“Mit dem Fahrrad, ist das nicht gefährlich?” – Ein Zwischenfazit

by Velospektive
Es ist interessant, was Menschen mich so fragen, wenn ich von meiner Reise und meinen Reiseplänen erzähle. In der Türkei interessieren sich die Leute in erster Linie dafür, ob ich nicht schon verheiratet bin und Kinder habe. In Mitteleuropa dagegen lautet die am häufigsten gestellte Frage: “Du willst alleine mit dem Fahrrad reisen, ist das nicht gefährlich?” Viele halten mich für besonders mutig, weil ja so viele Gefahren fern der sicheren Heimat auf einen warten würden.

Ich bin nun durch 15 Länder gefahren, habe 4000 Kilometer zurückgelegt, viele Menschen getroffen, bin von unzähligen Autos überholt worden und habe sehr oft draußen in der Wildnis übernachtet. Es wird Zeit, auf die Frage, ob so eine Reise wirklich so gefährlich ist, mit einigen Zahlen zu antworten. Hier kommt also meine persönliche “Gefahrenstatistik”:

Begegnungen mit Autos und LKWs

  • Stürze: 0
  • Von Autos/LKWs angefahren: 0
  • Beinahe von Autos/LKWs angefahren: 2

Zweimal (einmal in Griechenland, einmal in der Türkei) hat ein LKW-Fahrer beim Überholen nur eine Haaresbreite zwischen mich und seinem Gefährt Abstand gehalten. Ich finde das eine sehr positive Statistik. Gerade in der Türkei bin ich oft auf Straßen unterwegs gewesen, auf denen ich im Sekundentakt von LKWs überholt worden bin. 99,9 Prozent haben einen großen Abstand gehalten.

Türkische Straßen teilt man sich mit vielen LKWs

Begegnungen mit Tieren

  • Von Mücken gestochen: ~ (ungefähr) 50
  • Von Bären und Wölfen attackiert: 0
  • Von Schlangen gebissen: 0
  • Von Hunden gebissen: 0
  • Hundeattacken mit Stock abgewehrt: ~ 10

Wie ich schon einmal beschrieben habe (siehe hier), waren spätestens ab Griechenland die Hunde eine ständige Bedrohung. Besonders Hütehunde, die eine Herde und oder ein Grundstück bewachsen, scheinen in Radfahrern eine große Gefahr und eine hervorragend zu erjagende Beute zu sehen. Mit einem leicht zu greifenden Stock konnte ich aber alle Angriffe vereiteln; ehrlich gesagt habe ich es sogar immer mehr genoßen, wie ein Krieger auf meinem Rad zu sitzen und mit meinem Stock auszuholen.

  • Hunde und Katzen gestreichelt: ~ 30
  • Mit Hunden und Katzen mein Essen geteilt: ~ 10
  • Nächte, in denen ich einen Hund als persönlichen Wächter vor meinem Zelt hatte: 3

Was wäre diese Reise ohne die Begegnung mit Tieren? Viel langweiliger! Die meisten Hunde und Katzen sind nämlich nicht aggressiv und gefährlich, sondern wollen gestreichelt und gefüttert werden. Dreimal konnte ich mit einem Hund Freundschaft schließen, sodass er die Nacht vor meinem Zelt verbrachte und alle möglichen Bedrohungen mit großem Gebelle von diesem fern hielt.

Die allermeisten Hunde bellen, beißen aber nicht

Begegnung mit Menschen

Kriminalität…

  • Fahrraddiebstahl: 0
  • Versuchter Fahrraddiebstahl: 0
  • Diebstahl meiner Ausrüstung: 0
  • Versuchter Diebstahl meiner Ausrüstung: 1

In der Türkei wurde ich einmal von drei Jungs auf einem Moped überholt. Zuerst waren sie freundlich, irgendwann haben sie aber immer mehr Gefallen an meiner Ausrüstung gefunden. Einer der dreien hat sich kurzerhand meine Sonnenbrille eingesteckt und wollte sie nicht wieder hergeben. Als ich allerdings mit der Polizei drohte, habe ich die Brille ganz schnell wieder zurück erhalten.

  • Um Rückgeld oder ähnliches betrogen: 0 (soweit ich weiß)
  • Nachts im Zelt attackiert: 0
  • Beschimpft und verbal bedroht: 0
  • Raubüberfälle: 0
  • Körperverletzungen: 0
  • Körperliche Attacken: 1

Ich wünschte, hier würde auch eine 0 stehen. Bis vor zwei Tagen habe ich mich nie auch nur in irgendeiner Situation oder an irgendeinem Ort bedroht gefühlt. Vorgestern bin ich allerdings mit zwei Freunden durch Tel Aviv gelaufen, wie aus dem Nichts wurden wir von einem Mann attackiert. Zuerst hat er einen von uns angerempelt, dann hat er begonnen, uns ins Gesicht zu schlagen. Er war offensichtlich betrunken. Als wir – völlig perplex – nach einer Zeit das Weite gesucht haben, richtete er seine Schläge gegen jemand anderen. Da sind wir umgekehrt und haben ihn zusammen mit einigen anderen überwältigt und zu Boden gezwungen. Eingeschüchtert hat er danach das Weite gesucht.

Soetwas, so unwahrscheinlich es auch ist, kann wohl überall passieren. Ich glaube nicht einmal, dass so eine Szene “typisch” für Tel Aviv und Israel ist. Vielmehr ist es wohl besonders der Alkohol, der ab und an Menschen zu so einem Verhalten führt. Für mich als Radreisender heißt das, dass ich mich besonders zu Abendstunden und am Wochenende mit meinem Fahrrad außerhalb der Stadt aufzuhalten versuche.

…und Freundlichkeit

  • Nette Unterhaltungen am Wegesrand: ~ 100
  • Geschenkte Snacks am Wegesrand: ~ 30
  • Spontane Einladungen zu Kaffee und Tee/Cay: ~ 40
  • Spontane Einladungen zum Essen: ~ 15
  • Einladungen zum Übernachten (inklusive Couchsurfing und Warmshowers): 14
  • Freundliche Zurufe aus dem Auto: ~ 100
  • Freundliche Grüße per Hupe: ~ 500

Diese Statistik ließe sich noch mit so vielen Daten fortsetzen. In einigen Ländern mehr, in anderen weniger, überall begegnete ich aber unzähligen freundlichen Menschen, die mir weiterhalfen und mich teilweise bei sich zu Hause aufnahmen, als wäre ich ein Familienmitglied.

“Nein, es ist weniger gefährlich, als man denkt.”

So lautet also meine Antwort. Ich möchte damit nichts verharmlosen. Meine Erfahrung lässt sich selbstverständlich nicht auf alle Länder und Orte übertragen. Auch gilt für mich als Mann anderes, als für Frauen, die alleine reisen (aus der Türkei haben mir z. B. mehrere Radlerinnen berichtet, dass sie mehrmals unangenehm von Männern angegangen worden seien.)

Zudem bin ich davon überzeugt, dass es da jemanden gibt, der mein tägliches Gebet um Schutz ernst nimmt und mich vor vielen Gefahren und Bedrohungen bewahrt. Dass ich also bisher keine Verletzungen und Diebstähle, dafür aber so viel Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft erlebt habe, nehme ich nicht als selbstverständlich, sondern macht mich dankbar gegenüber meinen Mitmenschen und Gott.

Reisen hilft

Insgesamt scheinen mir aber die Leute, mit denen ich mich unterhalte, zu skeptisch und misstrauisch. Geprägt durch die Nachrichten, die ihnen täglich die schlimmsten Verbrechen vor Augen führen, wittern sie hinter jedem Busch einen Verbrecher. Besonders nachdenklich macht es mich, wie Menschen negativ über die jeweiligen Nachbarländer sprechen. Immer scheinen es die unmittelbaren Nachbarn zu sein, die so ganz anders, so viel schlimmer, so viel krimineller sind, als man selbst. Besonders negativ fällt ein solches Urteil bei jenen aus, die ihre Nachbarn noch nie besucht haben.

Reisen hilft. Reisen hilft, um Vorurteile abzubauen; Reisen hilft, um mit dem “Fremden” in Kontakt zu kommen; Reisen hilft, um sich selbst als verletzliches und angreifbares Wesen anderen Menschen anzuvertrauen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich freundlich zu erweisen; Reisen hilft, um zu erkennen, dass die großen Gefahren dieser Welt nicht “da draußen” in der Ferne und der Fremde lauern, sondern im eigenen Denken und Handeln beginnen (und meistens hier auch ihren Höhepunkt finden).

P.S.: Das Radfahren als sichere Reiseart

“Reisen schön und gut, aber doch nicht mit dem Fahrrad!”, so denkt der ein oder andere jetzt vielleicht. Gerade aus Angst vor dem Mitmenschen bevorzugen es viele, in einem Wohnwagen unterwegs zu sein oder in Hotels zu übernachten, um eine Tür hinter sich abschließen zu können. Ich glaube aber, dass die meisten Menschen in einem Fahrradfahrer nicht eine “leichtere Beute” sehen, sondern vielmehr jemanden, der besonders auf ihre Hilfe angewiesen ist. Wenn man den Leuten dann noch erzählt, dass man sich nicht nur mit Hilfe eigener Muskelkraft fortbewegt, sondern auch im Zelt übernachtet, halten sie einen erst recht für ein hilfsbedürftiges Wesen. Das war durchweg mein Gefühl: Ich bin nicht angreifbarer, weil ich mit dem Rad reise und im Zelt übernachte, sondern im Gegenteil; dadurch, dass ich mich nicht hinter sicheren Türen und Schlössern vor den Mitmenschen verschanze, kommen auch nur wenige auf die Idee, mich zu berauben.

Wer mit Rad und Zelt reist, kann keine Tür hinter sich abschließen

Ich hoffe, mit diesem kleinen Zwischenfazit dem ein oder der anderen Mut machen zu können, unbegründete Ängste abzulegen und in die Fremde aufzubrechen. Schnapp Dir Dein Fahrrad und brich auf in die Ferne – sie ist sicherer, als Du denkst!
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Sieben Tipps, mit denen du immer einen Schlafplatz auf einer Radtour findest - Velospektive Oktober 11, 2019 - 19:46

[…] sich allerdings jede Nacht sorgt, ob er wohl ausgeraubt wird, der sollte das mal […]

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