Night of the 100 Miles – ein Soloritt durch das Ruhrgebiet

by Benni

Ich mag es nicht, durch die Nacht zu fahren.

Das erste Mal bin ich auf der Bikepacking Trans Germany bis tief in der Nacht unterwegs gewesen. Damals hatte ich nur eine billige China-Lampe am Lenker hängen, schon um Mitternacht war ich immer völlig geschafft vom Blick auf den kleinen Lichtkegel vor mir. Später dann, beim Eifel Graveller, war ich mit einer 1900 Lumen starken Lupine-Lampe schon deutlich besser ausgerüstet. Die letzte Nacht auf diesem Event habe ich dann auch nur eineinhalb Stunden pausiert.

Und trotzdem habe ich mich nicht wirklich wohlgefühlt, während ich so ganz ohne Sonnenlicht auf meinem Mountainbike saß und meine Wege durch die Wälder der Eifel zog. Ich habe mich so verloren und verlassen gefühlt, während die Welt um mich herum schlief. Gleichzeitig erinnere ich mich aber auch an diese kurzen Momente, als ich Mitten in der Nacht durch leblose Dörfer gefahren bin und mich so lebendig und aufgeweckt gefühlt habe – ein Gefühl, das einem nur die Nacht bieten kann. Außerdem waren da diese unbeschreiblichen Stunden der Morgendämmerung, in denen sich die Sonne so langsam aus der Versenkung erhob und ich mit ihr in den Tag startete.

Nach dem Eifel Graveller habe ich mir vorgenommen, es nochmals zu versuchen mit so einer Nachtfahrt. Ich wollte endlich einmal eine Nacht ganz durchfahren, ohne zu schlafen. Spätestens beim nächsten Bikepacking-Event, so habe ich mir vorgenommen, würde ich mindestens die letzte Nacht vor Zieleinfahrt durchfahren.

Morgendliches Eifel-Panorama

Fahr dein eigenes Event

Diese Bikepacking-Events fallen wegen Corona gerade reihenweise aus. Aber als Einzelperson wird man ja glücklicherweise nicht daran gehindert, Fahrrad zu fahren. Ich habe mir deshalb vorgenommen, die Strecke der Night of the 100 Miles als Einzelperson abzufahren.

Es handelt sich dabei um ein Event, das einen 100 Meilen, also gut 160 Kilometer, kreuz und quer durch das Ruhrgebiet führt. Man startet in Essen, das Ziel ist die Halde Hoheward bei Recklinghausen, ein markanter Hügel, der einen weiten Blick über den gesamten Pott bietet. Wie der Name schon sagt wird die Strecke nachts abgefahren. Die ursprüngliche Idee von dem Initiator BikingTom und seinem Team war es, eine nächtliche Runde durch ihr geliebtes Ruhrgebiet zu drehen und vor dem Sonnenaufgang auf der Halde anzukommen.

Mittlerweile haben sie schon zweimal knapp 100 Leute auf den Weg durch die Nacht geschickt (die Teilnehmerzahl wird von Veranstalter solcher Events oft auf 99 begrenzt, damit man der notwendigen amtlichen Anmeldung ab 100 Teilnehmern entkommt). Dieses Jahr mussten sie die Gruppenausfahrt aber schweren Herzens absagen.

Zielfoto auf der Halde von der letzten Night of the 100 Miles

Hier gibt’s einen ausführlichen Bericht von dem Event 2019.

Für mich bietet sich diese Strecke geradezu an. Ich wohne im Moment in der Nähe von Wuppertal, also südlich des Ruhrgebiets. Meine Mutter lebt in Recklinghausen, also direkt neben dem Ziel der Strecke. Außerdem fasziniert mich diese Region, dieser größte Ballungsraum Deutschlands, diese ehemalige Bergbauregion. Bei vielen Deutschen hat der Pott wohl keinen allzu guten Ruf, gilt als etwas schäbiges und schmuddeliges Revier, das seine Glanzzeit als Wirtschaftszentrum schon lange verloren hat. Ich weiß allerdings um den Strukturwandel, die aufblühende Kultur, kenne die vielen alten Zechenanlagen, die zu Museen und Landschaftsparks umfunktioniert werden, schätze besonders die unzähligen alten Bahntrassen, die in den letzten Jahren zu Radwegen ausgebaut wurden.

Außerdem warte ich gerade auf die Ausreise in den Nahen Osten, um dort die Arbeit als Entwicklungshelfer zu starten. Die Night of the 100 Miles scheint mir eine hervorragende Beschäftigung zu sein – auch, um endlich das Ziel verwirklichen zu können, eine Nacht durchzufahren.

30 Kilometer zum Startpunkt

An einem Freitagabend Mitte Mai mache ich mich also auf den Weg. Der Himmel ist klar, seit vielen Tagen hat es nicht mehr geregnet. Auch diese Nacht wird es trocken bleiben, dafür aber auch ordentlich kalt werden: Bis fast auf den Gefrierpunkt soll die Temperatur heute Nacht sinken.

Ich starte in Recklinghausen bei meiner Mutter. Bis zum eigentlichen Startpunkt in Essen sind es von hier 30 Kilometer. Insgesamt nehme ich mir für heute Nacht also knapp 200 Kilometer vor. In Angriff nehmen will ich sie mit meinem bewährten Hardtail-Mountainbike, das mich auch über die Bikepacking Trans Germany und durch die Eifel getragen hat. Die Strecke durch das Ruhrgebiet soll viel Schotter und sogar einige Trails zu bieten haben, da würde ich mit meinem Rennrad nur schlecht voran kommen. Mit dabei habe ich zudem meine hellen Lampen, viele Kleidungsschichten und eine Lenkertasche voller Trockenfrüchte.

Fertig zur Abfahrt

Um 20 Uhr starte ich – etwas zu spät wahrscheinlich, um pünktlich zum Sonnenaufgang auf der Halde zu sein. Aber zu sehr hetzen will ich trotzdem nicht. Vor kurzem hat mir noch jemand geschrieben, dass Radrennen nicht so sein Ding seien, er würde lieber „mit der Zeit, als gegen die Zeit fahren.“ Heute versuche ich den Mittelweg zu finden: Nicht allzu spät auf der Halde ankommen und trotzdem immer mal wieder Halt machen und innehalten. Bei diesem Event wird darauf verzichtet, die Zeit der einzelnen Fahrer zu messen. Es gibt also keine Bestenliste, an der ich mich messen könnte – das hilft.

Es geht vorbei an der Halde. Ich blicke zu ihr hinauf, in etwa zehn Stunden werde ich meine Fahrt dort oben beenden. Bald schon rolle ich entlang der Emscher und dem parallel dazu laufenden Rhein-Herne-Kanal Essen entgegen. Schon hier zeigt sich der Pott von seiner schönsten Seite. Modern designte Brücken kreuzen Fluss und Kanal. Am Ufer sitzen viele Angler.

Moderne Brücke über die Emscher

Ich überhole einen Tanker, auf dem Sunrise geschrieben steht. Jawohl, zum Sonnenaufgang werde ich wieder hier sein.

Bis zum Sonnenaufgang!

Trassen, Trails und Trampelpfade

Im allerletzten Tageslicht komme ich am Startpunkt der Strecke an. Vor einem Jahr wurde hier beim Café Radmosphäre eine kleine Startparty gefeiert und gut gegessen, bevor das Feld aufgebrochen ist. Jetzt ist es deutlich ruhiger – aber auch nicht totenstill. Einige Familien sind unterwegs, und auch ein paar Jugendliche scheinen so wie ich den Plan zu haben, die Nacht zum Tag zu machen. Ich mache nur kurz Halt, stecke die helle Akkulampe an den Helm und breche auf in die Nacht.

Startpunkt

Es geht zunächst auf dem neuen Radschnellweg RS1 entlang. Ein tolles Projekt! Irgendwann einmal soll dieser Radweg das ganze Ruhrgebiet von Duisburg bis nach Hamm durchziehen. Bisher sind nur 12,5 Kilometer fertiggestellt, aber die fahren sich schon sehr gut.

Bloß nicht zu lange an solch sanftes Rollen gewöhnen! Schon bald biegt der Track Richtung Süden und in die Hügel, die sich südlich des Ruhrgebiets erheben, ab. Kaum habe ich mich versehen, da ist es auch schon ganz dunkel und ich rolle nicht mehr auf glattem Asphalt, sondern auf einem Singletrack durch kniehohes Gras. Es ist beeindruckend, wie schnell die Umgebung sich hier wandelt: Um mich herum Bauernhöfe und Fachwerk, während ich gerade noch in der Metropole Ruhr war. Wüsste ich es nicht besser, man könnte mir erzählen, dass ich mich irgendwo im tiefsten Münsterland befinde.

Nach einer halben Stunden habe ich den höchsten Punkt der Tour schon erreicht – Höhenmeter gibt es hier wahrlich nicht viele zu meistern. Aber immerhin: Aus 130 Metern Höhe lässt sich das Ruhrgebiet schon wunderbar überblicken. In der Ferne sehe ich die vielen beleuchteten Schlote, im Hintergrund färbt das letzte Sonnenlicht den Rand des Horizonts orange. Diese Schlote werde ich mir heute Nacht von Nahem ansehen, die Sonne dann wenig später am anderen Ende des Horizonts grüßen.

Wieder macht der Trail einige Abzweigungen – ich muss den GPS-Bildschirm wirklich ständig im Blick haben, selten führt der Weg länger als 500 Meter geradeaus – und schon lande ich im tiefsten Dickicht. Ich steige ab, zunehmend bleibe ich an Dornengestrüpp hängen. Irgendwann geht es gar nicht mehr voran, mein Fahrrad hängt fest. Tja, da hat sich ein Weg, der vor einem Jahr noch befahrbar war, durch die invasive Armenische Brombeere zu einem undurchdringbaren Hindernis verwandelt. Mir wird deutlich, dass es für die Organisatoren solcher Events wirklich notwendig ist, ständig die Fahrbarkeit der Strecke zu testen bzw. zu scouten, wie sie es gerne ausdrücken.

Kein Durchkommen

Ich schiebe mich zurück und finde eine schnelle Umgehung. Schon bin ich wieder auf dem Track, der mich abwechslungsreich bergauf und bergab auf einem Wanderweg einem kleinen Fluss entlang führt. Ich vermute, dass es sich hierbei um eine beliebte MTB-Route handelt, die Stadtflüchtige an Wochenenden nutzen. Jetzt allerdings bin ich auf ihr ganz alleine unterwegs.

Über Stock und Steine

Nächtliche Einsamkeit

Das ist es wieder, dieses seltsame Gefühl nächtlicher Einsamkeit. Besonders im stockfinsteren Wald, in dem ich nur die zehn Meter, die meine Helmlampe vor mir erleuchtet, sehe, fühle ich mich beengt und verlassen. Welt da draußen, existierst du noch?

Wie kann das sein? Wäre ich tagsüber an selber Stelle unterwegs, ich würde nichts von alldem fühlen. Ist es tatsächlich nur der weite Blick durch Sonnenlicht gewährt, der mich vor dem Gefühl der Einsamkeit bewahrt?

Nun gut, ich wollte mich ja gerade diesem Gefühl stellen. Ich versuche es ganz rational: Ich bin wach, gesund, darf auf meinem Rad durch die Nacht sausen. Um mich herum ist die Welt nicht zu Ende, sie schläft nur. Hinter jedem Wald wartet eine Lichtung. Und überhaupt – ist nicht auch der tiefe, dunkle Wald etwas Schönes?

Das alles hilft. Ich genieße diese Nachtfahrt zunehmend.

Um 23 Uhr überquere ich die Ruhr, jenen Fluss, der der Region ihren Namen gibt. Danach geht es nochmals über Stock und Stein bergauf und -ab, bevor ich um kurz vor Mitternacht das südliche Duisburg erreiche.

Am Duisburger Rheinufer

Viel Leben um Mitternacht

Im Stadtteil Großenbaum gibt es einen Kiosk, an dem man sich letztes Jahr etwas kaufen musste. Der Kassenbon diente dann sozusagen als Checkpoint-Nachweis. Ich kaufe zwar nichts, wundere mich allerdings über die vielen Menschen, die hier unterwegs sind. So leblos ist die Nacht – zumindest in Duisburg – dann doch nicht.

Für Muslime ist gerade Ramadan, also Fastenzeit. Immer, wenn die Sonne untergeht, dürfen sie das Fasten brechen. So sind hier alle Restaurants und Imbisse gut besucht. Ich lerne: Muslime schlafen zur Fastenzeit nachts nicht.

Ich gelange an den Rhein. Hier gibt es viele Bänke, die sind aber fast alle belegt. Auf ihnen sitzen junge Leute, um sie herum Musikboxen und Bierflaschen. Auch die Feierwilligen bevorzugen die Nacht.

Auf der Brücke der Solidarität überquere ich den Rhein. Beim Blick hinab sehe ich nicht nur den breiten, schwarzen Fluss, sondern auch einige Tanker, die den Fluss hinab und hinauf fahren. Auch die Binnenschiff-Kapitäne schlafen nachts nicht.

Es geht unter der Autobahn A40 entlang. Der Verkehr auf ihr scheint nicht viel ruhiger als tagsüber. Wohin sind all die Leute so spät in der Nacht unterwegs? Auch eine Autobahn schläft nachts nicht.

Das Rheinufer ist hell beleuchtet

Tradition und alte Industrie

Auf der Friedrich-Ebert-Brücke geht es zurück auf die rechte Seite des Rheins.

Zurück auf die rechte Rheinseite

Rechtsrheinisch, linksrheinisch – was sich für Nichtwissende nach reinen geographische Beschreibungen anhört, ist für die Anwohner selber viel mehr als das. Mein Opa, der nach dem Krieg zum Duisburger wurde, hat das immer bedeutungsschwer betont: „Ihr (er meinte meine Eltern, meine Brüder und mich), die ihr jetzt am Niederrhein wohnt, seid Linksrheiner. Wir dagegen sind Rechtsrheiner.“

Noch heute ist diese Unterscheidung hier im Pott, aber auch in Städten wie Köln, Düsseldorf und Mainz von großer Bedeutung. Und auch sonst gibt es hier so einiges, über das sich die Leute definieren und von anderen abgrenzen – idealerweise mehr im Spaß, als ernsthaft, wie es zumindest bei meinem Opa der Fall war. So hat beispielsweise jede Stadt hier im Revier einen eigenen Fußballverein mit langer und teilweise sehr erfolgreicher Tradition.

Die Reviere dieser Fußballclubs erkennt man nicht alleine an den Ortseingangsschildern, sondern zusätzlich an Aufklebern und Graffities auf Mauern, Brückenpfeilern und Verkehrsschildern. Verirrt sich doch einmal das Wappen einer gegnerischen Mannschaft in fremdes Revier, wird es schnellstmöglich überklebt und übersprayt. Hier in Duisburg ist es das blau-weiße Wappen des MSV (es ist der Verein, dem ich selber familientraditionsbedingt anhänge), das ich immer wieder erblicke.

Zwar kein Fußballwappen – aber trotzdem sehenswert

Doch auch sonst gibt es hier im rechtsrheinischen Duisburg so einiges zu erblicken. Ein Highlight, wahrscheinlich sogar das Highlight der gesamten Strecke, erreiche ich um kurz nach eins: Den Landschaftspark Duisburg-Nord. Eine stillgelegte Industrieanlage wird hier des nachts mit bunten Neonlampen beleuchtet. Man kann sich frei auf dem Gelände bewegen und sogar einige Bauten besteigen. Das tue ich zwar nicht, dafür führt mich der Track mit einem Schlenker durch die Anlage. Ich rolle über alte Gleise durch imposante Stahlbauten, die sich rechts und links von mir erheben – ein ganz besonderes Erlebnis!

Mit meiner Handykamera versuche ich ein wenige davon abzulichten. Natürlich kann das lichtschwache Objektiv bei weitem nicht das einfangen, was mein Auge sieht; aber die Bilder gefallen mir trotzdem, das eine hat fast etwas von einem Nachtgemälde von Monet.

Am Ende des Parks komme ich an einem hell beleuchteten Häuschen vorbei, aus dem mich ein Wächter erstaunt anblickt. Ich kann bezeugen: Im Landschaftspark Duisburg Nord schläft auch der Nachtwächter nachts nicht.

Tankstellensnack und -gespräche

Über die Hoag-Trasse erreiche ich Oberhausen-Sterkrade. Hier befindet sich der zweite Checkpoint, eine Tankstelle mit einem 24 Stunden geöffneten Rewe To Go-Shop. Das passt perfekt, ich kann etwas Salziges und einen warmen Kaffee gut gebrauchen. Mittlerweile ist es kalt geworden, unter fünf Grad.

Die Kassiererin hat viel zu tun. Alle möglichen Leute kommen und gehen, und das um 2 Uhr nachts. Ich bin aber offensichtlich doch eine besondere nächtliche Erscheinung für sie.

„Machen sie sowas öfter, so hobbymäßig?“, fragt sie mich.

„Nein, ich fahre gerade eine spezielle Strecke ab, 100 Meilen durch das Ruhrgebiet.“

Sie scheint nicht sehr überrascht, trifft vermutlich auf so einige schräge Gestalten während solch einer Nachtschicht.

Wald, Moor, Bunker

Weiter geht‘s. Von Sterkrade aus geht es auf eine lange Schleife Richtung Norden. Ich überquere die A2 und damit die nördliche Grenze des Ballungsgebietes. Ein Stück führt mich der Track durch den Köllnischen Wald, danach geht es durch die Kirchheller Heide.

Spätestens hier ist nichts mehr von den Lichtfluten des Ruhrgebiets zu sehen, um mich herum ist es jetzt ganz dunkel. Und es ist ruhig – ich höre nur das Surren meiner Kette und wie die Steine unter meinen Rädern knirschen. Halte ich an, höre ich mich selber atmen – sonst nichts.

Erneut bin ich begeistert, wie schnell man die Metropole hinter sich lassen und ein solch großes Waldgebiet wie die Kirchheller Heide erreichen kann. Für fast eine Stunde bin ich auf Waldwegen unterwegs, ohne irgendeine Ansiedlung zu sehen.

Dann auf einmal Quaken um mich herum. Ich halte an, richte meine Lampe zur Seite. Um mich herum Wasser, von dem Nebel aufsteigt. Ich befinde mich anscheinend Mitten in einem großen Moor. Durch den Nebel, das schummrige Licht und das Quaken der Frösche komme ich mir wie in einem alten schwarz-weiß-Horrorstreifen vor. Das kann einem nur die Nacht bieten, wie ganz anders würde dieser Ort tagsüber erscheinen!

Keine Angst, nur ein Moor

Aber damit noch nicht genug: Nach dem Moor folge ich einem alten Waldweg, an dessen Seite sich wie an einer Perlenkette ein Bunker an den nächsten reiht. Da ich schon so lange durch den einsamen Wald pirsche, fühlt es sich so an, als ob ich gerade ein seit Jahrzehnten verborgenes Relikt aus dem zweiten Weltkrieg neu entdeckt habe. Mein Verstand sagt mir zwar, dass hier an sonnigen Wochenenden viele Wanderer unterwegs sind, aber trotzdem gebe ich mich gerne meinen Fantasien um 3 Uhr nachts hin.

Geschärfte Wachsamkeit um halb vier

Nach den Bunkern wird der Untergrund sandig. Auch das gibt es also im Norden des Ruhrgebiets. Während ich so über eine Sandpiste schlittere, fühle ich mich in den Sand Brandenburgs zurückversetzt, durch den ich mich während der beiden letzten Tage der Bikepacking Trans Germany gequält habe.

Die Sandpassage dauert allerdings nur kurz, bald schon erreiche ich wieder festen Untergrund und mit ihm bewohntes Gebiet. Zumeist auf Asphalt durchstreife ich Kirchhellen, Gladbeck und Bottrop. Die Straßen in diesen doch recht großen Städten sind nun, um halb vier, wirklich ganz leer. Es macht Spaß, über die leergefegten Straßen zu rasen. An großen Kreuzungen muss ich nicht stehen bleiben, weil sich ein herannahendes Auto in der Stille der Nacht geräuschvoll bemerkbar machen würde.

Überhaupt stelle ich fest, dass meine Sinne besonders geschärft sind. Der verkleinerte Sichtfokus bringt es wohl mit sich, dass man umso aufmerksamer hinhört und -sieht. Auch habe ich auf der gesamten Fahrt keine Kopfhörer im Ohr (wie ich mir vor einiger Zeit vorgenommen hatte).

Von Müdigkeit merke ich überhaupt nichts, aufputschende Musik habe ich also nicht nötig. Durch die Kälte der Nacht – mittlerweile sind es fast null Grad – habe ich ordentlich das Tempo angezogen. Diese Kombination aus Kälte und hoher Herzfrequenz gestatten es meinem Körper gar nicht erst, auch nur an Schlaf zu denken.

Hellwache Tiere

In Gladbeck und Bottrop geht es erneut auf unterschiedlichsten Trassenwegen, durch Parks und an Kanälen entlang. Auch Halden und Industrieanlagen gibt es hier in verschiedensten Größen und Formen. Ich kann allerdings nicht behaupten, dass ich zu dieser Tageszeit, bevor das erste Sonnenlicht die Dunkelheit durchbricht, viel von der weiteren Umgebung sehen würde.

Man könnte schnell zu dem Schluss kommen: Nachts sieht man weniger. Aber mir wird gerade während dieser Nachtfahrt bewusst, dass ich nicht weniger, sondern anderes sehe. Bei Tageslicht gleitet der Blick meistens in die Ferne, in der Nacht nehme ich dafür meine unmittelbare Umgebung intensiver wahr.

So z.B. die Tiere am Wegesrand. Während der gesamten Fahrt zähle ich vier Füchse, einer von ihnen fällt bei der Flucht vor mir fast in den Rhein; eine Wildschweinrotte in der Heide, die zu überrascht von mir ist, um die Flucht zu ergreifen; eine Eule, die Mitten in Bottrop auf einem Laternenmast sitzt; außerdem unzählbar viele Kaninchen, die besonders gerne auf Trassenwegen hocken und erst kurz vor meiner Ankunft, dafür aber dann umso panischer, die Flucht ergreifen.

Morgendämmerung

Pünktlich, als ich erneut den Rhein-Herne-Kanal erreiche, dämmert es. So sehr ich mich auch mit der Nacht angefreundet habe und wie sehr sie auch meine Sinne geschärft haben mag, während der Stunden der Morgendämmerung unterwegs zu sein, ist ein unschlagbares Erlebnis.

Zusätzlich haben die letzten Kilometer einige im Dämmerlicht wunderschön anzuschauende Orte zu bieten: Eine Kläranlage, deren Faultürme blau beleuchtet sind; die Rungenberg-, Graf Moltke– und Mottbruchhalde; und natürlich die Emscher, deren Nebelschwaden im ersten Sonnenlicht erst so richtig erkennbar werden, sich mit ihm aber auch schon wieder auflösen.

Die Sonne ist schon seit einer Stunde aufgegangen, als ich schließlich die Halde Hoheward erreiche. Jetzt gilt es nochmals knapp hundert Höhenmeter auf einer steilen Asphaltstraße zu bezwingen. Aber das fällt mir nicht schwer, die Euphorie am Ende einer solchen Tour lässt einen so ziemlich jedes Hindernis mit Leichtigkeit nehmen.

Die Halde Hoheward

Zielglück

Um 06.45 Uhr stehe ich auf der Halde. Das Ziel ist erreicht, die Nacht durchfahren.

Am Ziel

Ich blicke auf das Ruhrgebiet hinab. Der Blick ist weit und klar. Ich suche in der Ferne nach markanten Punkten, die ich heute Nacht passiert habe. Genial, 195 Kilometer Ruhrgebiet liegen hinter mir, unter mir.

Blick über das Ruhrgebiet und zurück auf die Route

Und die Nacht liegt hinter mir. Um mich herum erwacht alles, was in der Nacht tatsächlich geschlafen hat. Nur der ein oder andere fastende Moslem, müde Feiernde, Kapitäne auf dem Rhein, der Nachtwächter vom Landschaftspark, die Kassiererin in der Tankstelle, außerdem die meisten Wildschweine, Füchse, Eulen und Kaninchen legen sich jetzt schlafen.

So auch ich. Ich rolle nach Recklinghausen hinab und gönne mir ein paar Stunden Schlaf.

Reflexionen

Am Anfang stand diese Satz, dass ich es nicht mag, durch die Nacht zu fahren. Das hat sich mit dieser Fahrt geändert. Ich konnte feststellen, dass es eine mentale Sache und auch mentale Gewöhnung ist. Schon während der Zielfahrt hinauf zur Halde wusste ich, dass dies nicht meine letzte Fahrt durch die Nacht gewesen sein wird.

Besten Dank an BikingTom und sein Team für die Gestaltung der Route! Wer das Ruhrgebiet von einer ganz unbekannten Seite kennenlernen will, dem sei diese Route, ob bei Tag, noch besser aber bei Nacht, wärmstens empfohlen!

Ich wünsche dem Team von der Night of the 100 Miles, dass es im Jahr 2021 wieder eine gemeinsame Ausfahrt geben kann.

Panorama auf der Halde Hoheward

BikingTom stellt die Tour auf Komoot zur Verfügung:

4 Kommentare

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4 Kommentare

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Alex Mai 22, 2020 - 14:08

Klasse gemacht. Ich selber habe die erste NightOfThe100Miles mitgefahren. War klasse, wobei für mich Nachtfahrten nicht ganz so Besonderes sind.

Antwort
Benni
Benni Mai 22, 2020 - 14:59

Danke Alex,
les mir gerade Deinen Bericht durch.
Grüße und Kette rechts!

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Thomas Mai 23, 2020 - 15:08

Hallo Benni,

endlich mal wieder etwas von Dir zu lesen – ich mag, wie Du (die Dinge be-) schreibst und kann viele Deiner Eindrücke nachvollziehen. Sowohl über die Region als auch das Gefühl der Einsamkeit beim nächtlichen Fahren. Die Tour muss ich wohl auch bald einmal nachfahren – in der Nacht 🙂

Viele Grüße und alles Gute für Deine Zeit im Nahen Osten,

Thomas

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Benni
Benni Mai 23, 2020 - 15:43

Hallo Thomas,
schön auch von Dir zu lesen!
Wenn Du die Route fährst, schreib mir unbedingt!

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