was die Eifel auf kleinstem Raum alles zu bieten hat. An der Ahrquelle steht ein ganzer Verbund bestens erhaltener Fachwerkhäuser, darüber thront die Burg Blankenheim.

Mit jedem Kilometer bin ich begeisterter von der Eifel. Damit bin ich allerdings nicht alleine. In jedem dieser touristischen Orte treffe ich auf viele Touristen, außerdem sehe ich viele Autos mit belgischem und niederländischem Kennzeichen. Die Eifel scheint also ein beliebtes Ausflugsziel für Leute aus den nahen Nachbarländern zu sein.

Blankenheim

Routiniertes Rasen und Boxenstoppen

Die folgenden Stunden bieten fast schon Routine: Ich steige wenn dann nur vom Fahrrad ab, um Wasser aufzutanken oder zu pinkeln. Ansonsten geht’s kontinuierlich und über viele Waldstraßen und Pfade hinauf und hinab. Ich fühle mich, als ob ich gerade erst richtig eingefahren bin. Gestern um die selbe Zeit war ich platt, jetzt fühle ich mich trotz der Hitze quietschfidel.

Am Nachmittag lege ich einen erneuten Boxenstopp beim Bäcker ein – genauer gesagt beim Café Krupp in Heimbach. Ein feiner Laden. Ich bestelle etwas, was ich sonst nicht esse: Brötchen mit Schinken. Momentan kann ich mir nichts besseres vorstellen, als salzigen Schinken.

Die ältere Dame lässt sich nur leider äußerst viel Zeit und nimmt das Belegen der Brötchen sehr genau. Zahlen lässt sie mich auch nicht direkt, gehört sich wohl nicht für solch ein feines Café. Also bleibt mir Zeit, um eingehend den Zwischenstand zu studieren: Guido ist gut 10 Kilometer vor mir, Olaf 10 Kilometer hinter mir. Der zweite Platz scheint sich also zu manifestieren. Wenn ich jetzt nichts falsch mache, komme ich morgen als Zweiter in Klotten an – viel besser, als ich es mir im Vorhinein gedacht hätte.

Feine Schinkenbrötchen im noch feineren Café

Auf Ebene folgen Berge

Nach dem Boxenstopp gelange ich an die Rurtalsperre. Hier gibt’s nicht nur schöne Panoramen zu bestaunen, sondern es geht zur Abwechslung auch einmal flach am Ufer des Sees entlang.

An der Rurtalsperre

Der erfahrene Bikepacker stimmt sich allerdings nicht zu stark auf solche flachen Abschnitte ein. Konsequenterweise biegt der Track nämlich schon bald wieder vom Ufer des Sees Richtung Nideggen ab – eine weitere Burg, die man halt unbedingt gesehen haben muss. Und natürlich müssen zu dieser Burg wieder einige Höhenmeter überwunden werden.

Zu allem Überfluss kehre ich nach dem eineinhalb Stunden dauernden Abstecher zur Burg an fast genau den Punkt zurück, an dem ich den See verlassen habe. Solche Schleifen könnten einen kirre machen, wenn man die gesamte Karte der Eifel im Blick hat. Ich lasse mich jedoch wenig von diesen Umwegen, die Holger sich da ausgedacht hat, aus der Ruhe bringen, blicke starr auf den kleinen Bildschirm meines Wahoo-Navis und strample tunnelblicksmäßig weiter.

Kirche in Nideggen

Trailmagic vom Feinsten

Es kommt dann fast einem Aufwachen aus einem Trancezustand gleich, als ich auf einmal Leute am Ufer des Sees wahrnehme, die wie wild in meine Richtung schreien.

Rufen die wegen mir? Unmöglich. Allerdings werden sie immer lauter, je näher ich ihnen komme. Außerdem… habe ich da gerade meinen Namen gehört?

Okay, jetzt besteht kein Zweifel mehr, da stehen Leute hinter einem Gartenzaun und feuern mich an, und zwar so laut, dass es über den gesamten See schallt. Die ersten Fans an der Strecke! Ich stelle den Podcast ab und halte an. Tatsächlich, es handelt sich um eine Familie und ein paar Freunde. Sie haben sogar ein Plakat mit meinem Namen gebastelt.

Norbert, der Vater der Bande, beginnt ganz aufgeregt zu erzählen. Er sei auch so ein Fahrrad-Verrückter, diesen Sommer habe er am Transcontinental Race teilgenommen. Er wüsste, wie man sich bei solch einer Veranstaltung über Unterstützung freut. Er habe kurz darüber nachgedacht, auch beim Eifel Graveller mitzufahren. Außerdem plane er, ein eigenes 24-Stunden-Rennen in der Eifel zu organisieren.

Während er erzählt, bietet mir seine Frau Essen an. Sie haben Lasagne! Ich habe zwar gerade ein paar Riegel gegessen, aber richtiges Essen geht immer. Dazu gibt’s Cola. Was will ein Radfahrer, der noch einige Stunden vor sich hat, mehr?

Trailmagic am Rursee

Vielleicht doch Erster?

Norbert erzählt allerdings nicht nur von sich, sondern fiebert offensichtlich auch bei unserer Veranstaltung mit. Guido sei vor etwa einer Stunde hier gewesen. Er habe deutlich müder gewirkt, als ich. Außerdem sei Guido besorgt, dass ich die Nacht durchfahren wolle. Das würde ihn zu selbigem zwingen.

Ich winke ab. Guido einzuholen stand für mich seit gestern Mittag nie auf der Agenda, er schien mir einfach zu stark. Norbert und sein Sohn sind offensichtlich anderer Meinung. Sie machen den Eindruck, als fieberten sie seit Stunden bei einer harten Verfolgungsjagd mit. Nur ich, der Verfolger selber, habe es bis jetzt überhaupt nicht so wahrgenommen.

Als ich die Familie jedoch – äußerst dankbar und mit neuer Energie und Koffein im Blut – hinter mich lasse, beginnt das große Nachdenken. Ist Guido wirklich so fertig? Ich bin jedenfalls super gut drauf. Außerdem sind es nur noch 250 Kilometer ins Ziel. Bei nur einer Stunde Rückstand, würde da nicht jeder einigermaßen ehrgeizige Rennfahrer seine Chance auf die schnellste Zeit wittern?

Abendlicher Schlachtplan

Ich trete in jedem Fall ordentlich in die Pedalen. Nacht durchfahren? Das habe ich noch nie gemacht. Falls ich es mache, müsste ich morgen noch etwa 150 Kilometer fahren. Wäre es nicht sinnvoller, zumindest zwei Stunden zu schlafen und dafür dann die restlichen Kilometer umso schneller zu fahren?

Meine Erfahrung am letzten Tag der BTG hat genau das gezeigt: Es gab da welche, die sind die Nacht durchgefahren und auf den letzten 100 Kilometer ziemlich eingebrochen. Tilo, Stefan und ich haben dagegen zwei Stunden geschlafen und sind förmlich zum Ziel am Kap Arkona geflogen. Allerdings hatten wir da auch sechs Tage Fahrradfahren in den Beinen, jetzt sitze ich nicht einmal seit zwei Tagen auf dem Sattel.

Ich nehme mir vor, mindestens noch 50 Kilometer zu fahren. Dann hätte ich heute 250 Kilometer und über 5000 Höhenmeter geschafft. Je nach mentalem und physischem Zustand werde ich dann weiteres entscheiden.

So rolle ich in die Nacht hinein. Ich könnte Guido überholen, ich könnte Schnellster sein…

Aufbruch in die Nacht

An der belgischen Grenze

Um Mitternacht erreiche ich Monschau. Was für eine beeindruckende Stadt! Es geht durch eine Allee von Fachwerk. Eine Schande eigentlich, dass ich hier so durchbrettere. Zumindest geht es Guido ähnlich. Ich bin sicher, dass er auch den Ticker im Blick hat und ihn momentan selbst so eine schmucke Stadt wie Monschau nicht dazu bringt, anzuhalten.

Hinter Monschau erreiche ich die belgische Grenze. Der Track führt zwar nicht nach Belgien hinüber, dafür aber einige Zeit genau an der Grenze entlang. Ganz schön einsam hier mitten in der Nacht! Ich sehe einige Rehe und Wildschweine, aber keine fahrenden Autos, geschweige denn Menschen.

Zudem wird es neblig. Wobei neblig gar kein Ausdruck ist. Vielmehr beginnt es ganz leicht zu regnen. Es handelt sich um solch einen Regen, der einen nicht wirklich nass macht, dafür aber die Sicht versperrt. Die 1800 Lumen meiner Lupine schaffen es, den Weg zehn Meter vor mir zu beleuchten, mehr nicht.

Schlafen oder weiter?

Soll ich bald Halt machen? Ich nehme mir vor, die 250 Kilometer in jedem Fall voll zu machen. 245 habe ich schon. Weiter radeln, auch wenn die Sicht schlecht ist… 246… 247…

Ich greife zum Handy, um den Ticker zu checken. Kein Empfang! Zehn Minuten später versuche ich es wieder. 248 Kilometer… immer noch kein Empfang. Wenn ich kein Netz habe, dann hat Guido auch keins. Gut so, dann kann er sich nicht danach richten, was ich mache.

250 Kilometer! Ich fahre weiter. Wenn ich schon halte, dann zumindest bei einer guten Schutzhütte. Die kommt dann tatsächlich bei Kilometer 258. Mitten im Nirgendwo und ein paar Meter von der Grenze entfernt steht sie da, als ob sie auf mich gewartet hätte.

Gut, dann soll es so sein. Schnell krame ich Isomatte und Schlafsack hervor und breite sie auf den Tisch der Hütte aus. Ich esse etwas und versuche nochmals, den Ticker zu öffnen – keine Chance.

(Hätte ich Netz gehabt, ich hätte folgendes gesehen:)

Zwischenstand auf Follow My Challenge

Es ist 0.45 Uhr, ich stelle den Wecker auf 2.45 Uhr. Zwei Stunden Schlaf müssen reichen. Vielleicht schläft Guido ja drei Stunden, dann überhole ich ihn morgen.

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