Was mich zwei Monate in Jordanien gelehrt haben

by Velospektive

Nachdem ich drei Monate mit dem Fahrrad unterwegs war, um von der Schweiz nach Jordanien zu reisen, habe ich die letzten zwei Monate in der Hauptstadt Amman Halt gemacht. Ich konnte in einigen Flüchtlings-Projekten mitarbeiten, viele historische Orte besuchen und dadurch das Land, seine Menschen und Kultur auf vielfältige Weise kennenlernen.

Nicht alle Araber sind gleich

Dabei ist mir bewusst geworden, dass Jordanien von einer schier unüberblickbaren Vielfalt an Volksgruppen bewohnt wird. Man kann sogar sagen, dass der Großteil der Bevölkerung Jordaniens “zugezogen” ist. Dass man auf Menschen trifft, die von sich behaupten, Jordanier zu sein, kommt hier gar nicht so häufig vor.

Da sind zunächst die Palästinenser, die hauptsächlich während der Kriege in den 40er, 50er und 60er Jahren aus dem Land westlich des Jordans vertrieben wurden oder geflohen sind. Sie betonen auch heute noch, dass sie eben Palästinenser und nicht Jordanier sind.

Auch die Beduinen legen Wert darauf, als solche bezeichnet zu werden und damit deutlich zu machen, dass sie seit vielen Generationen die Wüste Jordaniens (und darüber hinaus) bewohnen.

Sind stolz auf ihre Wurzeln: Beduinen

In einem Restaurant oder einer Tankstelle wird man allerdings nur selten von jenen Beduinen, Palästinensern oder Jordaniern bedient, sondern fast immer von Ägyptern oder Jemeniten. Diese kommen in Scharen nach Jordanien, um im Niedriglohnsektor zu arbeiten, wobei sie immer noch deutlich mehr Geld verdienen, als in Ägypten oder im Jemen.

In neuerer Zeit sind Millionen Menschen aus dem Irak und Syrien nach Jordanien geflohen. Doch auch diese Syrer und Iraker lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren; die Bevölkerung dieser Länder ist ähnlich vielfältig, wie die Jordaniens. Als Verdeutlichung möge genügen, dass im Norden Syriens und Iraks Kurden leben, die sogar eine eigene Sprache sprechen. Innerhalb dieser Kurden finden sich wiederum große Unterschiede; es gibt sogar drei kurdische Sprachen, die mehr als nur Dialekte sind.

Bei dieser Aufzählung dürfen viele weitere Volksgruppen nicht vergessen werden, die teilweise seit vielen Generationen in Jordanien leben. Die Tscherkessen etwa, von denen es wohl gut 100.000 in Jordanien gibt, stammen ursprünglich aus dem Kaukasus. Noch heute erkennt man sie an ihrer helleren Hautfarbe und den oft roten Haaren.

Eine Flagge, vielfältige Menschen: Jordanien

Diese verschiedenen Volksgruppen leben also hier in Jordanien zusammen, teilen ihren Alltag, lernen sich gegenseitig kennen, wundern sich über die Eigenschaften der anderen, die einen versuchen davon zu lernen und schätzen die Vielfalt, die anderen regen sich darüber auf und distanzieren sich von ihren Nachbarn… typische Phänomene einer multikulturellen Gesellschaft eben.

Warum betone ich das so? Weil es mir scheint, dass wir in Europa meist wenig differenziert über die Menschen im und aus dem Nahen Osten sprechen. Meist sind sie für uns einfach nur Araber oder Muslime. Für sie ist eine Differenzierung allerdings ähnlich entscheident, wie für uns zwischen Deutschen, Österreichern, Schweizern, Franzosen oder Polen, zwischen Bayern, Sachsen oder Rheinländern.

Gastfreundschaft über Gastfreundschaft

Finden sich viele Unterschiede, so gleichen sich doch fast alle Menschen hier in einer Eigenschaft: Sie sind gastfreundlich. Einen Gast zu haben, ist für sie eine Ehre und keine Bürde. Dabei präferieren es die Menschen hier sogar, zu sich selbst einzuladen und nicht eingeladen zu werden – bei sich zu Hause haben sie “Heimspiel” und müssen sich nicht fürchten, etwas Unreines vorgesetzt zu bekommen.

Wie läuft so ein Besuch hier in Jordanien ab? Pünktlich muss man nicht kommen, das hat keine hohe Relevanz. Dafür ist es wichtig, vor dem Betreten der Wohnung die Schuhe auszuziehen. Ich als Mann begrüße die anderen Männer mit Handschlag und ggf. – wenn wir uns schon länger kennen – mit Wangenküssen. Den Frauen schüttle ich dagegen nicht die Hände und schaue ihnen auch nicht zu tief in die Augen – das wird schnell als Flirten verstanden.

Wenn ich mich dann (meist auf den Boden) setze, muss ich noch darauf achten, meine Fußsohle nicht meinen Gastgebern entgegen zu strecken – auch das gilt als unhöflich. Dies sind aber eigentlich schon alle Fettnäpfen, in die man treten kann. Wenn man sich an diese kulturellen Verhaltensregeln hält, steht einem erfolgreichen Besuch eigentlich nichts mehr im Wege.

zu Gast bei einem Beduinen

Obwohl – gerade für Deutsche ist es wahrscheinlich noch wichtig zu bemerken, dass man nicht direkt “mit der Tür ins Haus fällt”, also direkt zu dem Thema kommt, für das man eigentlich hier ist. Mindestens die erste halbe Stunde sollten damit verbracht werden, sich nach der Familie zu erkundigen, die Kinder zu bewundern und zu loben – kurz Smalltalk zu halten. Wer so ins Gespräch einsteigt, hat die Herzen seiner Gastgeber geöffnet für fast alles, was er zu sagen hat.

Tee ist integraler Bestandteil eines jeden Besuches

Womit lässt sich die Gastfreundschaft in arabischen und muslimischen Ländern erklären? Ich denke, zum einen ist diese geprägt durch die landschaftlichen Umstände: Wer in der Wüste leben und überleben will, der ist viel mehr auf die Hilfe von anderen angewiesen, als in fruchtbaren Gegenden. Zum anderen schreibt aber auch der Koran Freundlichkeit gegenüber Gästen vor. Abraham nahm drei Gäste bei sich auf, von denen sich einer als Gott höchstpersönlich herausstellte. Man sollte also immer damit rechnen, dass Gott als unscheinbarer Gast bei einem erscheint.

Doch Moment mal – steht diese Geschichte nicht auch in der Bibel? Und macht nicht Jesus im Neuen Testament klar, dass man, wenn man den Ärmsten der Armen zu trinken, zu essen und etwas zum Anziehen gibt, man damit letztendlich Gott Gnade und Barmherzigkeit erweist (Matthäus 25)? Manchmal kommt es mir so vor, als ob Christen in unserer reichen, westlichen Gesellschaft diese Passagen aus ihrer Bibel herausgerissen haben.

Aber vielleicht bin ich mit diesem Urteil auch zu radikal und missachte, dass wir in Europa Millionen von Flüchtlingen Asyl gewehren, ihnen Wohnungen stellen und mit allerlei finanzieller Hilfe zur Seite stehen? Fest steht, dass für Menschen aus dem Nahen Osten Beziehungen weit über finanzieller oder materieller Hilfe stehen. Eine Einladung oder ein Besuch sind für sie so viel mehr wert, als noch ein weiteres Essenspaket oder eine Kleiderspende zu erhalten. Immer mehr verstehe ich, wie sich die vielen Flüchtlinge in Europa fühlen müssen, wenn sie von finanzieller und materieller Hilfe überhäuft werden, nie aber in Kontakt mit Einheimischen treten können.

Ich schließe mich selbst in diese Kritik ein, habe ich doch lange Zeit gedacht: “Die Flüchtlinge erhalten doch schon so viel finanzielle Hilfe und materielle Güter – damit sollten sie mehr als zufrieden sein!” In der Schweiz habe ich dreieinhalb Jahre Tür an Tür mit Kurden aus der Türkei gewohnt, diese aber nie besucht oder zu mir eingeladen.

Starke Frauen hinter Schleier und Burka

Ein weiteres Vorurteil, das vermutlich viele Europäer eint, lautet folgerndermaßen: Frauen aus arabischen und muslimischen Gesellschaften haben nichts zu sagen und keine eigene Meinung; die meiste Zeit verbringen sie zu Hause in der Küche oder mit der Erziehung der Kinder; wenn sie sich nach draußen wagen, dann nur gut verhüllt mit Schleier und Burka. Das war auch mein Bild, als ich Jordanien betrat. Die erste Woche wurde dieses Bild nur bestätigt: Ich sprach während meiner ganzen Radreise durch Jordanien mit keiner einzigen Frau, alle Soldaten und Polizisten, denen ich begegnete oder Menschen, die mich einluden, waren Männer.

Doch das änderte sich mit meinem Einsatz in der Stadt Mafraq. Ich nahm dort an einer English Conversation Class teil, einer Art Volkshochschulkurs zum Praktizieren von Unterhaltungen in englischer Sprache. Es waren dort zwei Männer, der Rest der Klasse bestand aus jungen Frauen. Deren Englisch war überraschend gut. Und auch sonst waren sie sehr gebildet, die meisten der Frauen hatten bereits einen Bachelor- oder sogar einen Master-Abschluss. Sie erzählten mir, dass an jordanischen Universitäten schon lange weitaus mehr Frauen, als Männer eingeschrieben sind.

Auch die Fragen, die sie mir stellten, zeugten von großer Weitsicht und Neugier. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus – sie entsprachen so gar nicht meiner Vorstellung von verschleierten Frauen. In den nächsten Wochen wurde dieser Eindruck nur bestätigt: Immer wieder traf ich auf Frauen, von denen mir zwar keine die Hand schüttelte, die aber neugierig, selbstbewusst und oft sehr gebildet waren. Ich realisierte immer mehr, dass in dieser Kultur nach außen hin zwar die Männer dominieren und die Familie repräsentieren; hinter den eigenen vier Wänden sind es jedoch oft die Frauen, die den Ton angeben.

Frauen verschiedener Kulturen begegnen sich

Natürlich müsste hier noch einiges mehr geschrieben werden, um diesem Thema vollumfänglich gerecht zu werden. Alleine die Tatsache, dass es in Jordanien immer noch zu sogenannten Ehrenmorden an Frauen kommt, weist darauf hin, dass sich die gesellschaftliche Position der Frau hier deutlich von der in westlichen Gesellschaften unterscheidet. Doch trotzdem bleibt bei mir die Erkenntnis, dass Frauen in Jordanien alles andere als Menschen ohne Bildung und starken Überzeugungen sind.

Ein Versuch, die Kultur zu verstehen

In meinem Reisebericht aus Jordanien habe ich beschrieben, wie ich mehrmals von Kindern mit Steinen beworfen worden bin. Zwar habe ich während der ersten Tage im Land auch viele mich willkommen heißende Menschen getroffen, trotzdem war ich mir unsicher, wie ich das Land insgesamt bewerten sollte; wie sollte ich auf die Frage, wie mir Jordanien gefällt – eine Frage, die man hier andauernd gestellt bekommt – ehrlich antworten?

Nun hatte ich zwei Monate Zeit, das Land, seine Kultur und seine Menschen genauer kennenzulernen und den offenen Fragen nachzugehen. Wer jetzt aber eine reflektierte Analyse erwartet, den muss ich enttäuschen. Anstatt die Menschen und ihre Handlungen hier zu verstehen, habe ich eher das Gefühl, dass die Zahl der Fragen zugenommen hat.

Man spricht oft von Kultur als einem Eisberg: Man sieht den kleinen Teil über der Wasseroberfläche, darunter verbirgt sich aber der Großteil des Berges. Mir kommt es im Moment so vor, als sei der sichtbare Teil des Eisberges vor meinen Augen nur gewachsen, von dem Teil unter der Wasseroberfläche habe ich aber wenn überhaupt nur eine Ahnung.

ein jordanischer “Eisberg” – das Zentrum Ammans

Zusätzlich habe ich ja selber gerade festgestellt, dass die jordanische Gesellschaft so vielfältig ist, die Menschen alleine schon auf Grund ihrer ethnischen Herkünfte so unterschiedlich. Wie kann ich da über “die” jordanische Gesellschaft ein Urteil sprechen? Doch trotz allem wage ich es einmal, ein paar Aspekte der Kultur, die mir hier begegnet ist, zu analysieren.

Eine Szene aus Amman scheint mir dafür besonders aussagekräftig: Nachdem sich unter einem Auto eine Plastikplane verfangen hatte, ist der Fahrer ausgestiegen, hat die Plane unter dem Auto hervorgeholt – und wieder auf die Straße geworfen. Es kam, was kommen musste: Die Plane verfing sich unter dem nächsten Auto, was wiederum anhalten musste.

Mir scheint, dass man hier mit seinen Handlungen vielmehr darauf bedacht ist, nicht sein Gesicht zu verlieren, die Ehre (von sich selbst und von der Familie) zu bewahren, anstatt die langfristigen Konsequenzen der eigenen Handlung zu beachten. Entscheidend ist also, dass man selbst keine Plane unter dem Auto herschleift, was mit der Plane passiert, nachdem man sie entfernt hat, ist nicht so wichtig.

Angenommen, es fahren aber zwei Freunde mit ihren Autos hintereinander her. Dem vorderen Fahrer würde es im Leben nicht einfallen, die Plane wieder auf die Straße zu werfen. Die Plane könnte sich ja unter dem Wagen des Freundes verfangen, was beide Personen beschämen würde. Die Plane dagegen auf die Gegenfahrbahn zu werfen, wäre voll in Ordnung.

Natürlich liegt es einem Deutschen wie mir nahe, ein solches Handeln grundsätzlich zu verurteilen. Aber immer mehr frage ich mich, ob ein derartiges Verhalten nicht auch seine Berechtigung hat? Weisen wir nicht allzuhäufig wenig Respekt für unsere Mitmenschen auf, indem wir recht harsch, dafür aber “langfristig”, “effizient” und “zielstrebig” handeln?

Die Zwiespältigkeit bleibt

So versuche ich Dinge, die ich hier als negativ empfinde, immer wieder auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Für die bereist beschriebenen, Steine werfenden Kinder ist mir das aber bis jetzt nicht gelungen. Leider haben sich ähnliche Szenen in den letzten Wochen wiederholt.

Der Höhepunkt war in diesem Zusammenhang ein Morgen auf einem Sportplatz. Ich habe dort einer Gruppe von 25 Kindern, von denen die meisten aus den USA oder Europa stammen und alle zu Hause unterrichtet werden, Ultimate Frisbee beigebracht. Sehr bald haben wir damit das Interesse von Jungen aus der Nachbarschaft geweckt, die sich um den eingezäunten Sportplatz versammelten. Als sie realisierten, dass sie nicht mitspielen können, fingen sie an, uns zu beschimpfen; später flogen allerlei Gegenstände auf den Platz.

Natürlich wehrte ich mich zusammen mit anderen Mitarbeitern, wir ermahnten sie und erklärten ihnen eindringlich, dass sie nicht nur uns, sondern auch sich selbst mit einem solchen Verhalten beschämen würden. Doch das half wenig. Selbst uns beobachtende Erwachsene schritten wenn überhaupt nur halbherzig ein.

Mir scheint, dass Jungen hier generell wenig bis gar nicht zurecht gewiesen werden und zumindest draußen auf der Straße “Narrenfreiheit” haben. Vor kurzem hat mir jemand erklärt, dass Jungen in muslimischen Gesellschaften als Geschenk Gottes betrachtet werden, die man nicht erziehen müsse, ja sogar nicht erziehen dürfe. Klingt wie eine plausible Erklärung, so ganz will ich mich damit aber nicht zufrieden geben.

Bestimmt hat es in meinem Fall auch mit meiner europäischen Herkunft zu tun. Denn so häufig einem die Menschen hier auch “ahlan wa sahlan” oder auf Englisch “Welcome to Jordan” zurufen, ein gewisser Anti-Amerikanismus, Antisemitismus oder noch allgemeiner eine Abneigung gegen “den Westen” findet sich hier fast bei allen Menschen. Dafür ist einfach zu viel passiert in den letzten Jahrzehnten und die einseitige Berichterstattung in den Medien hat ihr übriges getan.

Doch auch hier versuche ich mich wieder zu hinterfragen: Haben nicht westliche Medien ähnlich einseitig über den Nahen Osten und seine Menschen berichtet, sodass tief in uns allen nun eine Abneigung gegenüber Menschen von dieser Region der Erde verankert ist?

Gemeinschaft ist kostbar

Was die Kinder hier auch immer antreibt, mit Steinen zu werfen oder die Erwachsenen, mich nach außen hin willkommen zu heißen, innerlich aber mich abzulehnen – es hilft in jedem Fall, sich zu begegnen. Dafür hatte ich die letzten zwei Monate beonders durch die große Gastfreundschaft viel Gelegenheit. Zusätzlich hat mich ein amerikanisches Ehepaar wie einen eigenen Sohn bei sich aufgenommen; ein Deutscher, der hier als Entwicklungshelfer arbeitet, hat mich vorbehaltlos in seine Familie integriert.

Nach der Monaten der Einsamkeit auf dem Fahrrad konnte ich diese Gemeinschaft umso mehr schätzen. Ich war dankbar für jede Mahlzeit, die ich nicht alleine zu mir nehmen musste, freute mich, die vielen interessanten Orte Jordaniens nicht alleine entdecken zu müssen und genoß es, morgens in einem Haus mit anderen Menschen aufzuwachen. So hart die Einsamkeit auf dem Fahrrad auch manchmal ist, sie öffnet einem den Blick dafür, dass Gemeinschaft keine Selbstverständlichkeit, sondern ein kostbares Gut ist.

Das zivilisierte Leben und seine Versuchungen

Wenn man mit dem Fahrrad reist, sind Dinge, die man für gewöhnlich jederzeit zur Verfügung hat, auf einmal Luxusgut: Fließendes Wasser, eine Küche mit Essensvorräten, ein Bett und ein Dach über dem Kopf, eine Internetverbindung, Strom aus der Steckdose. Dafür befindet man sich dauernd draußen an der frischen Luft und in der Sonne, ist ständig körperlich und mental aktiv. Als ich im Januar abrupt das Fahrradfahren beendete, musste ich mich also in vielen Dingen umstellen.

Zunächst überwogen natürlich die Vorteile: Ich musste mir nicht mehr jeden Abend einen neuen Zeltplatz suchen; ich konnte im Supermarkt Essen für mehrere Tage einkaufen, in der Küche lagern und zubereiten; mit meinem Laptop und dem Smartphone hatte ich unbeschränkten Internetzugang, konnte jederzeit telefonieren, Mails beantworten oder meine Internetseite pflegen. Auf dem Fahrrad überkam mich oft der Gedanke: Das zivilisierte Leben ist so wunderbar – alles, worum ich mich auf so einer Reise bemühen muss, hat man in der Zivilisation ständig zur Verfügung.

Die ersten Tage bestätigte sich das dann auch: Was war das für ein herrliches Gefühl, am Abend im warmen Zimmer zu sitzen, vor mir der Laptop, neben mir der heiße Tee und unter mir das Bett, in dem ich ungestört schlafen werde!

Leben im Luxus

Doch mit der Zeit wurden diese Vorteile zur Versuchung: Ich hatte so viel Essen zur Verfügung und aß relgemäßig mehr, als ich eigentlich brauchte; den Internetzugang nutzte ich immer seltener, um Mails zu schreiben oder zu bloggen, sondern um stundenlang ziellos Videos auf Youtube zu schauen; im Bett blieb ich morgens gerne mal ein paar Stunden länger liegen, was aber nicht bedeutete, dass ich damit wacher durch den Tag ging, eher das Gegenteil war der Fall.

In Jordanien habe ich also einmal mehr festgestellt, dass der Mensch nur schwer mit Überfluss umgehen kann. Wir tendieren dazu, die guten Dinge, die uns gegeben sind, übermäßig zu nutzen, wir können nur schwer Maß halten. Nach einer gewissen Zeit halten wir all die Luxusgüter des Alltags für selbstverständlich.

Leben ohne W-LAN, fließend Wasser und Küche

Das Reisen mit dem Fahrrad ist in diesem Sinne eine Wohltat, ja fast eine Therapie. Und obwohl ich schon weiß, dass ich die Küche, das W-LAN und die sicheren vier Wände bald vermissen werde, so freue ich mich doch darauf, nun wieder eine zeitlang ein Fahrrad-Nomadenleben führen zu können.
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