Bikepacking Trans Germany 2019 – Tag Fünf

by Velospektive

Ich wache um 6 Uhr auf, liege in einem riesigen Doppelbett. Über mir hängt ein mondäner Leuchter, neben mir steht eine noble Kommode. Ich fühle mich fehl am Platz, hier machen Leute normalerweise Urlaub, wir dreckigen Bikepacker nutzen das Appartement, um kurz Schlaf zu tanken und wieder aufzubrechen. Mir geht es physisch mies – der normale Morgenblues am fünften Renntag wahrscheinlich. Doch trotzdem verleiht mir das ganze irgendwie ein gutes Gefühl, ich komme mir so lebendig und verwegen vor.

Morgens beim Bäcker

Mit meinen Leidensgenossen Stefan und Tilo räume ich grob auf, wasche das Geschirr ab, wir legen die 100€ auf den Tisch, werfen den Schlüssel zurück in den Kasten, packen unsere Fahrräder und brechen auf. Um exakt sieben Uhr sind wir im Zentrum von Bad Schandau, wo gerade eine Bäckerei öffnet – wieder mal perfektes Timing! Es folgt das tägliche Bäckerritual: Zwei süße und zwei salzige Teilchen, einen großen Kaffee und außerdem einiges zum Mitnehmen.

Wie gewohnt checken wir den Zwischenstand auf Follow My Challenge. Team Denmark ist schon seit einiger Zeit wieder unterwegs, sie sind etwa 20 Kilometer vor uns. Auch Linus fährt schon wieder, ist aber noch einige Kilometer hinter uns. Außerdem wird ihn Bad Schandau aufhalten, vorerst kein Grund zur Sorge also. Dann kommt noch eine Nachricht über die WhatsApp-Gruppe rein: Migg Scherrer ist raus! Er hat 30 Kilometer hinter Bad Schandau die Nacht verbracht. Seine Schmerzen sind mittlerweile so groß, dass er es für weiser hält, das Rennen hier zu beenden.

Tilo weiß, dass Migg im Frühjahr die BTG-Strecke im Touringmodus abgefahren ist. Er vermutet, dass Migg deshalb gut Bescheid weiß, was die nächsten 600 Kilometer auf ihn wartet – nämlich unter anderem viele Betonplatte und Pflastersteine, also alles andere als eine Wohltat für schmerzende Hände – und deshalb an dieser Stelle aus dem Rennen aussteigt.

Als wir fertig sind und unsere Räder packen, fällt mir ein, dass ich noch die Flaschen füllen sollte. Ich gehe wieder rein und frage nach Wasser. „Darf ich eigentlich nicht machen“, macht die Frau hinter der Theke deutlich. Aber das „eigentlich“ lässt mich meine Chance wittern. Ich rede ihr gut zu, dann füllt sie doch die Flaschen auf. Als ich wieder rauskomme, lachen mich Stefan und Tilo an: „Na, hast Du eine neue Bäckerei-Freundschaft geschlossen?“ Schon lustig die beiden.

Gute Aussichten

Hinter Bad Schandau biegen wir in ein beschauliches Tal ab, das uns durch die östliche Sächsische Schweiz führt. Ich kenne die Gegend gut, war schon mehrmals hier. Die Landschaft ist wunderschön! Nur die riesigen, stillgelegten Werksgebäude erinnern daran, dass hier einst kräftig produziert wurde und die Wirtschaft blühte, jetzt aber Stillstand und viel Arbeitslosigkeit herrscht.

Bald geht es einen ersten längeren Anstieg hinauf. Wir sind guten Mutes, das sollte einer der letzten Berge sein. Das Höhenprofil zeigt hinter der Elbe noch einige Hügel, die so viel kleiner als die Gipfel im Erzgebirge aussehen – das sollte schnell erledigt sein. Hinter dem Anstieg überqueren wir erneut die deutsch-tschechische Grenze. Jetzt geht es nochmals für ein paar Kilometer durch Tschechien, danach wartet die Lausitz.

Foto von Tilo Lier

Ein Schlitz im Reifen

Während wir derartig optimistisch auf die nächsten Stunden voraus blicken, zischt es auf einmal aus meinem Hinterreifen. Das Geräusch kenne ich! Ich halte an, blicke auf meinen Hinterreifen und sehe, wie aus einem großen Schlitz fontänenartig Dichtungsmilch spritzt. Mist! Genau das gleiche ist mir vor ein paar Wochen auf dem Weg nach Basel passiert. Ich hatte extra den Hinterreifen gewechselt, bin von Continental auf Maxxis umgestiegen, um von solchen Durchstichen verschont zu bleiben. Aber nichts da.

Ich drehe vorsichtig das Loch nach unten, damit die Silikonflüssigkeit ihre Arbeit tun kann. Aber nein, der Schlitz scheint zu groß, die Milch strömt nur raus, der Reifen ist bald platt. Nochmals Mist! An einem Stopp und einer Reparatur führt kein Weg vorbei.

Sofort wende ich mich an Tilo und Stefan: „Fahrt weiter!“ Ich wollte nicht, dass mich jemand wegen so etwas aufhält, also verlange ich auch nicht von ihnen, dass sie auf mich warten. „Hast du alles, was du für eine Reparatur brauchst?“, fragt Tilo. „Ja, sollte passen.“ Darauf Tilo: „Spätestens in Bad Muskau machen wir Pause, um in einer Apotheke Maltodextrin und Fresubin aufzutanken. Da sehen wir uns spätestens wieder.“ „Ich brauche nicht lange“, antworte ich optimistisch. Und weg sind sie.

Silikon und Frustration

Auf den gesamten letzten 14.000 Kilometern, die mich bis nach Israel und Jordanien geführt haben, musste ich nicht einmal einen Reifen flicken. Wenn mal etwas undicht war, hat die Dichtungsmilch gute Arbeit geleistet – auch der labile Conti-Reifen auf dem Weg nach Basel hat letztendlich gehalten. Natürlich habe ich gedanklich immer mal wieder den Fall durchgespielt, was wäre wenn… dass es aber gerade auf der BTG passieren würde…

Ich mache mich an die Arbeit, jetzt muss alles ganz schnell gehen. Aus der kleinen Gastank-Tasche krame ich das Reparaturset hervor. Das enthält eine Dichtungswurst, also eine Art Pfropfen, den man in größere Löcher stopfen kann. Mit meinem Multitool versuche ich ihn durch den Schlitz zu drücken – ohne Erfolg. Soll ich das Loch größer machen, damit der Pfropfen durchpasst? Nein, besser nicht, am Ende mache ich nur noch mehr kaputt. Stattdessen entscheide ich mich dazu, den Reifen von der Felge zu nehmen und das Loch von innen zu stopfen – der Beginn allen Übels.

In der Folge kann ich die Dichtwurst von innen durch den Schlitz schieben, den Reifen wieder auf die Felge setzen, bekomme aber den Reifen mit meiner kleinen Handpumpe nicht mehr aufgepumpt. Normalerweise lassen sich schlauchlose Reifen auch mit einer kleinen Pumpe aufpumpen, das allerdings nur, wenn der Reifen auf der äußeren Rille der Felge sitzt. Durch die Silikonflüssigkeit ist jetzt aber alles glitschig, der Reifen rutscht dauernd von der Rille. Mist, Mist, Mist!

Ich mache alles viel zu schnell, bin zu hastig. Ich habe nicht einmal meine Fahrradhandschuhe ausgezogen, sodass sie mittlerweile mit Dichtungsmilch getränkt sind. Ruhe, Benni, alles mit der Ruhe. Ich versuche es nochmal, pumpe wie ein Wilder. Tut sich da was, hält der Reifen die Luft? Ein Griff auf den Reifen – immer noch völlig platt, Mist. Nochmal pumpen, nochmal, und nochmal. Wahrscheinlich verbrenne ich gerade die ganzen Kalorien, die ich in der Bäckerei zu mir genommen habe. Der Reifen bleibt platt. Ich bin nass geschwitzt, obwohl es noch recht kühl ist. Zusätzlich fressen mich Mücken auf. Ahhh!!!

Alle Motivation passé

Was tun? Ich greife zum Handy, mal sehen, wo Linus mittlerweile ist. Die Versuchung ist groß, einfach auf ihn zu warten, den Druck der Verfolgung zu beenden. Vielleicht hat er ja besseres Reparaturzeug dabei, kann mir helfen und dann fahren wir zusammen weiter. Das würde mir einen neuen Schub verpassen. Aber Linus ist noch zu weit weg, erst in Bad Schandau. Er macht wahrscheinlich gerade Frühstückspause. Vermutlich wäre er erst in zwei Stunden hier, da könnte ich die Zeit nutzen und ein Vormittagsschläfchen machen. Aber bei den Mücken? Außerdem bin ich gerade hellwach.

Also Plan B: Ich nehme den Reifen wieder von der Felge und setze einen Schlauch ein. Wie gut, dass ich einen dabei habe. Jetzt nur noch aufpumpen und so zumindest provisorisch weiterrollen. Doch da wartet schon das nächste Problem: Jetzt, wo der Schlauch drin ist, will der Reifen nicht mehr auf die Felge, es ist alles zu glitschig, er rutscht immer wieder runter. Wenn ich jemand wäre, der laut flucht, es wäre jetzt ziemlich laut hier irgendwo im tschechischen Wald.

Wieder ein Blick auf das Handy. Einige Freunde starten offensichtlich gerade in den Tag und haben einen Blick auf den Liveticker geworfen. Viele schreiben mir Nachrichten wie: „Super Benni, du hast einiges aufgeholt, bist auf einem super Platz, weiter so…“. Wenn die wüssten. Diese Begeisterung von anderen ist zwar schön, macht meine Situation aber gerade nur noch schlimmer. Meine ganze Motivation, die ich vor einer Stunde noch hatte, ist passé.

Dann ein weiterer Versuch. Endlich, der Reifen sitzt wieder auf der Felge. Ich pumpe ihn auf, alles hält. Also weiter, endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit.

Skepsis und neuer Mut

Gerade als ich aufbreche, kommt mir ein Teilnehmer der 1000 Miles entgegen. Na super, den hätte ich fragen können, ob er eine größere Pumpe oder besseres Reparaturzeug dabei hat. Egal – ich grüße ihn und fahre weiter.

Auf den nächsten Kilometern werfe ich abwechselnd einen Blick auf meinen Hinterreifen – immer in der Erwartung, dass er Luft verliert – oder rege mich über den Zeitverlust auf. Meine Stimmung ist im Keller. Mindestens 45 Minuten hat mich dieser Schlitz im Reifen gekostet. Wahrscheinlich muss ich den Reifen wechseln, bis Rügen wird er wohl kaum halten. Zusätzlich kleben meine Handschuhe von der Dichtungsmilch.

Es geht auf vielen steilen und steinigen Pfade entlang – war ja klar, auch diese vermeintlich einfachen letzten Berge haben‘s in sich! Nach jeder zweiten Wurzel drehe ich mich skeptisch zu dem Reifen um. Doch er macht keine Anstalten, Luft zu verlieren, trotzt jeder Unebenheit.

Also alles halb so wild. Warum mache ich mir überhaupt so viele Gedanken? Ich bin immer noch im Rennen, bin zeitlich super unterwegs, es geht mir gut, ich hatte nur eine kleine Panne. Meine Stimmung bessert sich, ich rege mich nicht mehr über die Panne und den Zeitverlust, sondern wenn dann nur noch darüber auf, dass ich mich von etwas derartigem demotivieren lasse.

Besorgter Bruder

Dann erreiche ich das Örtchen Hochkirch. Geschafft! Jetzt liegen die Berge wirklich hinter mir. Bei einem Blick auf das Handy realisiere ich nicht nur das, sondern sehe auch, dass mein Bruder mir geschrieben hat. Er verfolgt das Rennen intensiv und hat sofort gemerkt, dass was nicht stimmt.

Ich rufe ihn zurück. Während ich ihm von der Panne und besonders meinem Stimmungstief berichte, merke ich selber, wie unnötig dieses Aufregen war. Selbst, wenn ich noch fünfmal eine Panne habe, so sage ich meinem Bruder und mir selber, ich werde alles geduldig reparieren, mir zur Not einen neuen Mantel kaufen und dieses Rennen in einer sehr guten Zeit zu Ende fahren. So lege ich alle schlechte Stimmung ab, bin wieder voll motiviert und fahre in die Lausitz und den gerade erst angebrochenen Tag hinein.

Power Nap

In den nächsten Stunden gilt es zwar immer noch den ein oder anderen Hügel zu überwinden, insgesamt ist die Strecke aber nun tatsächlich sehr flach. Häufig geht es sogar mehrere Kilometer auf Asphalt entlang. Damit werde ich allerdings mit einem neuen Problem konfrontiert: Das Rollen über flachen Asphalt und das Liegen in der Aerobar ist derartig angenehm, dass mich nach einiger Zeit der Hammer trifft: Mich überkommt eine Müdigkeit, wie ich sie selten erlebt habe. Auf einer besonders langen Ebene fallen mir mehrmals die Augen zu, ich muss mich schütteln und kneifen, um nicht auf dem Fahrrad einzuschlafen.

Diese Müdigkeit setzt sich lange fort. Eigentlich wollte ich bis zu dem nächstgrößeren Ort fahren, bei einem Lidl einkaufen und erst dort eine Pause einlegen, doch ich muss schon vorher nachgeben. Eine kleine Hütte am Wegesrand kommt gerade recht, für 20 Minuten lege ich mein Fahrrad vor und mich selber in sie hinein – Power Nap. Gleichzeitig lege ich damit den Druck ab, Stefan und Tilo wieder einholen zu müssen. Sie sind mittlerweile wahrscheinlich weit enteilt. Das ist okay so, ab jetzt fahre ich wieder mein eigenes Ding, schaue nur auf mich.

Interaktives Radio

Gerade, als ich wieder auf dem Fahrrad sitze, ruft meine Schwägerin an. „Na, wie geht‘s“, fragt sie. „Müde“, antworte ich, „ich bin gerade fast auf dem Rad eingeschlafen. Gut, dass du anrufst.“ Sie versteht sofort, was ich jetzt brauche und erzählt mir alles mögliche, was sie momentan beschäftigt und was gerade zu Hause so passiert. Genial! Das ist wie Radio, nur interaktiv, ab und zu werfe ich nämlich ein „aha“ oder „warum?“ ein. Schnell ist meine Müdigkeit erloschen.

Und dann kommt auch noch Boxberg und der Lidl. Mit meiner Schwägerin im Ohr betrete ich den Supermarkt und erzähle ihr, was ich mir so alles greife. Dabei wird mir bewusst, wie ungesund ich mich mittlerweile ernähre (was meine Schwägerin wiederum feiert, da sie ein deutlich entspannteres Verhältnis zu Lebensmitteln pflegt als ich). Ich kaufe einen Joghurtdrink, Schogetten, PickUps, Salamis, Brötchen, Erdnussbutter, einige Riegel und – Red Bull. Es gibt gerade keinen anderen Energy Drink, also greife ich zu diesem mir so unsympathischen Gesöff. Aber ordentlich Koffein und Zucker enthält‘s halt trotzdem.

Beim Bäcker nebenan hole ich mir außerdem ein Pizzastück und ein paar süße Teilchen, die zusammen mit dem Joghurtdrink mein Mittagessen vor dem Lidl darstellen. Das muss bis zum Checkpoint Nummer vier reichen, bis dorthin will ich nur noch während des Fahrens Riegel und PickUps essen.

Sand und Pflastersteine in Polen

Nach diesem Boxenstopp komme ich bald zur Neiße, welche hier die Grenze zwischen Deutschland und Polen darstellt. Hinter Bad Muskau überquere ich den Fluss und betrete das vierte Land dieses Rennens. Da hat sich der Scout dieses Abschnittes mal ein besonderes Stück Polen ausgesucht, um das Land auf der BTG zu repräsentieren: Es geht durch ein Waldgebiet, in dem unzählige verlassene Kasernen vor sich hin vegetieren. Wurde hier eigentlich schonmal ein Horrorfilm gedreht? Würde in jedem Fall eine gute Kulisse bieten.

Foto von Achim Walther

Angst bereitet mir dieser Abschnitt zwar nicht, dafür aber ordentlich Durchhaltevermögen. Denn hier kann ich nun in vollstem Ausmaß die Wegbeschaffenheit des Ostens, von der ich schon so viel gehört hatte, selber erleben: Pflastersteine wechseln sich mit Betonplatten und Sandpisten ab. Auf einem Neißedamm geht es zusätzlich durch hüfthohes Gras. Da pikst und sticht dauernd was, sodass meine Beine bald ziemlich brennen. Ich frage mich: Kommt eigentlich sonst keiner auf die Idee, hier lang zu fahren, sodass das Gras flach gefahren wird? Offensichtlich brettern hier nur einmal im Jahr ein paar verrückte Bikepacker durch.

Generell wünsche ich mir nach wenigen Minuten auf dem einen Untergrund etwas anderes herbei. Bremst mich beispielsweise mehrere Minuten Sand aus, denke ich mir: „Ach, die Pflastersteine waren doch gar nicht so schlecht.“ Holpere ich dann wieder über Pflastersteine, scheint der weiche Sand auf einmal ganz attraktiv. Aber immerhin hält dieser abwechslungsreiche Abenteuer-Parcours mich wach. Zusätzlich werden im Wechsel unterschiedliche Körperpartien belastet: Auf Pflaster und Beton die Hände und der Hintern, im Sand die Beine – und die Psyche.

Wiedervereinigung am Checkpoint 4

Geplagt von Pflastersteinen und Sand kann ich mein Glück kaum fassen, als ich die Neiße erneut überquere und nach Deutschland zurückkehre: Die folgenden Kilometer geht es auf dem Neißeradweg entlang, mehr als zehn Kilometer flacher Asphalt. Das ist so entspannt, dass ich sogar auf dem Rad mein Handy hervorholen und den Liveticker öffnen kann. Das gibt‘s doch nicht! Tilo und Stefan sind nur kurz vor mir und gleich beim Checkpoint vier. Ich werde sie also gleich wiedersehen.

Das treibt mich noch weiter an. Ich fege über den Neißedamm und muss lachen. Da habe ich mich noch vor ein paar Stunden von dem Gedanken verabschiedet, die beiden wieder einzuholen, dann lief‘s aber doch so gut, sodass ich jetzt kurz hinter ihnen bin. Das ist mir mal wieder eine Lehre: Lass dich nicht runterziehen, auch wenn du unerwartet gestoppt wirst. Das Ärgern über Hindernisse und Rückschläge kostet letztendlich mehr Energie, als das Überwinden der Hindernisse und Rückschläge selber.

Der vierte Checkpoint ist ein Aussichtspunkt auf den Kohletagebau Jänschwalde. Als ich mich ihm nähere, sehe ich Tilo und Stefan schon aus der Ferne. Sie sitzen entspannt neben ihren Rädern, essen was und winken mir zu. „Oh man, ich freu mich euch zu sehen!“ rufe ich ihnen zu. Tilo schießt ein Foto von mir, dann fahren wir in gewohnter Dreisamkeit wieder weiter.

Abendliche Euphorie

Alleine unterwegs zu sein hat definitiv seine Vorteile, die letzten Stunden konnte ich nur auf mich hören und meinen ganz eigenen Rythmus fahren. Aber ich bin einfach zu sozial und unterhalte mich zu gerne, als dass ich das gemeinsame Fahren mit Stefan und Tilo nicht genießen würde. Zusammen rollen wir in den Abend hinein.

Ich bin derartig euphorisch, dass ich gedanklich wieder anfange zu rechnen. Wenn wir heute noch 70 Kilometer schaffen, gewohnt zwischen drei und vier Stunden schlafen und morgen dann 300 Kilometer abspulen, dann wären es nur noch etwa 150 Kilometer ins Ziel. Wenn die Kraft reicht, würde ich die letzte Nacht nur noch Power Naps machen, so könnte ich es schon bis Samstagmorgen nach Rügen schaffen!

Dazu muss aber natürlich der Reifen halten. Außerdem müssten die Wege einigermaßen gut befahrbar sein – haben wir die schlimmsten Sandpassagen eigentlich schon hinter uns? Ich versuche mich gedanklich selber etwas zu bremsen. Nur nicht zu optimistisch, am Ende bin ich wieder entmutigt und enttäuscht.

Nächtliche Desillusionierung

Das sind weise Gedanken, die sich schnell als wahr herausstellen werden. Noch bevor die Sonne ganz untergegangen ist, treffen wir nämlich auf die eigentlichen Sandpassagen. Oh dieser Sand! In den letzten Jahren haben alle BTG-Fahrer über ihn geflucht und geklagt. In meinem Optimismus hatte ich mir allerdings vorgestellt, dass es sich lediglich um einzelne, wenige Kilometer lange Passagen handeln muss.

Jetzt werde ich mit der Wirklichkeit konfrontiert: Fast ununterbrochen geht es über Wege, die aus nichts anderem als Sand bestehen. Teilweise fühlt es sich so an, als würde man über einen Sandstrand fahren. Besonders tückisch sind Kreuzungen, an denen sich der Sand sammelt. Da muss man dann ordentlich Gas geben, um nicht durch den tiefen Sand ausgebremst und zum Stehen, womöglich sogar zum Fallen gebracht zu werden. Da wird aus dem Bikepacking schnell mal Bikesurfing.

Mein Optimismus ist allerdings auch in dieser Situation nicht ganz gestorben. Während jeder Sandpassage denke ich mir, dass dies wohl die letzte sein wird, dass sich die Wege bald bessern würden. So lasse ich auch meine Reifen voll aufgepumpt. Um auf Sand besser unterwegs zu sein, sollte man nämlich fast alle Luft aus den Reifen lassen. Nicht notwendig, denke ich mir, bald ist es schon geschafft.

Foto von Tilo Lier

Sturz um 22 Uhr

Als die Sonne untergeht, bin ich allerdings mit meiner Energie am Ende. Dieser Sand raubt mir meine ganze mentale und körperliche Kraft. Ich blicke auf die Kilometeranzeige: Noch nicht einmal 200 Kilometer geschafft! Wollte ich heute nicht an die 300 machen? Aber egal, es geht eben nicht, lange werde ich heute nicht mehr fahren können.

Zu allem Überfluss fahren wir gerade an einem See entlang, an dem es auf einem schmalen Trail viele umgefallene Bäume zu überwinden und enge Kurven zu umfahren gilt. An einer Stelle nehme ich die Kurve zu eng und kippe gegen einen Baum und ins Gebüsch. Ich schramme mir mein Bein etwas auf, außerdem steht mein Sattel quer. Sonst scheint nichts passiert zu sein. Den Sattel kann ich wieder richten, also weiter geht’s – nochmal alles gut gegangen.

Wassersuche in der Wüste

Immerhin macht mich der Sturz wieder wach, gibt mir neue Energie. Ich sage zur mir selber: Ruhig bleiben, nicht mit Gewalt durchziehen, konzentriert fahren. So bleibe ich endlich auch stehen und lasse Luft aus den Reifen. Bringt ja nichts, wahrscheinlich wird’s noch lange über Sand gehen. Und tatsächlich, mit weniger Luft in den Reifen geht es viel einfacher, fast an keiner Stelle werde ich jetzt vom Sand zum Stehen gebracht. Da hätte ich mir in den letzten Stunden einige Mühe ersparen können.

Um kurz nach 23 Uhr und nach langer Zeit im Nichts erreichen wir die kleine Häuseransammlung Ullersdorf. Wir sind uns einig, dass wir Wasser auftanken müssen. Außerdem ist Tilo mittlerweile ziemlich müde, er kann sich kaum noch auf den Weg vor sich fokussieren. Mir geht’s zwar wieder super, aber ich habe auch nichts dagegen, wenn wir bald den Tag beenden. Nur gibt es in Ullersdorf kein Wasser. Ich komme mir ein wenig wie in der Wüste vor: Überall Sand, ab und zu ein kleines Dorf, Wasser gibt’s aber weit und breit nicht. Also weiter, ins nächste Dorf.

Wieder geht es durch Wald und über Sand, wieder erreichen wir einen Ort, Weichensdorf, wieder gibt’s kein Wasser. Also weiter. Um kurz nach Mitternacht erreichen wir Reudnitz. Auch hier finden wir kein Wasser, dafür steht in der Dorfmitte ein Gemeindehaus. Tilo stürmt zur Hinterseite und verkündet glücklich, dass es dort eine Veranda gibt, unter die wir uns legen können. Ideal! Stefan hat nämlich auf dem Radar gesehen, dass es heute Nacht regnen wird. Wir brauchen also ein Dach. Wir stellen unsere Räder auf die Veranda und breiten uns schön hintereinander auf dem Boden aus. Wir haben zwar kein Wasser, aber immerhin einen trockenen Schlafplatz.

Foto von Stefan Schmitt

Das Ziel ist nahe

Stefan und Tilo legen sich sofort schlafen, ich esse noch etwas, lade Bilder auf die Social-Media-Kanäle und checke den Zwischenstand. Einige Kilometer vor uns ist Team Denmark, hinter uns Linus – das gewohnte Bild also. Gut zu wissen, dass sie heute auch nicht mehr geschafft haben, als wir, am Ende stehen 213 Kilometer auf meinem Navi.

Am Checkpoint vier schläft eine große Gruppe, nämlich Constantin, Dan Hansen, Michi Braun, Jakub Jágl und Flo Thiessen. Das sind wohl die Leute, die wir im Auge behalten sollten, die uns noch überholen könnten. Alle anderen scheinen zu weit weg.

Morgen werden wir bald auf Höhe Berlin sein, der Track führt wenige Kilometer an der Hauptstadt vorbei. Dahinter wartet die Mecklenburger Seenplatte auf uns, wahrscheinlich die letzte große Herausforderung: Es geht dort über den 66-Seen-Radweg an vielen Seen und über unzählige umgestürzte Bäume entlang. Das wird bestimmt nochmal viel Zeit kosten.

Doch ich bin weiterhin motiviert. Mittlerweile tut zwar so ziemlich alles weh, was weh tun kann – der Hintern, die Hände, die Schulter, der Rücken, die Beine. Aber das Ziel ist nahe, jetzt heißt es einfach durchbeißen – “don’t be soft!”. Außerdem habe ich das persönlich gesetzte Koffein- und Schmerzmittelmaß noch lange nicht ausgereizt. Ich habe noch einige Koffeintabletten dabei, Schmerzmittel musste ich tagsüber bisher auch nicht nehmen.

Ich lege mich zwischen Tilo und Stefan und bin besten Mutes – Kap Arkona, ich komme!

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