Bikepacking Trans Germany 2019 – Tag Drei

by Benni
Tilos Handy klingelt um 4 Uhr, wir packen alle wortlos unser Zeug zusammen, haben alle drei einen Sinn. Gerade jetzt nicht alleine zu sein macht das ganze viel einfacher, auch wenn es hart ist, nach zwei Tagen im Sattel und dreieinhalb Stunden Schlaf wieder aufzubrechen.

Stechende Schmerzen

Um 4.30 Uhr starten wir auf unseren Rädern in den dritten Renntag. Es ist noch dunkel, Tilo und Stefan erleuchten unsere Umgebung mit ihren Lupine-Lampen, ich fahre entweder neben oder hinter ihnen. Stefan meint, es gäbe bis Erlangen nichts zum Frühstücken – was? Achja, letztes Jahr war ich mit Peter und Anja in einer ähnlichen Situation; bei einem Blick auf die Karte haben wir festgestellt, dass wir entweder in dem Ort, in dessen Nähe wir übernachtet hatten, bei einem Bäcker ein Frühstück finden würden, oder eben in Erlangen. Da dieser Bäcker aber erst in zweieinhalb Stunden öffnen würde, ist er heute keine Option. Also Erlangen, 90 km zum Bäcker-Frühstück.

Mir ist klar: Ich muss vorher Halt machen, um schon einmal von meinen Vorräten einiges zu essen. Ich will die beiden aber nicht stoppen, sie sind wahrscheinlich durch ihre Astronautennahrung für die nächsten 90 Kilometer gerüstet und wollen nicht halten. Aber zumindest die nächsten 20 Kilometer will ich mich an die beiden hängen.

Dann tritt ein weiteres Problem auf: Nach gerade einmal zehn Kilometern fängt mein linkes Knie extrem an zu schmerzen. Ich war darauf vorbereitet, dass irgendwann größere Schmerzen auftreten würden; auch die Knie würden sich früher oder später einmal melden. Aber schon jetzt, noch vor Erlangen? Und dann mit solch einem stechenden Schmerz, der mich dazu zwingt, mit dem linken Bein nur ganz sanft auf die Pedale Druck zu geben.

Tilo und Stefan sind mal wieder flott unterwegs, das Tempo wäre jetzt der Todesstoß für mein Knie und wahrscheinlich das gesamte Rennen. Jetzt heißt es kühlen Kopf bewahren. Was bringt es, jetzt mit ihnen mitzuziehen und zunehmend an Knieschmerzen zu leiden? Ich lasse sie ziehen.

Einfache Hilfsmittel

Es ist noch nicht ganz hell und ich bin wieder alleine unterwegs. Aber immerhin, der Start in den Tag wurde vereinfacht. Ich halte, verdrücke einige Snacks und fahre vorsichtig weiter. Wo kommt dieser extreme, stechende Schmerz auf einmal her? Ist es die Kälte? Heute morgen ist es extrem kalt, wohl nur um die fünf Grad. Den Oberkörper habe ich zwar gut gewärmt durch eine Windjacke und durch Handschuhe, an den Beinen trage ich aber nur meine kurze Radhose. Jetzt scheint es mir aber auch zu spät, dies zu ändern, es würde schließlich bald wärmer werden.

So ziehe ich weiter. Vorsichtig gebe ich Druck auf die Pedale. Lange wird dies nicht gut gehen, bald würde unter dem zusätzlichen Druck das rechte Knie anfangen zu schmerzen, der Schmerz würde sich nur verlagern. Es geht über viele kleine An- und Abstiege, je näher ich Erlangen komme, desto mehr Trails gilt es zu überwinden. Wenige Kilometer vor der Stadt wartet der vielleicht längste zusammenhängende Trailabschnitt. Es geht kontinuierlich auf einem zwar gut befahrbaren, dafür aber kontinuierlich leicht ansteigenden Trail entlang. Mit jedem Kilometer nehmen die Knieschmerzen zu, so gut ich das Knie auch zu entlasten versuche.

Dann eine Aufmunterung: Vor mir taucht die Wulkersdorfer Milchtanke auf, eine kleine Hütte neben einem Bauernhof, in der man aus einem Automaten Rohmilch und Käse bekommt. Letztes Jahr hat sich diese Hütte zur beliebten Tanke bei allen BTG-Fahrern entwickelt. Sie ist wie eine Oase in der Versorgungs-Wüste vor Erlangen. Schnell war der Käse ausverkauft, der Milchzapfhahn wurde selten stark frequentiert. Ich lasse mir einen Kräuterkäse aus dem Automaten, den Betrag, 2,97€, habe ich auf den Centbetrag genau in meiner Tasche.

Wieder auf dem Rad sind trotz der Freude über die Milchtanke die Knieschmerzen alles andere als verfolgen. Ich muss an das letzte Jahr denken. Ungefähr hier fing meine rechte Achillessehne an, Probleme zu machen. Bis nach Bayreuth, wo ich aus dem Rennen gestiegen bin, nahmen die Schmerzen kontinuierlich zu. Als ich so darüber nachdenke, fällt mir auf einmal ein, was damals geholfen hatte: Die Sattelhöhe verschieben. Natürlich! Würde mich jemand fragen, was gegen Knieschmerzen auf dem Fahrrad hilft, würde ich wie aus der Pistole antworten: Sattel verstellen. Heute wollte mir das aber die ersten vier Stunden nicht einfallen. Irgendwie war ich so mit dem Gedanken beschäftigt, dass nun die Schmerzen eintreffen, mit denen ich gerechnet hatte, sodass ich gar nicht an diese einfach und schnelle Lösung gedacht hatte.

Ich bin schon fast in Erlangen, als ich endlich den Sattel ein Stück nach oben verschiebe (bei Achillessehnenschmerzen schiebt man ihn etwas nach unten). Und siehe da – sofort spüre ich eine deutliche Entlastung. Jawoll! Ich schöpfe neuen Mut. Die letzten Kilometer nach Erlangen geht‘s viel einfacher.

Erlanger Boxenstopp

In Erlangen steht einer großer Boxenstopp mit einer langen Agenda an: Ich brauche natürlich Essen und Vorräte; ich will zur Apotheke, um ein letztes Mal nach Maltodextrin zu fragen – und nach Schmerztabletten; außerdem habe ich mir spontan überlegt, einen Sportladen aufzusuchen, um Knie- bzw. Beinwärmer zu kaufen. Ich habe nur Armwärmer dabei, dachte, an den Beinen wäre das nicht nötig. Aber die Knieschmerzen haben mich vom Gegenteil überzeugt.

In Erlangen kenne ich bereits einen Vaude-Shop, da mache ich zuerst Halt. Hier war ich schon vor zwei Jahren auf der Suche nach einer Bikemütze, ohne Erfolg. Auch jetzt kan mir die Verkäuferin nicht helfen, sie haben nur Sommersachen, Beinwärmer seien ja eher was für den Winter. Ja, das habe ich bis gestern auch gedacht. Aber nicht schlimm, überlege ich mir noch im Shop, ich habe ja noch eine ¾-Woll-Unterhose für die Nacht dabei, die kann ich eigentlich auch auf dem Rad anziehen.

Also schnell weiter zum benachtbarten Café, ein griechisches Café mit super leckeren belegten Brötchen und gutem Kaffee. Einen großen Kaffee, zwei Sandwich und eine Backware für hier, zwei weitere Sandwich zum Mitnehmen. Während ich vor dem Café esse und das eigentliche Slow Food in mich hieinstopfe, tauche ich für ein paar Minuten in das Internet ab. Über die Nacht und den Morgen haben sich erneut einige Leute gemeldet, nicht allen kann ich antworten. Aber Lewin muss ich doch eine Sprachnachricht senden. Er verfolgt das Rennen intensiv und hat genau beobachtet, dass ich gerade in Erlangen Halt mache, seiner alten Heimat. Zudem hat er bemerkt, dass der Track ganz knapp an seinem damaligen zu Hause vorbeiführt.

Außerdem meldet sich Dirk per Facebook. Ihn habe ich letztes Jahr, als ich mit Peter und Anja einen Mittags-Boxenstopp in Erlangen eingelegt habe, zufällig getroffen. Er hat damals das Rennen verfolgt und unsere Rädern an den Startschildern erkannt. Wir haben uns kurz unterhalten. In den folgenden Monaten hat er immer meine Reiseberichte gelesen und sich regelmäßig per Facebook gemeldet. Jetzt arbeitet er, schickt aber zumindest Grüße – super.

Schmerzmittel

Handy wieder auf Flugmodus, und der Flug auf dem Rad kann weitergehen. Vorher aber noch schnell in die Apotheke rein. Die Frage nach Maltodextrin wird fast schon wie erwartet negativ beantwortet. „Müssten wir bestellen, wäre wahrscheinlich morgen schon da.“ „Nein danke“, antworte ich, „ich bin gleich schon wieder weg.“ Aber Schmerzmittel würde ich noch mitnehmen. Auch hierauf bin ich bereits auf die Reaktion der Apothekerin eingestellt. „Die sollten sie ja nur im Notfall nehmen, und auch nur höchstes vier am Tag“, sie schaut mich etwas skeptisch an. „Ja, ich weiß“, antworte ich geduldig, „ich hätte gerne das günstigere Generikum.“ Sie haben grad nur die große 20er-Packung. Auch okay, das Zeug ist sowieso ziemlich günstig.

Ich versuche für gewöhnlich, einen weiten Bogen um Schmerzmittel zu machen. Und auch während des Fahrens würde ich sie nur im absoluten Notfall nehmen. Schmerzen sind ja schließlich nicht umsonst da, sie weisen darauf hin, wo es Probleme gibt und wo eine Entlastung von Nöten ist. Nimmt man Schmerzmittel, werden diese natürlichen Signale unterdrückt, man belastet unter Umständen einen wunden Punkt weiter extrem. Ich plane, zunächst nur eine Tablette am Abend zu nehmen, um Entzündungen etwas einzudämmen.

Checkpoint 2

Nach der Apotheke geht‘s endlich weiter. Der Plan: Bald kommt Checkpoint 2, dahinter Bayreuth. Dort könnte ich nochmal einen Supermarktstopp einlegen und danach in die Nacht reinfahren. Wenn alles gut geht, könnte ich schon die ersten Ausläufer des Erzgebirges erreichen, vielleicht sogar in Adorf in einer Pension übernachten? Ich wage gar nicht, zu konkret darüber nachzudenken, aber es scheint mir zumindest bei einem Blick auf die Karte, die freundlich nur grobe Höhenangaben macht, im Bereich des Möglichen.

Hinter Erlangen setzt sich das relativ flache Profil noch etwas weiter fort. Es geht durch urige fränkische Dörfer und Kleinstädte, sogar an einem großen See mit Schwimmmöglichkeit vorbei. Doch es ist gar nicht so heiß, ich pirsche, ohne mit der Wimper zu zucken, an dem verführerischen Nass vorbei. Wenn ich es heute Nacht tatsächlich bis nach Adorf und in eine Pension schaffe, dann werde ich dort duschen. Man muss halt in allem effizient handeln bei so einem Rennen.

Hinter Badesee und einigen Dörfern komme ich in das Wiesenttal, hier befindet sich die Burgruine Neideck, der zweite Checkpoint. Endlich! Gestern gab‘s ja keinen Checkpoint, habe fast schon Entzug. Vor der Ruine ist mal wieder Geduld gefragt, es geht nochmals eine kleinen Anstieg hinauf (klar, Burgen wurden nun mal auf Anhöhen gebaut), kurz vor dem ersehnten Checkpoint wartet zudem ein weiterer Trail. Dann ist es geschafft und ich komme als 15. am zweiten Checkpoint an.

Vor zwei Jahren war ich schonmal hier, habe mir Zeit genommen, die Ruine bestiegen und die Aussicht genossen. Jetzt schiebe ich mir nur die beiden griechisch-erlangischen Sandwiches rein und versuche verkrampft ein Selfie zu machen – ah, da kommt ja gerade eine Frau und drei Kinder daher spaziert. Sie machen fröhlich ein Foto von mir, ich erzähle kurz über das Rennen. Besonders die Kids sind ganz begeistert. „Hoffentlich gewinnst du“, sagen sie. „Ähm, danke, aber ich glaube eher nicht.“

Koffein

Und weiter geht‘s, immer weiter. An Bahngleisen entlang rausche ich durch das Wiesenttal, dann wird‘s wieder bergiger und schon bald blicke ich auf Bayreuth. Letztes Jahr war hier Schluss, jetzt ist der Gedanke ans Aufgeben gefühlt Lichtjahre entfernt. Stattdessen bin ich ganz konzentriert, einen möglichst kurzen, aber effizienten Boxenstopp einzulegen. Ich erinnere mich, dass es in Bayreuth direkt neben dem Track einen Edeka-Supermarkt gibt. Den will ich ansteuern. Ich bereite den Einkauf gedanklich schon vor, überlege mir genau, was ich brauche: Für das frühe Abendessen vor dem Supermarkt einen Schokodrink, eine Apfelschorle und ganz viel Zeug vom Bäcker nebendran (als Grundlage für den Wulkersdorfer Käse). Für die weiteren Stunden auf dem Rad und eventuell für morgen früh einige Nüsse, Riegel, Trockenfrüchte und noch einiges vom Bäcker.

Außerdem nehme ich mir vor, zum ersten Mal zu einer weiteren Geheimwaffe zu greifen: Einem Energydrink (okay, zugegeben, Geheimwaffe ist dafür übertrieben). Auch das ist etwas, was ich in meinem Alltag nicht einmal mit der Kneifzange anfasse, geschweige denn in mich hineinschütte. Ich weiß aber, dass hinter Bayreuth ein langer Anstieg auf den Großen Waldstein wartet. Hierfür könnte ich gut einen ordentlichen Koffeinschub gebrauchen.

Zusätzlich habe ich Koffeintabletten dabei. Von diesen habe ich die letzten beiden Tagen schon zweimal Gebrauch gemacht. Das schien mir jedoch noch im Rahmen zu sein, die kommenden Tagen werde ich mir wohl noch ein paar mehr einflößen.

Großer Waldstein

Ich stürme nach einem rekordverdächtig kurzen Stopp beim Supermarkt mit vollem Bauch und Taschen weiter. Auch die Bayreuther Innenstadt mit all ihrer Kultur und ihren Sehenswürdigkeiten kann mich nicht aufhalten. Ich lasse die Stadt schnell hinter mich und komme bald schon nach Bad Berneck, dem Eingangstor zum Fichtelgebirge. Dahinter kommt bis Adorf im Vogtland erstmal nichts großes mehr. Ich greife zum Energydrink – Monster Triple Espresso, zumindest nicht Red Bull – und mache mich auf in die Einsamkeit des Fichtelgebirges.

Der Aufstieg ist wirklich lang. Es geht über einige kleine Waldwege und Trails, hauptsächlich auf breiten Schotterwegen entlang. Ich bin jedoch gut drauf, nicht nur wegen des Energydrinks, sondern zusätzlich wegen Musik mit ordentlich Rhythmus im Ohr. Bei einigen Lieder fühlt es sich fast so an, als würde ich zum Beat in die Pedalen treten.

Kurz vor Sonnenuntergang erreiche ich den Gipfel des Großen Waldsteins – wobei man davon nicht viel sieht. Es gibt weder ein Gipfelkreuz, noch eine deutlich zu erkennende Kuppe mit einem Panorama, sondern lediglich einen großen Sendeturm und drumherum unendlich viele Fichten. Daran muss ich mich jetzt gewöhnen, die nächsten 150 Kilometer wird das nämlich die Aussicht bleiben: Fichten über Fichten, nur selten ergibt sich hier im Fichtelgebirge und später im westlichen Erzgebirge mal eine Lichtung, die einen Blick freigibt. Aber das ist okay, so sage ich mir selber, die letzten Monate in der Türkei, in Israel und Jordanien habe ich mich schließlich nach diesen riesigen mitteleuropäischen Wäldern gesehnt.

Auf dem Waldstein streife ich mir meine Windjacke und zudem meine ¾ Unterhose über, um die gerade recht erträglichen Knieschmerzen nicht wieder zu steigern. Außerdem frage ich Google nach einer Unterkunft in Adorf. Es ist erst 20.30 Uhr, das Dreiländereck (Bayern, Sachsen und Tschechien) nur noch etwa 40 Kilometer entfernt. Dahinter müsste nach einem kurzen Abstecher in Teschechien schon Adorf kommen, jetzt scheint es mir also wirklich realistisch, dass ich es bis etwa um Mitternacht in diese Kleinstadt schaffe. Und da die Nacht in dieser Erzgebirgsstadt mit Sicherheit zu kalt für meine ultraleichte Ausrüstung sein wird, führt an einer Unterkunft kein Weg vorbei.

Wieso machen sie denn auch sowas?

Google verrät mir, dass mitten in Adorf und direkt am Track eine günstige Pension liegt. Ich rufe über mein Headset an, während ich langsam den Waldstein hinunter rolle. Nach einiger Zeit meldet sich eine Frau, die mir sofort freudig und im tiefsten Dialekt mitteilt, dass sie für heute Abend noch etwas frei habe. Jetzt kommt aber der Haken, denke ich mir, ich würde erst sehr spät ankommen und schon ganz früh wieder weiterfahren. Als ich der Frau das erkläre, herrscht erstmal Stille in der Leitung. Dann, nach einiger Zeit: „Ja wieso machen sie denn auch sowas – wieso kommen sie denn erst so spät und brechen so früh schon wieder auf?“ Berechtige Frage eigentlich. Ich versuche sie kurz über das Rennen aufzuklären und deutlich zu machen, dass ich mich wirklich sehr freuen würde, wenn es irgendwie klappt. Sie ist offensichtlich nicht sehr bergeistert, bis 23 Uhr müsste ich schon da sein. Keine Chance, erkläre ich ihr, bis dann werde ich es unmöglich schaffen.

Ich rechne schon damit, dass sie endgültig ablehnt, besonders als sie mir erklärt: „Wissen sie, hier in Adorf gibt‘s nur so kleine Pensionen, da können sie eigentlich nicht kommen wann sie wollen. Wir können uns keinen Nachtportier oder sowas leisten.“ Doch dann, nach einer weiteren kurzen Pause, die Wende: „Hören sie, ich hinterlege ihnen einen Schlüssel neben dem Blumentopf unter dem Toilettenfenster, wo ich das Licht brennen lasse. Außerdem lege ich einen Zettel bei, auf dem alles erklärt ist. Legen sie das Geld einfach in das Zimmer, bevor sie gehen, es macht dann 25€ ohne Frühstück.“

Ich kann mein Glück kaum fassen. Meine Euphorie ist so groß, dass ich doch glatt folgende Frage anschließe: „Ich habe gerade nur 50€-Scheine. Ich zahle ihnen gerne 30€. Können sie mir vielleicht 20€ ins Zimmer legen? Dann tausche ich diese gegen einen 50€-Schein aus.“ Aber noch während ich die Frage ausspreche, wird mir selber bewusst, dass das doch etwas zu viel verlangt ist, ich könnte ja einfach die Pension betreten, übernachten und zum Schluss noch die 20€ mitnehmen. „Nein, tut mir Leid, das geht nun wirklich nicht. Aber sie können die 50€ doch bestimmt noch irgendwo wechseln.“ Das bezweifle ich, aber egal, zur Not bekommt die Frau eben 50€. Ich bedanke mich fünfmal, lege auf und lasse die Pedalen drehen.

Ein Lichtkegel in der Nacht

Inzwischen ist es fast dunkel. Mit Licht an Helm und Lenker tauche ich in die Nacht ein. Wieder sehe ich viele Tiere. Dann geht es auf einmal von der Schotterstraße ab und auf einem langen, steinigen Trail entlang. Puh, ganz schön anstrengend bei Dunkelheit und am Ende eines Tages. Endlich wieder Schotter, aber nur kurz, dann wieder ein Trail, und wieder und wieder – mit so vielen holprigen Pfaden hatte ich in all meinem Optimismus natürlich nicht gerechnet. Ich bin gedanklich schon in Adorf, muss mich aber irgendwo im Fichtelgebirge über Wurzeln und Steine kämpfen.

Je weiter die Dunkelheit zunimmt, desto geringer wird die Sichtweite. Irgendwann sehe ich nur noch meine unmittelbare Umgebung, konzentriere mich stets auf die nächsten fünf Meter. Für mich ist es generell noch sehr ungewohnt, nachts zu fahren, das habe ich auf meinen Touren so gut wie nie gemacht. Besonders psychisch finde ich es herausfordernd. Durch das verkürzte Sichtfeld bin ich noch viel mehr auf mich selbst und den kleinen Bildschirm vor mich zurückgeworfen. Ich starre unaufhörlich auf die Kilometeranzeige, während ich mich langsam und als kleiner Lichtkegel durch die unendliche Weite des Waldes bewege.

So fühle ich mich auch zunehmend, als kleines, kurz aufflackerndes Licht, das einer Linie ins Nichts folgt. Ich weiß zwar, dass diese Linie mich letztendlich nach Rügen und ans Kap Arkona führen wird, doch im Moment nehme ich nur wahr, wie sich alle paar Lichtjahre die Kilometeranzeige um eine Nummer nach oben arbeitet.

228… Schotter, Kurve, Schotter… 228, immer noch… Schotter, Kreuzung, Schotter – Dreiländereck, wie weit noch?… 229… da, ein Pfad! Wurzel, Geröll, vorsichtig, großer Stein! Endlich wieder Schotter… 229, was immer noch?… Schotter, Schotter, Schotter, mal wieder eine lange Gerade, Adorf, noch so weit entfernt!… 231…

Das sind unbeschreibbare Gefühle. In diesen Stunden, in denen ich ein Lichtkegel im Wald darstelle, kommt es mir so vor, als sei die Welt da draußen Illusion, als gebe es nur mich, dieses Licht und die paar Bäume um mich herum. Die Zeit scheint still zu stehen, oder zumindest zu kleben – wie Kaugummi. Doch ich weiß schon in jenem Moment: Blicke ich bald auf diese Fahrt durch den Wald zurück, dann scheint mir alles so schnell vorbei gewesen zu sein, in der Erinnerung werden nur Bruchstücke, nur kurze Ausschnitte, nur Schlaglichter bleiben.

Die nächste Bank ist weit weg

236… Schotter, Schotter, da, Licht! Nach langer Zeit treffe ich mal wieder auf ein paar Wohnhäuser. In deren Mitte erkenne ich einen großen Gasthof. Kurz vor 23 Uhr, der müsste noch aufhaben! Ich stolpere in die Gaststube, werde von zwei Frauen in einer Art Dirndl empfangen. „Ich habe eine ganz ungewöhnliche Frage“, beginne ich, „können sie vielleicht 50€ wechseln?“ Die beiden Damen scheinen gar nicht überrascht, lächeln, sind freundlich, doch sagen dann: „Nein, tut uns Leid. Wir haben gerade gar kein Wechselgeld.“ Das kann doch gar nicht sein, denke ich mir und bleibe dran: „Ich zahle ihnen auch gerne etwas Trinkgeld dafür.“ „Wissen sie“, geben sie zur Antwort, „die nächste Bank ist weit weg, deshalb ist es generell schwierig bei uns mit Wechselgeld.“ Ich verlasse das Gasthaus wieder, muss innerlich schmunzeln. Die nächste Bank ist weit weg, wo bin ich denn hier gelandet, in Sibirien? Egal, die nette Frau in Adorf bekommt 50€ und fertig.

Also weiter geht es durch die Nacht… 237… 238… 239… Irgendwann erreiche ich tatsächlich das Dreiländereck. Dieses war die letzten Jahre der zweite Checkpoint. Ich schieße ein Foto und sehe dabei, dass mein Bruder geschrieben hat. Ich rufe ihn an und rede etwas mit ihm, während ich nach Tschechien hineinfahre. Wie gut das tut, aus der Hypnose der Nacht herausgelöst zu werden.

Eine Pension in Adorf

In Tschechien geht‘s mal wieder über viel Asphalt, sodass ich schnell nach Deutschland zurückkehre. Da ist es endlich, Adorf! Um kurz nach Mitternacht rolle ich in die ersehnte Stadt hinein. Jetzt heißt es nur noch die Pension finden, den Schlüssel finden, die Tür finden, das Zimmer finden, die Dusche finden, das Bett finden, Schlaf finden.

Die Pension ist schnell gefunden, doch dann beginnt das nächtliche Abenteuer erst richtig. Ich schalte alle meine Lichter aus, nur die Lampe am Helm lasse ich im Sparmodus angeschaltet. Dann stolpere ich in den Hinterhof, sehe aus einem Zimmer Licht brennen, hier muss der Schlüssel sein. Da ist er nicht. Vielleicht unter dem Blumentopf? Auch nicht. Ich gehe nach vorne zur Haupttür, vielleicht ist sie immer offen, der Schlüssel irgendwo dahinter. Auch nicht. Wieder zurück, ah, da, ein anderes Fenster! Da sind Schlüssel und Zettel. Alles fein säuberlich notiert, super!

Auf dem Zettel steht kleiner Schlüssel für Hoftür – bitte wieder zusperren, Hoftür? Damit muss dieses Tor gemeint sein. Ich schiebe es zu, scheint lange nicht mehr bewegt worden zu sein. Ach Quatsch! Sie meint bestimmt die Eingangstür. Also Tor wieder auf, Fahrrad zum Haupteingang getragen und Schlüssel in die Tür gesteckt – passt nicht. Ich trage alles wieder zurück in den Hof. Mittlerweile habe ich Sorge, dass mich irgendjemand beobachtet und (verständlicherweise) die Polizei ruft. Wäre mir aber jetzt auch egal. Hier muss es doch noch eine andere Tür geben. Dort! Na klar, jetzt macht es Sinn. Eine kleine Tür, hier passt der Schlüssel.

Ich trage das Fahrrad in den Flur. Wo ist das Licht? Ich finde keinen Schalter. Egal, mit Licht am Helm geht es auch. Zimmer 8, I. Etage rechts, erstmal schauen, Fahrrad bleibt unten. Es geht durch einige Türen und über viele Treppen, da ist es. Großer Schlüssel mit der Kerbe nach oben ins Schloß drehen, passt, Zimmer ist auf, klein aber fein. Sogar eigenes Bad. Ich gehe wieder nach unten und trage das Fahrrad nach oben, das ist praktischer, muss ich nicht alles aus- und wieder einpacken. Geschafft, ich habe ein Zimmer mit Bett und Bad, das Fahrrad steht direkt daneben, perfekt.

Effiziente Handgriffe um halb 2

Mittlerweile ist es weit nach 1 Uhr. Ich habe aber noch einige zu tun, meine Powerbanks müssen geladen werden, ich will endlich duschen, Unterwäsche waschen, etwas essen, auf Facebook und Instagram sollte ich noch etwas hochladen. Und zum Schluss will ich auch noch den Liveticker checken. Jetzt heißt es effizient handeln, auch wenn ich unendlich müde bin.

Ich tue ein nach dem anderen Handgriff. Vor dem Duschen blicke ich kurz in den Spiegel – oh man, sehe ich abgemagert aus! Ich muss unbedingt noch was essen. Um kurz nach 2 bin ich endlich mit allem fertig, lege mich ins Bett. Meine Knie brennen. Sobald ich sie anwinkle, fühlt es sich an, als würden meine Kniescheiben zerbersten. Ich stehe nochmals auf und greife mir eine Schmerztablette.

Zwischenstand

Wieder im Bett greife ich zum Smartphone und öffne die Follow My Challenge-Homepage. Tilo und Stefan sind hinter mir! Was für eine Überraschung. Sie sind vom Track und nach Bad Elster abgebogen, wahrscheinlich auch in eine Unterkunft eingekehrt. Die Position der anderen schaue ich mir nur noch grob an. Besonders fällt mir auf, dass Torben gehörig weggezogen ist, er ist viele Kilometer vorne, im Moment auf Platz 8. Wie hat er das bloß gemacht, ist er letzte Nacht durchgefahren? Ich bin insgesamt elfter, klingt gut.

Ich schließe den Ticker und öffne die Wecker-App. Es macht keinen Sinn, schon um 4 Uhr wieder aufzustehen. Ich brauche jetzt definitiv etwas Schlaf, um die nächsten Tage durchzustehen. Aber wann dann? Um 5, 6 oder sogar erst 7 Uhr? 7 Uhr klingt sehr verlockend, aber auch viel zu spät. Ich öffne Google Maps und schaue, wann der erste Bäcker in Adorf aufmacht. Einer öffnet um 6 Uhr. Also ist es ausgemacht, ich stelle den Wecker um 5.30 Uhr. Der Start morgen wird sehr hart, aber ein erster Stopp beim Bäcker sollte helfen.

Stefan und Tilo werden mich sicherlich überholen, aber was macht das jetzt schon. Ich sollte nur auf mich schauen. Nach drei Tagen bin ich bereits im Erzgebirge, das ist viel mehr, als ich vor dem Rennen erwartet hätte.

Ich wache um 4 Uhr auf. Muss aufs Klo. Bin ziemlich verwirrt. Wo bin ich? Ahja, Adorf. Warum sind meine Powerbanks nicht geladen? Blicke auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden Schlaf.

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4 Kommentare

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4 Kommentare

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Michi Braun Juli 27, 2019 - 00:25

Super Bericht, toll geschrieben und total spannend zu erfahren was einige kilometer vor mir so los war?.
Freu mich schon auf die anderen Tage?.

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Velospektive
Velospektive Juli 27, 2019 - 11:12

Danke Michi, Du wirst dann im letzten Bericht erwähnt 😉

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Bikepacking Trans Germany 2019 - Tag Vier - Velospektive Juli 29, 2019 - 13:38

[…] Bikepacking […]

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Bikepacking Trans Germany 2019 - Tag Zwei - Velospektive August 6, 2020 - 18:15

[…] Bikepacking Trans Germany – Tag Drei → […]

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