Bikepacking Trans Germany 2019 – Tag Zwei

by Benni

4.30 Uhr, der Wecker klingelt. Ich fühle mich – naja – als könnte ich noch ein paar Stunden Schlaf vertragen. Trotzdem öffne ich das Ventil von meiner Luftmatratze, rolle den Biwaksack zusammen, ziehe meine Daunenjacke aus. Es fasziniert mich immer wieder: Sobald man sich morgens dazu entschließt, den ersten Handgriff zu tätigen, kommt man in einen Automatismus, der einen stetig die Müdigkeit austreibt und wenig später vor einem abfahrbereiten Fahrrad stehen lässt. Es ist nur dieser erste Handgriff, für den man alle Kraft zusammennehmen muss, um trotz Müdigkeit in den Tag zu starten.

Auf und ab in der Alb

Um kurz vor fünf Uhr sitze ich also schon viel wacher auf dem Fahrrad und lasse den Sportplatz und das Vereinsheim hinter mir. Meine Beine fühlen sich fast unverbraucht an, auch sonst habe ich so gut wie keine Schmerzen. Es ist nur noch ziemlich dunkel – viel dunkler, als ich es um diese Zeit erwartet hatte – und auch recht kalt. Ich muss anhalten, um meine Windjacke und die Stirnlampe hervorzukramen. Eigentlich war mein Plan, morgens mit den ersten Sonnenstrahlen zu starten und das künstliche Licht nur abends bzw. nachts zu brauchen. Okay, das funktioniert offensichtlich nicht, besonders, wenn‘s durch dichten Wald geht. Also Planänderung.

Voll beleuchtet rolle ich auf den ersten Kilometern Schotterpiste durch die Schwäbische Alb. Es geht nur selten flach voran, meist leicht bergauf oder bergab, auch kürzere Trails sind schon dabei. Heute stehen einige steile An- und Abstiege bevor, es sind die steilsten Passagen der gesamten Route. Im Vorfeld hatte ich einigen erklärt: „Hier darfst du nicht auf den Kilometerzähler schauen, hier macht man halt über Stunden nur wenig Strecke – darauf muss man sich einstellen.“ Theoretisch bin ich mental also vorbereitet, mal sehen, wie es mir nach den ersten zähen Anstiegen gehen wird.

Boxenstopp

Bald, als die Sonne hell scheint und der Tag auch sichtbar angebrochen ist, geht es zum ersten Mal steil hinab. Ich komme nach Bad Urach, einer Kleinstadt, die unter Radfahrern bekannt ist, weil hier der Bremsenspezialist Magura seinen Sitz hat. Ich passiere das Magura-Werk, biege in die kleine Füßgängerzone ein und steuere einen Bäcker an. Das ist immer ein Tages-Highlight – Boxenstopp beim Bäcker. Ich bestelle vier Backwaren und einen Kaffee – alles zum Hieressen. Die Frau hinter der Theke guckt zwar etwas schräg, ist aber sehr nett, obwohl ich bereits jetzt ziemlich unzivilisiert aussehen muss.

Die Apotheken haben noch geschlossen, es ist erst kurz nach sieben, also rolle ich nach dem Bäcker-Boxenstopp direkt weiter. Meine Taschen sind immer noch gut gefüllt, ich plane, bis Aalen durchzufahren und dort einen weiteren großen Boxenstopp einzulegen. Vielleicht finde ich da auch meine Astronautennahrung.

Alles andere als Kuchen

Hinter Bad Urach geht es – wie sollte es anders sein – wieder steil bergauf. Das ist allerdings kein Problem, ich bin gut gestärkt, außerdem nutze ich die langsame Auffahrt, um die gestrigen Geschehnisse über die Sprachaufnahme-App zusammenzufassen.

Oben angekommen erwarten mich schönste Panoramen. Wie bereits gestern folgt der Track auch jetzt wieder dem Albtrauf. Auf steinigen und wuzeligen Wanderwegen geht es an einer steilen Kante entlang. Ich fahre konzentriert und wage nur ab und an einen Blick auf die Aussicht, die sich immer wieder links von mir zwischen Bäumen ergibt.

Nochmals geht‘s bergab, nochmals bergauf, eine zeitlang auf dem Plateau entlang, bevor ich die Abfahrt nach Kuchen hinunter sause. In dieser kleinen Stadt kann man einen Kuchen essen, wenn man will, ich fülle aber nur meine Wasserflaschen auf. Gerade, als ich die vollen Flaschen in die Halterungen setze, rauschen Tilo und Stefan an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Daas ich sie hier sehe, überrascht mich, haben sie doch gestern einige Kilometer vor mir die Nacht verbracht. Außerdem hatte mir Tilo gesagt, sie würden schon um vier Uhr morgens aufstehen. Innerlich hatte ich mich also darauf eingestellt, dass sie mit jedem Tag einen größeren Abstand zu mir aufbauen würden. Jetzt sind wir wieder gleich auf. Aber wer weiß, vielleicht konnten sie ja nicht widerstehen und haben sich in Kuchen einen Kuchen gegönnt.

Keine drei Minuten später überholt mich auch Torben. Das überrascht mich weniger, Torben ist nämlich viel schwerer bepackt, als ich. Er hat nicht nur eine Lenker-, eine Rahmen- und eine Satteltasche, sondern zusätzlich noch zwei Packsäcke an die Federgabel geschnürt. Schon gestern hatte ich gedacht, dass er mit diesem Setup wenn dann nur bergab schneller sein könnte.

Ich starte nur drei Minuten nach Torben und erreiche ihn bald. Uns steht der berühmte Aufstieg hinter Kuchen bevor, welcher alles andere als a piece of cake, also so angenehm wie ein Stück Kuchen ist. Es geht so steil und unwegsam hinauf, dass man, so gut man auch ist, zeitweise schieben muss. Als ich mit Torben auf einer Höhe bin, keucht er über sein schweres Gepäck. Dann fügt er an: „Dafür muss ich nicht so viele Pausen einlegen.“ Interessante Taktik, er trägt also viel Essen mit sich herum, will dafür aber möglichst regelmäßig fahren. Gemeinsam schieben wir unsere Bikes die letzten Meter hinauf, oben zieht Torben dann schnell wieder davon – er scheint trotz Gepäck auch auf flacher Ebene recht zügig unterwegs zu sein.

Wie Kaugummi

Als ich wieder alleine bin, merke ich, wie ich zunehmend und immer ungeduldiger auf den Kilometerstand meines Wahoo-Navis schaue. Bei all diesem Auf und Ab wollen die Kilometer einfach nicht purzeln, es zieht sich wie Kaugummi. Mehrmals hole ich mein Smartphone hervor und versuche abzuschätzen, bis wann ich es nach Aalen schaffen könnte. 14 Uhr? Auf der Karte sieht es recht nahe aus. Vielleicht doch erst 15 Uhr?

Was hatte ich den Leuten am Start nochmal gesagt: Hier gilt es, geduldig zu sein, auch wenn man nicht viel Strecke macht. Leichter gesagt, als getan.

In dieser Phase des zähen Kilometerzählens trifft es sich ganz gut, dass ich auf einen neuen Streckenabschnitt komme. Das Wental ist erst seit diesem Jahr Teil der BTG-Route. Hier trifft man auf viele große und beeindruckende Felsformationen am Wegesrand. Als krönender Abschluss geht‘s durch das Felsenmeer, eine Ebene mit unzähligen größeren und kleineren Felsen. Achim hat am Start beschrieben, man bekomme hier leicht das Gefühl, dass hinter jedem Felsen ein Räuber lauern könnte. Recht hat er, hier herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Ich frage mich, warum dieser Abschnitt erst seit diesem Jahr Teil der Route ist?

Bio in Aalen

Gut abgelenkt durch die beeindruckende Kulisse verfliegen die Kilometer wieder, auf einmal bin ich in Aalen. Hier endet die Schwäbische Alb und es steht ein etwas flacherer Abschnitt bevor. Super! Es ist 16 Uhr, nach nicht einmal zwei Tagen habe ich die Schwäbische Alb mit all ihren heftigen An- und Abstiegen hinter mich gebracht.

Ich steuere den ersten Supermarkt an, der mir in Aalen begegnet – einen Denns Biomarkt. Also mal wieder Bio, wieso auch nicht. Vor dem Markt lehnt Petrs Bike. Er betritt auch gerade den Supermarkt und schenkt mir ein kurzes „Ahoi“, als er mich sieht. Er ist also nicht sehr gesprächig. Aber kein Problem, ich will ja auch schnell weiter. Petr ist einer dieser Typen, die noch leichter bepackt sind als ich. Außerdem ist er drahtig wie der ultimative Ausdauersportler. Ich ordne ihn sofort in die Kategorie „schneller als ich“ ein (natürlich auch, weil er Tscheche ist) und löse mich damit gleichzeitig von dem Druck, mich irgendwie an seine Fersen hängen zu müssen.

So beunruhigt es mich auch nicht sonderlich, dass sein Rad nicht mehr zu sehen ist, als ich wieder aus dem Supermarkt trete. Ich habe mich mit Essen für einen großen Nachmittagssnack und für weiteren Proviant, der bis zum nächsten Mittag halten sollte, eingedeckt. Den Nachmittagssnack nehme ich direkt vor dem Denns zu mir. Ich schiebe mir mehrere Backwaren, einen Kefir, zwei Schorlen und noch ein paar weitere Snacks rein, während gut gekleidete Menschen an mir vorbei und in den Markt laufen. Oh man, fühle ich mich unzivilisiert! Es ist zwar erst der zweite Tag, aber schon jetzt habe ich den Eindruck, ich müsste nur meinen Helm vor mich legen und der ein oder die andere würde etwas Geld reinwerfen.

Aber was soll‘s – auf‘s mehrere Tage Outlaw-Dasein habe ich mich eingestellt. Ich nehme mir also noch ein paar Minuten, greife zum Smartphone und checke den Leaderboard auf Follow My Challenge. Die „Aliens“ (sie werden in der BTG-Familie gerne so genannt, weil sie ein Tempo fahren, das nicht von dieser Welt stammt) sind schon recht weit weg. Migg Scherrer hat sich wie erwartet einige Plätze nach vorne geschoben. Ich bin auf Platz 15 und bilde das Schlusslicht einer Gruppe von etwa sieben Personen, die alle recht nahe beieinander sind. Vermutlich haben sie alle ihre Pause in Aalen bereits hinter sich und fahren wieder. Wenn ich am Abend nicht mehr groß Pause mache, kann ich vielleicht einige von ihnen einholen, so rechne ich mir aus. Von hinten lauert erst einmal keine Gefahr, der nächste, Linus, ist etwa 30 Kilometer hinter mir.

Erste größere Schmerzen

Gut versorgt mit Essen und diesen Renninformationen mache ich mich wieder auf den Weg. Etwas hinter Aalen halte ich bei einer Apotheke und frage nach der ersehnten Astronautennahrung – ohne Erfolg. Die Apotheken scheinen Maltodextrin und erst recht Fresubin nicht im Standardrepertoire zu haben. Das hatte auch Tilo angedeutet, Stefan und er versuchen immer, einen Tag im voraus die Sachen bei Apotheken am Wegesrand zu bestellen. Okay, muss ich eben weiter auf normales Essen zurückgreifen, das bringt mich jetzt auch nicht aus dem Tritt. Was für ein gutes Gefühl – der Magen und die Taschen sind voll, die Strecke vor mir recht flach. Also auf geht‘s! Wenn ich heute bis Mitternacht fahre, kann ich erneut etwa 250 Kilometer schaffen, das hätte ich noch am Vormittag nicht gedacht.

Trotz dieser guten Vorzeichen fällt das Radeln in den nächsten Stunden wieder schwer. So langsam machen sich nämlich größere Schmerzen breit. Zunehmend tut mir die Schulter und der Nacken weh, außerdem macht sich zum ersten Mal der Hintern bemerkbar (ich schmiere mir diesen zwar von Anfang an regelmäßig mit Hirschtalg ein, aber so ganz hält das einem die Schmerzen eben doch nicht vom Leibe). Die Beine und Knie melden sich auch langsam, sie schmerzen allerdings besonders nach einer größeren Pause. Es ist paradox, aber gegen müde Beine hilft es meist, in die Pedalen zu treten. Und auch die Schulter-, Nacken- und Hinternschmerzen machen mir noch nicht allzu große Sorgen. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich in dieser Phase Schmerzen nach einiger Zeit wieder verabschieden.

Geheimwaffen

So zwinge ich mich einfach dazu, konsequent weiter die Kurbeln zu drehen. Zusätzlich mache ich an diesem Nachmittag zum ersten Mal von einer weiteren Geheimwaffe Gebrauch: Musik. Am ersten Tag hatte ich danach noch kein besonderes Bedürfnis, aber jetzt, am zweiten Tag, setzt so langsam die Monotonie des Radfahrens ein – besonders, wo viele flacherer Passagen bevorstehen. Ich greife also zu meinen Sportkopfhörern und starte das erste Album, Delta von Mumford & Sons.

So rolle ich in das schöne fränkische Land und die Abendstunden hinein. Ach, wie ist das Bikepackerleben doch schön! Das Wetter ist perfekt, die Wege und Trails sind alle angenehm zu fahren und mich überkommt mal wieder eine große Dankbarkeit für alles, was ich hier gerade durch- und erleben darf.

Als ich mein Handy nochmals kurz aus dem Flugmodus entlasse, sehe ich, dass mein Bruder mir geschrieben hat. Er verfolgt das Rennen sehr genau, wundert sich allerdings, warum ich in der Schwäbischen Alb kurz vom Track abgewichen bin. Er meint wohl die alternative Route, die ich gestern kurz vor Checkpoint 1 genommen habe. Da das Schreiben auf dem Fahrrad bei gleichzeitigem Fahren auf Schotterwegen eine Herausforderung ist, der ich mich gerade nicht stellen will, rufe ich ihn an – das Mikrofon an meinen Kopfhörern macht‘s möglich. Und tatsächlich, er nimmt ab. Da sitze ich also auf meinem Fahrrad irgendwo im fränkischen Niemandsland, nehme am BTG-Rennen teil und telefoniere kurzerhand mit meinem Bruder. Seine Stimme zu hören und einfach etwas mit ihm zu plaudern tut gut.

Versuchung zur frühen Nachtruhe

Als ich wieder auflege, bin ich hochmotiviert. Ich rase in die Nacht hinein, die Sonne ist schon fast untergegangen. Beim Fahren in den Abendstunden gefällt mir besonders, dass man auf einmal ganz viele Tiere sieht. Hier in Franken geht‘s dauernd an Bauernhöfen vorbei, in deren Nähe ich immer wieder in zwei funkelnde Katzenaugen sehe. Auf Feldwegen erspähe ich mehrmals einen Fuchs. Im Wald treffe ich außerdem auf viele Hasen, Rehe und Wildschweine.

Um 22 Uhr ist es ganz dunkel. Jetzt noch zwei Stunden fahren, dann sollte ich 250 Kilometer erreicht haben und mit gutem Gewissen einen Shelter, also einen Unterstand oder etwas ähnliches suchen können. Um kurz nach 23 Uhr erspähe ich in der Ferne den Shelter der BTG, eine große Hütte am Waldrand, die nicht nur Schutz vor Regen bietet, sondern sogar über eine Schiebetür, Fenster und Gardinen verfügt. Wegen des besonderen Komforts und weil sie außerdem im Youtube-Video zur BTG zu sehen ist, hat sie bereits einen gewissen Kultstatus.

Der Shelter im Youtube-Video

Mist, denke ich mir, die kommt eine Stunde zu früh. Ich bin entschieden, weiterzufahren, der Versuchung nicht nachzugeben, doch dann sehe ich, dass Licht in der Hütte brennt. Da ist wohl schon jemand anderes schwach geworden und hat sich dazu entschieden, den Tag früh zu beenden. Ich biege also doch vom Weg ab, um zumindest Hallo zu sagen. Siehe da – es sind Tilo und Stefan! Sie haben schon ihre Schlaf- und Biwaksäcke ausgerollt und sind kurz vorm Schlafengehen (genau genommen hat nur Tilo einen Schlafsack dabei, Stefan ist ähnlich puristisch wie ich unterwegs, er hat auf den Schlafsack und sogar die Isomatte verzichtet).

„Leg dich dazu, es hat noch Platz“, meint Stefan, der viel wortkarger als Tilo ist und mit dem ich bisher auch noch nicht geredet habe. Ich weise die Einladung möglichst entschieden ab: „20 Kilometer will ich heute schon noch machen.“ „Da wirst du aber keinen schönen Shelter mehr finden, jetzt kommt erstmal lange nichts“, antwortet Tilo. Ich will mich rechtfertigen, weiß ich doch, dass in etwa 25 Kilometern eine kleine Hütte kommt, in der ich letztes Jahr zusammen mit Peter Scheerer und Anja Marwitz die damals dritte Nacht verbracht hatte.

Aber bevor ich die Antwort ausspreche, kommt mir in den Sinn, dass es heute Nacht ziemlich kühl werden soll, so eine geschlossene Hütte wäre in dieser Hinsicht nicht schlecht. Zudem könnte ich am Morgen zusammen mit Tilo und Stefan aufbrechen, was den Start in den Tag deutlich vereinfachen würde. Ich ändere also ganz kurzfristig den Plan und willige ein. „Okay, ich lege mich zwischen euch.“

Gute Aussichten

Was für ein toller zweiter Tag! Am Ende sind es zwar nur gut 230 Kilometer, dafür liegen die Schwäbische Alb und viele Höhenmeter hinter mir. Ich beende den Tag zwar früher als gestern, dafür würde ich morgen schon um vier Uhr an der Seite von Tilo und Stefan die Fahrt Richtung Erlangen und Checkpoint 2 beginnen. Mir geht es gut, ich bin motiviert, die Bikepacking Trans Germany hat gerade erst begonnen!

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