Nach den Luxushotels die Bananenplantagen

by Velospektive

Etwas Schönes am Reisen mit dem Fahrrad ist, dass man einen ganzheitlichen Blick auf ein Land erhält. Die ersten zweihundert Kilometer hinter Antalya haben mich enttäuscht; hätte ich nur diesen Abschnitt der Türkei gesehen, hätte ich ein einseitiges Bild mit nach Hause genommen. Aber glücklicherweise führte mich der Weg weiter in den Osten. Hinter den Hotelanlagen wareteten riesige Bananenplantagen und beeindruckende Serpentinen.

Ein Hotel größer als das andere

Dass die Mittelmeerküste der Türkei ein beliebtes Ferienziel ist, weiß ich bereits. Nach der Zeit in den türkischen Bergen stelle ich mich also auf Kontrastprogramm ein, indem ich ab Antalya der Küste folge.

Schon wenige Kilometer hinter der Stadt kann ich die ersten Tempel erblicken. Das Wort Tempel beschreibt es ganz gut, viele der Hotelanlagen sind nämlich nicht nur riesig, sondern zusätzlich mit orientalischen Dächern und goldenen Figuren bestückt. Ich radle an den ersten vorbei und frage mich, ob ich nicht kurz für ein Foto hätte anhalten sollen. Doch die Frage erübrigt sich schnell, da auch die folgenden Kilometer die Kette von riesigen Hotelanlagen nicht abreißt. Ich habe also die Qual der Wahl, welches der vielen Prachtbauten ich ablichten soll.

Schnell wird mir klar, dass die Küste hier konstant und kilometerlang nach folgendem Muster geordnet ist: Zunächst ist da der Strand, der jeden Morgen von einer Horde Personal in orangenen Westen gereinigt wird und mit tausenden Liegestühlen bestückt ist; dahinter erhebt sich ein Hotel mit 20 oder sogar mehr Stockwerken; dahinter wiederum verläuft die Hauptstraße, an deren Rand sich ein Geschäft neben das andere quetscht und seine Ware mehrheitlich in deutscher Sprache anpreist; zuletzt sind da einfache, mehrstöckige Wohnhäuser, in denen vermutlich zum größten Teil Hotelpersonal untergebracht ist. Türkische Restaurants und Cafés, die ich bereits zu schätzen gelernt habe, suche ich dagegen innerhalb dieser Touristenzentren vergebens.

Schnell wird mir klar, dass Menschen nicht hierhin reisen, um die Türkei kennenzulernen, sondern sich für wenig Geld am Strand zu bräunen (und daneben günstige Kopien von Markenkleidung einzukaufen). Erneut singe ich innerlich ein Loblied auf meine Art, das Land zu bereisen und blicke verachtend auf die vielen Menschen herab, die hier jahrein jahraus Urlaub machen. Aber wie schon in Ephesus und Hierapolis versuche ich mich in meiner Überheblichkeit zu bremsen. Außerdem muss ich zugeben: Eine Woche in einer dieser Hotels zusammen mit Familie und Freunden und besonders mit dreimal täglichem Buffet würde mir momentan auch gefallen.

Dazwischen viel Antike

Auch in der Antike haben sich die Menschen gerne an der türkischen Küste aufgehalten. Und so gibt es auch hier viele alte Steinhaufen zu besichtigen. Ich nehme mir Zeit, um Perge, Aspendos und Side zu besichtigen. Besonders Aspendos ist mit dem sehr gut erhaltenen Theater einen Umweg wert.

Doch nicht nur an diesen ausgewiesenen Orten, an denen man Eintritt zahlen muss, begegnet mir die Antike. Immer wieder entdecke ich Überreste alter Häuser, Gräber oder Aquädukte am Wegesrand. Teilweise meine ich sogar, in dem ein oder anderen Dorf einen antiken Stein ausmachen zu können. Allerdings ist die Zahl an antiken Spuren in diesem Land so groß, dass einfach noch lange nicht alles dokumentiert und ein Museum drum herum gebaut worden ist.

Generell ist die Erforschung der Antike in der Türkei noch lange nicht so weit, wie etwa in Griechenland. Den Studiengang “Restauration” etwa kann man an türkischen Universitäten erst seit 2001 studieren. Die ersten, die in diesem Land Ausgrabungen machten, waren Engländer, Deutsche und Franzosen. Deshalb sind die wichtigsten Funde heute in den dortigen Museen zu finden.

Ich kann mir gut vorstellen, wie vor einigen Jahrzehnten auf einmal mitteleuropäische Archäologen in türkische Dörfer einfielen und die Steine bewunderten, neben denen die Einheimischen aufgewachsen sind. Als man ihnen dann noch erklärte, dass die Kühe von jetzt an nicht mehr aus dem uralten, aber praktischen Trog trinken dürfen, hat man die Gelehrten bestimmt erst recht für verrückt erklärt. Jetzt, wo die Touristen kommen und Geld da lassen, sind die Fronten hoffentlich wieder befriedet.

Auf einmal nur noch Bananen

Der Wandel nach den vielen neuen Hotels und alten Steinhaufen kommt ganz plötzlich: Hinter Alanya sehe ich keines von beidem mehr, dafür aber ganz viele Bananen. Ja, in der Türkei wachsen tatsächlich Bananen! Sie sind etwa halb so groß, wie die, die wir in Deutschland kennen (wahrscheinlich gibt es da eine EU-Norm, die die Größe von Bananen vorgibt), schmecken dafür doppelt so gut.

Davon kann ich mich zur Genüge überzeugen. Bald winkt mir nämlich ein Erntehelfer zu, ich sollte mich bei den frisch geernteten Bananen bedienen. Bescheiden, wie ich bin, nehme ich nur eine. Wie gut sie schmeckt, hätte ich nur mehr genommen! Doch die nächsten Kilometer sollte sich die Szene wiederholen, immer wieder bekomme ich Bananen zugesteckt. Ich komme mit dem Essen nicht mehr nach, meine Taschen quillen vor türkischen Bananen über.

Serptentinen und unvollendete Tunnel

Die zusätzlichen Kalorien kommen allerdings gerade zur rechten Zeit. Die nächsten 200 Kilometer führt mich die Küstenstraße nämlich entlang unzähliger Buchten steile Serpentinen hoch und runter. Ich mache an einem Tag so viele Höhenmeter, wie noch nicht zuvor auf dieser Reise. Am Abend bin ich ziemlich erledigt.

Der Verkehr ist auf dieser Straße glücklicherweise nicht mehr so stark. Die Autos und LKWs, die auf der Straße fahren, kämpfen allerdings ebenfalls mit den steilen Anstiegen. Einige Laster sind so schwer mit Bananen beladen, dass sie sich in einem ähnlichen Tempo wie ich den Berg hochkämpfen. Das ein oder andere Mal kurbelt ein Fahrer das Fenster runter und beginnt sich mit mir zu unterhalten. Im Gegensatz zu ihm habe ich allerdings nur noch wenig Luft zum Reden übrig.

Wer das alles auch mal erleben möchte, der sollte sich beeilen. Momentan wird nämlich ein riesiges Netz an Tunneln gebaut. Immer wieder fahre ich an den unvollendeten Röhren vorbei und stelle mir sehnsuchtsvoll vor, wie viel einfacher es wäre, gemütlich durch diese Tunnel die Berge zu durchqueren. Es gibt wirklich sehr viele von diesen Tunneln, teilweise sind sie mehrere Kilometer lang. Sollten sie einmal fertiggestellt sein, kann die Türkei damit schweizer Tunnelarchitektur Konkurrenz machen.

Neue Ausrüstung

Für die Reise durch die Türkei habe ich meine Ausrüstung etwas erweitert. Schon im Vorhinein hatte ich immer wieder Warnungen vor aggressiven Hütehunden gelesen. Deshalb führe ich jetzt einen leichten Stock mit. Er steckt griffbereit zwischen Lenker und Lenkertasche. Ich setze ihn hier tatsächlich täglich ein – nicht, um Hunde wirklich damit zu schlagen, sondern nur, um ihnen zu drohen, das genügt schon. Meistens würden die bellenden Hunde mich wahrscheinlich gar nicht beißen; in zwei Fällen hatte ich allerdings den Eindruck, dass der Hund in mein Bein oder meinen Hinterreifen gebissen hätte, hätte ich nicht drohend mit dem Stock ausgeholt.

Alle Radreisende, die ich auf dem Weg treffen, teilen übrigens diese Erfahrung mit mir: Die Hunde sind die größte Gefahr. Die Taktiken zur Gegenwehr sehen allerdings ganz unterschiedlich aus: Sehr viele haben Pfefferspray dabei (multifunktional zur Not auch gegen Menschen einsetzbar), einige aber auch nichts. Sie hoffen, genügend Zeit zu haben, um anzuhalten und nach einem Stein zu greifen. In den meisten Fällen hätte ich diese Zeit allerings gar nicht gehabt, ich kann also die Variante mit dem Stock nur empfehlen.

Zusätzlich habe ich mir in Thessaloniki einen Rückspiegel zugelegt. Man muss hier in der Türkei wirklich sehr häufig die Hauptstraße nehmen, auf denen viele LKWs unterwegs sind. Ein Rückspiegel ist da eine gute Sache, um keinen Nackenkrampf zu bekommen. Allerdings sei an dieser Stelle der türkische Auto- und LKW-Fahrer gelobt: Die allermeisten halten einen sehr großen Abstand, in Albanien und Griechenland habe ich es als viel schlimmer empfunden.

Von Silifke nehme ich nun die Fähre nach Zypern. Dort werde ich den Rückspiegel ummontieren müssen, auf der Insel herrscht nämlich Linksverkehr. Auf den Stock werde ich ganz verzichten, ich hoffe darauf, dass die zypriotischen Hunde Fahrradfahrern wohlgesonnener sind, als die türkischen.

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Video: Mit dem Fahrrad durch die Türkei - Velospektive Dezember 7, 2018 - 21:17

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