Wie sieht das perfekte Reise-Fahrrad aus?

by Velospektive

Gerade bringe ich mein Fahrrad auf Vordermann – die Schaltung bekommt neues Öl, die Bremsen neue Beläge und nach 8000 Kilometern kann auch ein Reifenwechsel nicht schaden. Bei all der Schrauberei komme ich zum Nachdenken: Was ist eigentlich das perfekte Reiserad? Welche Kompenenten besitzt es, aus welchem Material ist es gefertigt, welche Geometrie weist es auf?

Natürlich: Das perfekte Reiserad schlechthin gibt es nicht, jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und Vorlieben. Trotzdem hoffe ich mit Gedanken über mein perfektes Reiserad einigen weiterhelfen und hilfreiche Tipps geben zu können.

Tout Terrain Scrambler

Nach langem Forschen und Besuchen von diversen Fahrrad-Manufakturen habe ich mich für das Tout Terrain Scrambler entschieden. Ich wollte ein Reiserad, mit dem man lange Distanzen zurücklegen kann, aber trotzdem geländetauglich ist. Mit diesem Hybrid aus Touren- und Mountainbike ist genau das möglich.

Die Laufradgröße von 27,5 finde ich ein gutes Mittelmaß. Im Gelände weist das Rad damit gutes Handling auf, trotzdem rollt es auf gerader Strecke besser, als 26 Zoll Räder.

mein Scrambler nach einem Waschgang

Material: Stahl und Titan

Bis kurz vor Kaufentscheid stand für mich fest, dass es ein Titanrahmen sein soll. Damit muss man sich keine Sorgen um Korrosion machen. Titan ist zudem fast unzerstörbar und noch dazu relativ leicht. Zu guter Letzt absorbiert dieses Übergangsmetall besonders gut Stöße. Der einzige Nachteil: Titanrahmen sind teuer, sehr teuer.

Als ich in Freiburg die Produktionshallen von Tout Terrain besuchte, konnte ich allerdings beobachten, wie sie ihre Stahlrahmen per Pulverbeschichtung äußerst korrosionsbeständig machen. So habe ich mich kurzerhand umentschieden und doch zu einem Stahlrahmen gegriffen. Stahl ist fast genauso robust wie Titan, durch moderne, dünne Bauweise auch nicht mehr allzu viel schwerer, als Titanrahmen. Das beste aber: Durch die Wahl von Stahl habe ich fast 2000 Euro gespart, die jetzt gerne in gutes Essen investiere.

Nur bei der Sattelstütze konnte ich nicht widerstehen: Die Version von Tout Terrain habe ich gegen die Titanvariante von Falkenjagd ausgetauscht. Mit scheint nämlich, dass die positive Dämpfeigenschaft von Titan besonders an dieser Stelle des Fahrrades auf Dauer von immensem Vorteil ist.

meine Sattelstütze aus Titand

Schaltung: Rohloff Nabenschaltung

Ich bin seit fünf Jahren auf unterschiedlichen Fahrrädern mit der 14 Gang Rohloff-Schaltung unterwegs. Nie, wirklich niemals, hatte ich irgendwelche Probleme mit ihr. Sie tut, was sie soll, und das auf einer Distanz von 100.000 und mehr Kilometer. Man sollte lediglich einmal im Jahr das Öl wechseln. Aber selbst hier verzeiht die Schaltbox Nachlässigkeit. Ich habe gerade heute zum ersten Mal das Öl in der Rohloff-Schaltung meines Scramblers gewechselt – nach gut 8000 Kilometern.

Ölwechselset für die Rohloff-Schaltung

Seit einigen Jahren hat die legendäre Nabenschaltung made in Germany Konkorrenz von nebenan: In Stuttgart wird das Pinion Getriebe gefertigt. Dieses sitzt nicht, wie die Rohloff Schaltbox, in der Achse des Hinterrades, sondern unter dem vorderen Kettenblatt. Einige halten es für noch zuverlässiger und langlebiger. Allerdings legt man für die Pinion-Schaltung nochmals 500 Euro mehr auf den Tisch. Das war’s mir einfach nicht wert.

Antrieb: Riemen statt Kette

Seit einiger Zeit kann man den Trend beobachten, dass Fahrräder nicht mehr mit Ketten, sondern Riemen gebaut werden (was wird bloß aus solche Slogans wie “Kette rechts!” werden?). Zwar lassen sich diese Riemen nur in Kombination mit Naben- oder Getriebeschaltung nutzen. Wenn man aber schon eine solche besitzt, sollte man meiner Meinung nach unbedingt auch zu einem Riemen greifen. Dieser bedarf keinerlei Pflege; er muss, ja darf sogar nicht geölt werden; ist er sehr dreckig, spült man ihn einfach mit etwas Wasser ab. Zusätzlich hält er viel länger, als die Kette. Gates, der amerikanische Hersteller des Standard-Riemens, verspricht mindestens eine Distanz von 20.000 Kilometern.

Es gibt eigentlich nur einen Nachteil: Der Riemen kann unter (sehr ungünstigen und selten auftretenden Umständen) reißen und im Gegensatz zur Kette nicht repariert werden. Dafür habe ich aber immer einen Ersatzriemen dabei. Derartig ausgerüstet scheint mir nichts gegen den Riemen zu sprechen.

Gates Carbon Riemen

Reifen: Tubeless, also ohne Schlauch

Noch so ein Trend – die Fahrrad-Branche war in den letzten Jahren besonders einfallsreich: Immer mehr Räder haben keinen Schlauch mehr. Wie kann das funktionieren? Eine Latexflüssigkeit, die bei Kontakt mit Sauerstoff trocknet, sorgt dafür, dass die Luft nicht aus dem Reifen weicht. Das hat den ungemeinen Vorteil, dass man sich selbst in Reifen-feindlichsten Gebieten nicht mit langen Reparaturarbeiten aufhalten muss.

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass ich blind jedem neuen Trend aufsitze. Doch auch in diesem Fall bin ich absolut von der neuen Technologie überzeugt. Während der letzten Monate hat sich mehrmals ein Dorn durch meine Vorder- und Hintermäntel geschoben. Hätte ich einen Schlauch im Reifen gehabt, wäre jedesmal langes und umständliches Flicken von Nöten gewesen. Doch ich musste nur den Dorn aus dem Reifen ziehen, den Reifen ein wenig drehen und nach kurze Zeit wurde das Loch durch die Dichtungsmilch verschlossen.

Dichtungsmilch zum schlauchlosen Fahren

Bremsen: Mechanische BB7 von Avid

Scheibenbremsen haben eine sehr gute Bremsleistung und nutzen die Felge nicht ab – keine Frage also, dass mein Reiserad mit solchen ausgerüstet sein würde. Die bliebten hydraulischen Scheibenbremsen haben jedoch den großen Nachteil, dass sie sich nur schwer reparieren lassen. Falls man trotzdem für den Notfall gerüstet sein will, muss man eine ganze Menge Werkzeug und Ersatzteile mitführen.

Ich habe mich deshalb für mechanische Scheibenbremsen entschieden. Diese werden wie die klassischen Felgenbremsen mit Bowdenzügen, also Stahldrähten, bedient. Falls diese reißen sollten, lassen sie sich spielend durch neue ersetzen. Die BB7-Bremsen von Avid sind zwar nicht so stark, wie hydraulische Scheibenbremsen, doch für meine nicht allzu riskanten Manöver vollkommen ausreichend.

Avid BB7 mechanische Scheibenbremse

Lenker: Aerobar und leicht gekrümmt

Ursprünglich hatte ich das Fahrrad als GT-Variante gekauft, also mit einem gekrümmten Rennradlenker. Ich hatte mich von dem Versprechen leiten lassen, dass man damit über “viele verschiedene Griffmöglichkeiten” verfügt. Doch was bringen einem noch so viele Möglichkeiten, den Lenker zu halten, wenn keine davon komfortabel ist? Ich weiß, dass man besonders hierzu lange Abhandlungen verfassen könnte und ganze Philosophien damit zusammenhängen. Doch kurz gesagt: Für mich hat sich der flache Lenker als die viel angenehmere Variante herausgestellt. Die leichte Krümmung des SQlab-Lenkers und die Griffe von Ergon entlasten die Hände zusätzlich.

Auf eine windschnittige Position muss ich trotzdem nicht verzichten: Auf dem Lenker habe ich eine Aerobar, also einen Triathlonaufsatz von Syntace geschraubt. Mit der Nutzung eines solchen verbessert man nicht nur die Aerodynamik, sondern nimmt zusätzlich jeglichen Druck von den Händen. Für mich hat sich diese Kombination aus leicht gekrümmten Lenker und Aerobar als ideal herausgestellt.

SQlab-Lenker mit Syntace-Aerobar

Federung? Nein, danke

Braucht ein Reiserad, mit dem man ins Gelände will, nicht eine Federung? Zugegeben, auf sehr holprigen Trails habe ich eine Federung in der Gabel schon ab und an vermisst. Hier zeigt sich, dass es eben doch nicht das “perfekte Fahrrad” gibt, in allen Bereichen muss man Kompromisse eingehen: Eine Federung macht das Rad schwerer, zusätzlich fährt man ein weiteres Teil durch die Gegend, das sich abnutzt und irgendwann repariert oder gar ausgetauscht werden muss.

Ich habe mich deshalb dazu entschieden, auf eine Federung zu verzichten und versuche einen ähnlichen Komfort auf anderem Weg zu erreichen: Die tubeless-Technologie lässt es zu, dass ich meine breiten Reifen mit nur wenig Druck fahre. Zusätzlich sorgt der Brooks-Sattel und die bereits erwähnte Sattelstütze aus Titan für zusätzlichen Komfort.

Fazit

Bei jeder Eigenschaft und Komponente des Fahrrads muss man einen Kompromiss aus Gewicht, Stabilität, Komfort, Preis und ähnlichen Dingen eingehen. Ich habe mit dem Scrambler und den beschriebenen Komponenten meinen idealen Kompromiss und damit mein “perfektes Reise-Fahrrad” gefunden.

Was ist Dir bei deinem Reiserad besonders wichtig, welches Teil möchtest Du in keinem Fall missen? Lass es mich gerne wissen und schreibe es unten in die Kommentare.

mein Scrambler voll bepackt

Eine vollständige Auflistung aller Komponenten findest Du hier.
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Dominic Februar 25, 2019 - 00:06

Mit meinem Velotraum-Rad verfüge ich über ein Reiserad, auch wenn es bislang nur wenig tatsächlich für Reisen zum Einsatz gekommen ist. Meist findet es Verwendung als mein Hauptfortbewegungsmittel im Alltag; also überwiegend kürzere Strecken bis 15 km. Insofern ist natürlich die Frage, ob ich prädestiniert dafür bin, deine Frage bzgl. Reiserädern zu beantworten, aber egal 😉 Als vor mittlerweile mehr als 5 Jahren klar wurde, dass mein altes Rad ersetzungswürdig war, sollte es etwas höherwertiges werden. Die Wahl auf Velotraum fiel in erster Linie auf Grund meiner geographischen Nähe zu Weil der Stadt. Bei mir dreht sich wie bei dir eine Rohloffnabe. (Auf diese musste ich leider kürzlich knapp 3 Wochen verzichten, da sie wegen Ölverlust neu abgedichtet werden musste. Ansonsten arbeitet sie tadellos.) Die Pinion fand ich ebenfalls interessant, aber auch mir schienen die Vorteile die zusätzlichen Kosten nicht Wert. (Irgendwo stößt das alte Motto, GSKR, dann doch an seine Grenzen ;-)) Ich habe mich damals für Kette statt Riemen entschieden. Mit Chainglider ist das eine saubere Sache — ölen ist nicht erforderlich, nur ein Wechsel ist nach ein paar tausend km angesagt. Auf Grund der längeren Haltbarkeit würde ich inzwischen wahrscheinlich auch den Riemen nehmen. Als Veloträumer bin ich mit 26″ Rädern unterwegs; wegen der besseren Rolleigenschaften würde ich jedoch zu größeren Rädern raten. 27,5″ dürfte also eine gute Größe sein (die mittlerweile auch Velotraum anbietet). Die Gabel ist bei mir ebenfalls starr — die Arme können Erschütterungen auch ganz gut absorbieren. Zusätzlich machen sich Fahrradhandschuhe ganz gut. Unter dem SQLab-Sattel sitzt bei mir eine Trapez-Stütze (Thunderbuster LT von Crane Creek). Eine Stütze in der Art mochte ich nicht mehr missen. Als Lenker dient mir ein Geweih von Ergon. Deine Lösung finde ich allerdings auch interessant. Schalthebel wie du sie hast, würde ich dem Drehgriff übrigens vorziehen. Bei Regen ist dieser, zumindest ohne Handschuhe, mitunter schwer zu drehen. Für Halt sorgen bei mir derzeit noch Deore LX Scheibenbremsen. Ich überlege momentan jedoch, diese zu wechseln. Da ich keine wochenlangen Reisen geplant habe, spricht für mich nichts gegen hydraulik. Ich habe daher die Deore XT mit 4 Kolben ins Auge gefasst. Da ich mir nicht unnötig Gift ans Fahrrad bauen möchte, fallen die Bremsen mit DOT Bremsflüssigkeit schon mal weg, 1-Finger-Hebel scheinen mir für Winterfahrten mit Fausthandschuhen ungeeignet und für die Direttissima von Trickstuff bin ich dann doch zu geizig 😉 Da bei mir so langsam ein Reifenwechsel angesagt ist, habe ich mich nach deinen positiven Äußerungen zu Tubeless noch damit beschäftigt. Aber ich denke, dass sich der Aufwand der Umrüstung für mich nicht lohnt. An Dornen komme ich eher selten vorbei und die Glasscherben, die meinen Weg des öfteren zieren, haben meine Schwalbe Mondial bislang nicht gestört, so dass für mich nichts dagegen spricht, bei diesen zu bleiben. Eine Sache noch, auf die ich nicht mehr verzichten möchte: Möglichst weit runter gezogene Schutzbleche. So bleiben sogar die Schuhe bei nasser, verschmutzter Straße vor Dreckspritzern verschont.

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Velospektive Februar 27, 2019 - 11:09

Vielen Dank Dominic für die vielen, hilfreichen Anmerkungen! Sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie jeder für sich persönlich das ideale Fahrrad findet.

Velotraum kenne ich gut, habe des öfteren auf ihrer Seite vorbeigeschaut. Mit dem “Finder”-Modell sind sie auch ein wenig in den Bikepacking-Bereich eingestiegen.

Die Trapez-Sattelstütze finde ich interessant. Wie schätzt Du ihre Haltbarkeit und den Wartungsaufwand ein?

Für ein Alltagsfahrrad würde ich definitiv auch Hydraulikbremsen wählen.

Eine Umrüstung hin zu tubeless ist nicht sehr aufwändig: Meist reicht ein Felgenband, und man kann sogar die alte Felge nutzen. Die Umrüstung hin zum Riemen ist da viel aufwändiger. Aber Du hast natürlich recht, die Mondial-Reifen sind an sich schon gut stabil und pannensicher.

Da ich normalerweise im Bikepacking-Modus unterwegs bin, benötige ich nicht wirklich Schutzbleche – die Taschen fangen das meiste Wasser ab.

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