Mit Hochgeschwindigkeit durch Osteuropa

by Velospektive

Nachdem mich die Fähre in zweieinhalb Tagen von Georgien über das Schwarze Meer nach Bulgarien bringt, habe ich nur ein Ziel: Den Osten Europas zu durchqueren und zurück nach Hause zu kommen. Ich weiß, dass es schädlich ist, nur mit dem Ziel vor Augen auf eine Reise zu gehen, es führt leicht zu einem Tunnelblick, der einen blind für Dinge am Wegesrand werden lässt. In den letzten Monaten konnte ich mich ganz gut darauf einstellen, mich immer wieder auf den Weg und nicht das Ziel zu fokussieren.

Doch jetzt ist es mir egal; mit meinen Gedanken bin ich schon halb in Deutschland und der Schweiz, bei all den Menschen, die ich wiedersehen möchte und all den Dingen, die ich dort vorhabe. So nehme ich mir vor, in einem sportlichen Ritt durch Osteuropa zu sausen und mache mich gleichzeitig frei von dem Druck, jedes Land, das vor mir liegt, intensiv kennenzulernen.

Auf europäischem Boden

So ganz blind bin ich aber natürlich trotzdem nicht für meine Umgebung. Das lassen schon die täglichen Pflichten, denen man auf so einer Radreise nachkommen muss, gar nicht zu. So kaufe ich mir am frühen Morgen in der Hafenstadt Burgas zunächst eine Simkarte und gehe danach im Lidl einkaufen (das spiegelt wohl die Prioritäten meiner Generation wieder: zunächst für Internet sorgen, dann für Essen). Mit Zugang zum World Wide Web und mit Essen in den Taschen breche ich auf die Hast durch Osteuropa auf.

Bulgarien gehört zur Europäischen Union und irgendwie fühle ich mich damit schon halb wie “zu Hause”, obwohl ich in Bulgarien selber noch nie zuvor gewesen bin. Trotzdem sind mir viele Dinge vertraut: In jeder Stadt gibt es deutsche Supermärkte, einige Straßen sind mit EU-Fördergelder gebaut und es gibt doch tatsächlich Fahrräder und sogar ein paar Fahrradwege in den Städten. Nichtsdestotrotz ist das Radfahren in Bulgarien nicht so unkompliziert, wie in Zentraleuropa: Die großen Straßen haben keine Seitenstreifen, sodass die vielen LKWs, die von der Türkei über Bulgarien Richtung Norden fahren, sich eng an mir vorbeischieben; die kleinen Straßen kennen keine LKWs, dafür aber viele Schlaglöcher.

So wird mir schnell deutlich, dass Bulgarien zwar zur EU gehört, doch weiterhin ein recht armes Land ist. Gemessen am BIP ist es sogar das ärmste Land der EU. Die Türkei scheint mir mit ihren guten Straßen und modernen Städten auf einmal wie eine mächtige Industrienation. Mit diesem Vergleich vor Augen bin ich dann auch hin- und hergerissen, als ich durch die ersten kleinen bulgarischen Dörfer abseits der großen Straßen fahre. Auf der einen Seite wirkt das Leben hier noch so idyllisch und ursprünglich, auf der anderen Seite weiß ich, dass die meisten jungen Menschen aus diesem vermeintlich so idyllischen Leben entfliehen und in den Städten oder sogar im Westen Europas ein besseres Leben suchen. Das lässt die Alten in den Dörfern zurück – meist mit einer mickrigen Rente und ohne Ärzte in näherer Umgebung.

Überholt von Pierre

Während ich so kurz vor der Europawahl über die Situation in dieser Europäischen Union nachdenke, werde ich auf einmal von einem seltsamen Hupenlaut aus meinen Gedanken gerissen. Ich drehe mich um und erblicke Pierre auf seinem Fahrrad. An diesem hat er eine ganz ulkige Hupe geklemmt, die er sich in Malaysia gekauft hat. Von dort ist er im Januar aufgebrochen. Es ist das erste Mal überhaupt auf meiner Reise, dass ich von einem anderen Radreisenden überholt werde. Pierre ist noch viel schneller als ich unterwegs, er hat ebenfalls nur ein Ziel vor Augen: Anfang Juni in Frankreich zu sein.

Wir kommen sofort gut ins Gespräch und fahren für zwei Stunden nebeneinander her. So vergeht die Zeit wie im Flug und auf einmal sind wir schon an der Donau, die die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien bildet. In Ruse, der Stadt, in die wir kommen, plündern wir gemeinsam den Lidl, halten im anliegenden Park ein Festmahl ab und zelten anschließend an der Donau mit Blick nach Rumänien. Wir verbringen also den gesamten Abend damit, weitere Reiseerfahrungen auszutauschen.

Pierre war in den letzten Monaten auf ganz andere Weise als ich unterwegs. Nachdem er in Südostasien von seinem Reisepartner sitzen gelassen wurde, hatte er im Prinzip schon ab da nur ein Ziel: Auf dem Fahrrad zurück nach Frankreich zu kommen. Deshalb hat er auch nie besonders den Kontakt zu Einheimischen gesucht, ganz im Gegenteil, er hat es die meiste Zeit geschätzt, möglichst “unsichtbar” – wie er es selber beschreibt – unterwegs zu sein. Er kann es nämich gar nicht leiden, immer wieder neu kurz und nur oberflächlich mit Menschen in Kontakt zu kommen.

Trotz dieser anderen Reiseart ist mir Pierre sehr sympathisch, er hinterfragt sich nämlich konsequent selber. Als ich ihm von meinen Erlebnisse und guten Begegnungen berichte, scheint er fast reumütig, dass er so wenig Kontakt zu anderen Menschen gesucht hat. Außerdem verschweigt er nicht, dass er mehrmals mit Bus und Bahn gereist ist, um die Reise abzukürzen – etwas, das er ebenfalls in Zukunft anders machen würde. Diese Selbstkritik bringt auch mich dazu, mich zu fragen, ob ich etwas anderes hätte machen sollen und ob ich überhaupt die Offenheit dazu habe, mich und meine Art zu reisen derartig zu hinterfragen.

Idyllische Armut in Rumänien

Am nächsten Morgen trennen wir uns, Pierre möchte dem Donauradweg folgen, ich selbst will es mir nicht ganz so einfach machen und noch ein wenig Bergluft atmen, bevor ich nach Deutschland zurückkehre. Ich überquere also die Donau und durchquere das südliche Tiefland Rumäniens in Richtung Karparten.

Hier im Süden des Landes begegnet mir teilweise noch mehr Armut, als in Bulgarien. In manchen Dörfern scheint es mir mehr Pferdekarren als Autos zu geben. Paradoxerweise nimmt mit dieser Armut aber auch die Idylle zu: Ich fühle mich in eine andere Zeit versetzt, während ich an den vielen schönen Höfen vorbeifahre und die Menschen beobachte, wie sie mit einfachsten Geräten die Äcker bearbeiten.

Ich muss an einen Zeitungsartikel denken, in dem darüber berichtet wurde, dass ein “ganzes rumänische Dorf” in die deutsche Stadt Herne ausgewandert ist. Natürlich war das übertrieben, es waren nicht alle aus dem Dorf, sondern nur die meisten jungen Erwachsenen, die das Dorf geschlossen Richtung Deutschland verließen. Und trotzdem macht dies eine grundsätzliche Entwicklung deutlich: Die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union sorgt dafür, dass die meisten rumänischen und bulgarischen Dörfer wie leer gefegt von jungen Menschen sind.

Wie kann man dieser Entwicklung entgegen wirken? Die Freizügigkeit abschaffen? Nur noch “qualifizierte Arbeitskräfte” ins Land lassen? Muss man diese Entwicklung überhaupt politisch stoppen? Auf meinem Fahrrad darüber grübelnd finde ich keine schnelle Antwort. Ich fühle mich in jedem Fall priviligiert, dass ich so frei durch Europa radeln kann und auch nie vor die Frage gestellt wurde, ob ich meine arme Heimat verlassen soll.

Die wilden Karparten und das beschauliche Siebenbürgen

Bald erheben sich die Karparten vor meinen Augen. In ihnen war ich vor drei Jahren mit meinen Brüdern und einem Freund wandern. Dieses Gebirge ist eine der letzten “wilden” und einigermaßen unberührten Naturräume in Europa. Man kann in ihnen unterwegs sein, ohne auf viele andere Touristen zu treffen, dafür trifft man unter Umständen auf einen Braunbären, von denen es hier ziemlich vielen geben soll.

Für Radreisende ist die Transfagaras die beliebteste Straße, um die Karparten zu überqueren. Sie windet sich in unzähligen Serpentinen bis auf über 2000 Meter hinauf. Da in solch einer Höhe bis in den Juni hinein Schnee liegt, ist sie allerdings noch gesperrt. Ich entscheide mich deshalb dazu, die Karparten auf einer gemütlicheren Route zu überqueren, die mich nur auf gut 1000 Meter führt.

Komoot, der Routenplaner meiner Wahl, führt mich aber einen derartig abgelegen Pfad, sodass ich für Stunden kein Haus und Menschen sehe. An der ein oder anderen Stelle frage ich mich schon, ob wohl gleich ein Bär hinter der nächsten Kurve wartet. Doch ich komme ganz ohne Begegnungen mit Bären auf die andere Seite des Gebirges.

Ich gelange in die Region Siebenbürgen. Hier wurden ab dem 12. Jahrhundert deutsche Siedler angeworben, die die Region über Jahrhuderte prägten. Auch heute sieht man den Dörfern und Städten diese Prägung noch an, die Häuser haben einen ganz eigenen Stil, es gibt viele protestantische Kirchen und einige Straßen sind sogar noch zweisprachig beschildert.

Mit 170 Sachen durch Ungarn

Gerade habe ich noch die alten Dörfer Siebenbürgens bewundert, da stehe ich schon an der nächsten Landesgrenze. Nach vier Tagen in Rumänien betrete ich Ungarn. Dieses Land ist im Gegensatz zu Rumänien eine einzige platte Fläche. Ich habe vor, diese große Ebene in nördliche Richtung zu durchqueren, um in die Slowakei zu gelangen. Als ich abends hinter der Grenze campe und die Strecke studiere, sehe ich, dass es etwa 340 Kilometer bis in das slowakische Rimavská Sobota sind, wo ich bei Freunden einen Zwischnenstopp einlegen will. “Das lässt sich doch in zwei Tagen machen!”, so denke ich mir, und starte am nächsten Morgen auf einen besonders schnellen Ritt durch das ungarische Tiefland.

Die Straßenverhältnisse sind ideal dafür, es gibt hier sogar abseits der Städte viele eigene Fahrradwege. Generell kommt mir Ungarn aufgeräumter und moderner entgegen, als ich es erwartet hatte. Es scheint wohl wirklich so zu sein, dass der Reichtum und Lebensstandard in Osteuropa zunimmt, je weiter man sich gen Westen bewegt. Für mich ist das ideal, ich kann mich langsam wieder an deutschen und schweizer Standard gewöhnen. An einiges muss ich mich nämlich wahrlich erst wieder gewöhnen, zum Beispiel, dass es nicht erlaubt ist, auf der Straße zu fahren, wenn es einen eigenen Fahrradweg gibt; oder, dass man nicht einfach über eine rote Ampel fährt, wenn kein Auto kommt.

Nachdem ich die letzten Tage immer weit über 100 Kilometer am Tag zurückgelegt habe, fordern die 170 Kilometer nun meine letzten Reserven. Zusätzlich sind mein Fahrrad und die breiten Reifen nicht dafür gemacht, stundenlang über flache Asphalt-Straßen zu fahren. Doch trotz all der Plackerei beende ich den Tag glücklich und mit einem stolzen Blick auf die zurückgelegte Entfernung. Ich suche mir einen ruhigen Platz zum Zelten, stopfe alle möglichen Leckereien in mich hinein und falle müde, aber zufrieden in mein Zelt.

Das ist ein Paradoxon des Radreisenden: Man quält sich Kilometer für Kilometer durch den Tag, zunehmend schmerzen Hände, Schultern und der Hintern, doch am Abend ist man von Glück über die eigene Leistung erfüllt, was einem genügend Energie bringt, um am nächsten Tag aufzuwachen und weitere 170 Kilometer in Angriff zu nehmen.

Zwischenstopp in der Slowakei

Nach diesen weiteren 170 Kilometern bin ich froh, in der Slowakei und der Kleinstadt Rimavská Sobota anzukommen. Hier lege ich eine Pause für zwei Tage ein und verbringe Zeit mit Thomas und seiner Familie. Thomas ist ein alter Bekannter und Freund, er hat auf Jugendfreizeiten mitgearbeitet, die meine Brüder und ich besucht habe. Ich habe ihn seit 15 Jahren nicht mehr gesehen, seine Frau und seine beiden Söhne kenne ich noch gar nicht. Sie sind nämlich seit 13 Jahren in der Slowakei und arbeiten unter und mit Roma, von denen hier im Süden der Slowakei viele leben.

Nach den eineinhalb Wochen, in denen ich nichts anderes gemacht habe, als Fahrrad zu fahren, zu essen und zu schlafen, ist es besonders angenehm, mal wieder Gemeinschaft zu haben – und das auch noch mit einem so lange nicht gesehenen Freund.

Weitere Fotos gibt’s hier.

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Vince Mai 28, 2019 - 20:30

Hallo Benjamin, bin ganz zufällig über deine Seite gestolpert, als ich auf der Suche nach Info’s zum Tout Terrain war. Scheint ja, dass das gute Rad nicht nur offroad- sondern auch langstreckentauglich ist 🙂
Habe mich dann in deinem Blog festgelesen, insbesondere bei deinen Berichten aus dem Nahen Osten. Habe selber einige Wochen in Syrien verbracht, kurz bevor dort die Welt unterging, und konnte vieles von dem was du geschrieben hast nachvollziehen und es hat das Fernweh geweckt. Also vielen Dank für deine Berichte (auch zum Rad 😉
Vince

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Velospektive Mai 29, 2019 - 17:36

Hallo Vince,
Das Scrambler ist definitiv langstreckentauglich! Nur die letzten 2000 Km auf dem Asphalt Osteuropas hätte ich mir ab und zu etwas gewünscht, das in Rennrad-Richtung geht.
Oh Syrien! Ich frage mich, wann man da wohl wieder als Reiseradler hinkann.
Danke für die Rückmeldung!

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Vince Mai 30, 2019 - 15:09

2000 Kilometer sind ja auch schon ein Wort für einen Normalsterblichen wie mich. Darf man fragen, wo das Hauptproblem lag? Ich nehme an, dass es vor allem die Bereifung ist? Die könnte man ja austauschen, wenn man weiß, dass man viel auf Asphalt unterwegs ist.
Weiterhin immer Gute Fahrt!
Vince

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Velospektive Mai 30, 2019 - 20:55

Hey Vince,
ja genau, die Reifen sind etwas breit und der Lenker gibt nicht so eine sportliche Haltung her. Aber trotzdem – es ist okay, nur für diese letzte Etappe wollte ich nicht die Reifen wechseln.
Dir auch gute Fahrt, wo immer es Dich hin verschlägt!

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