Sieben Tipps, mit denen du immer einen Schlafplatz auf einer Radtour findest

by Velospektive

Seit Jahren übernachte ich nicht mehr auf Campingplätzen. Das heißt aber nicht, dass ich jede Nacht im Hotel absteige. Wie so etwas möglich ist und was ich in den letzten Jahren zu diesem Thema lernen konnte, habe ich in sieben praktischen Tipps zusammengefasst.

1. Trau dich!

Ist das nicht verboten?

Das ist eine der ganz häufig gestellten Fragen, wenn ich Leuten davon erzähle, dass ich auf meinen Radtouren draußen übernachte, aber keine Campingplätze nutze. Rein rechtlich fällt die Antwort einfach aus: Doch, das Zelten außerhalb dafür gekennzeichneter Flächen ist in so ziemlich jedem Land verboten.

Allerdings gibt es zwei erwähnenswerte Ausnahmen:

  1. In Skandinavien, Schottland und der Schweiz gilt (in jeweils recht unterschiedlichen Formen) das Jedermannsrecht. Kurz zusammengefasst erlaubt dieses einer Person (nicht Personengruppen), in der Natur und fern von Wohnhäusern ein bis zwei Nächte zu zelten.
  2. In den meisten anderen Ländern, die kein solches Recht kennen, ist zwar das Zelten verboten, nicht aber das Biwakieren, also das Übernachten unter freiem Himmel. (Das ist generell sehr zu empfehlen, mehr dazu unter Punkt 3).

Trotzdem lautet mein Tipp: Trau dich, wildzucampen! Entscheidend ist, dass du alles ordentlich hältst, kein Müll herumfliegt und du dich leise verhältst. Immer sollte die Leave no trace Regel gelten. Für zufällig Vorbeikommende sollte innerhalb von Sekunden deutlich sein, dass du ein Radreisender bist, der lediglich eine Nacht im Zelt verbringen und am Morgen wieder aufbrechen wird.

In all den Jahren, in denen ich jetzt auf diese Weise wildcampe, hat mich nie auch nur eine Person darauf angesprochen, dass ich hier nicht zelten dürfte, geschweige denn die Polizei gerufen.

Das wichtigste: Ordnung und nichts hinterlassen

Jetzt denkst du vielleicht: Okay, aber wenn dann möglichst versteckt…

2. Riskiere es, gesehen zu werden

So denken die meisten:

Wenn schon wildcampen, dann so, dass mich keiner sieht.

Zugegeben, wenn man auf einer viel befahrenen Straßen unterwegs ist, ist es ratsamer, nicht direkt neben der Straße und in Sichtweite all der vorbeifahrenden Autos sein Zelt aufzuschlagen. Gerade in dicht besiedelten Ländern wie Deutschland ist man allerdings häufig in Gegenden unterwegs, in denen man einsame und abgelegene Orte nur schwer findet.

Hier gilt mein Tipp: Ein gut einsehbarer Ort muss nicht unbedingt von Nachteil sein. Suchst du dir nämlich den Ort hinter der letzten Hecke, dann kommunizierst du damit indirekt: Ich habe etwas zu verbergen, ich will keinen Kontakt; vielleicht sogar: ich habe Angst. Und schlussendlich ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht so klein, dass dir trotzdem irgendein Spaziergänger oder Angler begegnet.

Baust du dagegen öffentlich sichtbar dein Zelt auf, dann ist die Botschaft klar: Ich habe nichts zu verbergen und auch nichts gegen einen Plausch mit Vorbeikommenden. Gerade, wenn ich Flüssen folge, baue ich deshalb gerne mein Zelt direkt neben dem Flussradweg auf.

Zelten direkt neben dem Fluss

Hiergegen lautet wiederum ein häufiger Einwand:

Je mehr Leute mich sehen, desto wahrscheinlich ist es, dass ich ausgeraubt werde.

Stimmt aber schlichtweg nicht. Hier verhält es sich ein bisschen wie mit dem Fahrraddiebstahl: Das Fahrrad, das in einer dunklen, schwer einsehbaren Hofecke abgestellt wurde, wird mit viel größerer Wahrscheinlichkeit geklaut, als das Fahrrad an einer belebten Kreuzung.

Letztendlich kommt es aber auch sehr auf das Land und die Region an. Allgemein gültige Aussagen sind hier schwer möglich. Als Radreisender muss man sich also fast täglich neu die Frage stellen: Will ich heute Nacht gesehen werden, oder lieber nicht?

Campen, ohne sich zu verstecken

Wer sich allerdings jede Nacht sorgt, ob er wohl ausgeraubt wird, der sollte das mal lesen.

3. Übernachte auch mal ohne Zelt

Diesen Sommer war ich wochenlang in Deutschland unterwegs, ohne ein Zelt dabei zu haben. Auf die Idee bin ich gekommen, indem ich 2018 das erste Mal bei der Bikepacking Trans Germany mitgefahren bin. Bei so einem Rennen versucht man generell, möglichst wenig Gepäck auf das Rad zu packen. Ein Zelt haben die wenigsten Fahrer dabei. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich generell kein Zelt für eine Radtour in Deutschland benötige.

Wo kann man schlafen, wenn man kein Zelt dabei hat?: Wenn es trocken ist, so ziemlich überall, wo man auch mit Zelt schlafen würde, also auf Wiesen, Waldböden und ähnlichem. Ich habe dann gerne eine dünne Plane und einen Biwaksack dabei, um meine Isomatte und meinen Schlafsack vor Dreck zu schützen.

Wenn es aber regnet? Dann gibt es in einem Land wie Deutschland trotzdem viele Möglichkeiten:

  • In fast jedem Waldstück gibt es Rast- und Schutzhütten, auf deren Bänken und Tischen man trocken und noch dazu sauber seine Matte ausbreiten kann.
  • Am Rande von fast jedem Dorf gibt es Sportplätze mit Tribünen oder Vereinslokalen mit einer überdachten Terrasse.
  • Auf Friedhöfen findet man oft eine Kapelle mit einem Vordach.

Schutzhütte in der Slowakei

Wer bis spät abends radelt und außerdem früh morgens wieder losfährt, dem bieten sich noch viele weitere Möglichkeiten: Die Dörfer und Kleinstädte sind dann menschenleer. Praktisch jedes öffentliche und halböffentliche Gebäude wird damit zum möglichen Unterstand. Die ganz extreme Variante ist bei Brevet-Fahrern beliebt: der Sparkassen– und Volksbank-Vorraum ist 24 Stunden lang geöffnet und spendet zusätzlich Wärme.

Noch ein Tipp für Reisende außerhalb Deutschlands und Mitteleuropas: In vielen Regionen stehen eine Menge Häuser leer. Diese eignen sich, wenn sie denn nicht zu einem Viehstall oder einem beliebten Ausflugsziel für Feiernde geworden sind (Nähe zu Städten beachten!), ebenfalls bestens für eine trockenen Schlafplatz.

Übernachten in der Türkei

4. Fragen kostet nichts

Du findest einfach keine Möglichkeit zum Zelten? Dann frage Einheimische. Besonders in Ländern, in denen die Menschen offen und freundlich auf Fremde und Reisende reagieren, kann man damit nichts falsch machen.

Ich habe es allerdings selten erlebt, dass mir Menschen auf mein Fragen hin einen tollen Zeltplatz gezeigt haben. Gerade in Ländern, in denen keine solch große Outdoor-Kultur herrscht, denken die Einheimischen nämlich gar nicht darüber nach, an welchem Ort man wohl gut zelten könnte. Stattdessen haben sie mich davor gewarnt, draußen zu übernachten, es gäbe schließlich wilde Tiere, nachts werde es kalt…

Wieso aber trotzdem fragen? Für gewöhnlich wird einem auf vielfältige andere Art geholfen. Man bekommt eine schöne Route und Sehenswürdigkeiten empfohlen, wird auf einen Tee oder sogar zum Abendessen eingeladen. Nicht selten bietet die gefragte Person einen Schlafplatz bei sich zu Hause an.

Das ist aber gar nicht das, worauf ich hier hinaus will: Menschen zu fragen, wo man gut zelten könnte, damit aber eigentlich auf eine Einladung zu ihnen nach Hause aus zu sein, scheint mir arglistig. Die Folge davon ist Enttäuschung, falls die gefragte Person einen tatsächlich einen schönen Platz empfiehlt und nicht zu sich nach Hause einlädt.

Mir geht es vielmehr um eine generelle offene Haltung als Radreisender. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, möglichst oft Menschen um Auskunft und Hilfe zu fragen. Wer klar kommuniziert, dass er etwas sucht und sich über Hilfe freut, wird nämlich nicht direkt zum Bettler. Vielmehr kommt man in Kontakt mit seinen Mitmenschen – etwas, worüber sich meist auch die gefragten Personen sehr freuen.

Eine nette Begegnung in Georgien

5. Suche nach landestypischen Möglichkeiten

So unterschiedlich die Länder und Regionen dieser Welt, so unterschiedlich sind auch die Übernachtungsmöglichkeiten. Mit der Zeit wird man für jede Region eine eigene Strategie entwickeln – gerade deshalb ist auch das Fragen so wichtig!

In der Türkei etwa gibt es weder Schutzhütten in Wäldern, noch Sportplätze an Dorfausgängen, bei denen man Schutz und ein trockenes Plätzchen finden könnte. Dafür hat aber jedes Dorf seine eigene Moschee, an der Hauptstraße trifft man alle paar Kilometer auf eine Tankstelle – beides hervorragende Übernachtungsmöglichkeiten, wie ich in meinen Reisetipps für die Türkei beschrieben habe.

In Jordanien gibt es Regionen mit vielen leerstehenden Häusern. In anderen Gegenden trifft man auf viele Beduinen, die einen förmlich in ihre Hütten und Zelte ziehen.

In Israel trifft man auf eine Menge Picknickplätze, die nicht nur Bänke und Tische, sondern zudem oft auch fließendes Wasser zu bieten haben.

Zelten in Israel

In vielen afrikanischen Ländern sind Schulen eine hervorragende Übernachtungsmöglichkeit. Die Schulleitung freut sich oft, wenn man morgens noch etwas länger bleibt und den Schülern etwas von seiner Reise oder dem Land, aus dem man kommt, erzählt.

6. Nutze die Küste

Im Balkan, in Griechenland, der Türkei, auf Zypern und im Kaukasus bin ich viele hundert Kilometer der Küste gefolgt. Nirgends sonst war das Übernachten so einfach.

Ist die Küste nicht zu stark bebaut, findet sich nämlich stets ein ruhiger und ebener Abschnitt, an dem man sein Zelt aufschlagen kann. Doch selbst an belebten Orten fällt man damit oft nicht besonders auf, da man sein Zelt neben viele andere Zelte von Anglern aufschlägt.

An der georgischen Küste

Zusätzlich kann ich es empfehlen, während der Nebensaison den Küsten zu folgen. Dann sind nämlich die meisten Strandbars und -restaurants geschlossen. Ihre Außenbereiche bieten ein hervorragendes Plätzchen für die Isomatte: Unter sich hat man eine ebene, saubere Fläche, über sich ein Dach und vor sich das rauschende Meer.

An der griechischen Küste

7. Frage nach, ob du im Garten zelten darfst

In England und Irland war es jeden Nachmittag neu schwierig – oft sogar unmöglich – einen Zeltplatz in der Natur zu finden. Meist wird das Land dort entweder als Weide genutzt, oder aber es ist als riesiger Garten eingezäunt. Schnell habe ich es aufgegeben, nach einem Zeltplatz in der Natur zu suchen. Stattdessen habe ich jeden Nachmittag neu nach großen Gärten Ausschau gehalten, an der Tür geklingelt und gefragt:

Darf ich mein Zelt in ihrem Garten aufschlagen?

Falls ich in ein eher skeptisches Gesicht geblickt habe, habe ich direkt angefügt:

Ich habe alles dabei – Essen, Wasser – ich bräuchte nur einen Platz für mein Zelt.

In den allermeisten Fällen durfte ich mein Zelt aufbauen. In Irland bin ich so durch das ganze Land gereist: Kein einziges Mal habe ich wildgezeltet; dafür wurde ich sehr häufig ins Haus zum Duschen, zum Essen oder sogar zum Übernachten eingeladen, zweimal sogar zu einer nächtlichen Pubtour.

Nicht überall trifft man auf derartig viel Gastfreundschaft, überall kann man aber auf diese Art nach einer Übernachtung suchen. In den letzten Jahren war es genau diese Art, mit der ich in Großbritannien, in Skandinavien, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Österreich, Macedonien, dem Kosovo, der Türkei und in Georgien ganz besonders intensive Begegnungen mit Einheimischen machen konnte.

Zelten in einem Garten in Mazedonien

Immer wieder habe ich allerdings festgestellt, dass ich nach einem Zeltplatz frage, eigentlich aber auf eine Einladung ins Haus hoffe. Da musste ich mich immer wieder innerlich korrigieren: Wer nach einem Zeltplatz im Garten fragt und einen Zeltplatz im Garten bekommt, der sollte dankbar und nicht enttäuscht darüber sein, dass er nicht ins Haus eingeladen wurde.

Wenn man unbedingt in einem Bett schlafen will, dann sollte man wohl doch ein Hotelzimmer buchen.

Aber wer will schon ins Hotel?

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