Kroatische Nebensaison und Hinterwege

by Velospektive
Ich hatte etwas Furcht davor, Kroatien mit dem Fahrrad zu durchqueren. Von wem hatte ich nicht alles in den letzten Jahren gehört, dass er in Kroatien Urlaub gemacht hatte! Das Land musste doch von Touristen nur so platzen, so dachte ich mir. An gewissen Orten sollte sich dies auch als Tatsache herausstellen, doch sobald Christof und ich die Nebenstraßen nahmen, änderte sich alles und wir entdeckten das vom Tourismus unberührte kroatische Hinterland.

Unterwegs mit Christof

Ab Südslowenien war ich also wieder mit Christof unterwegs. Christof kommt aus Aachen, hat seinen Job gekündigt und will bis (ungefähr) Dezember den Balkan bereisen, bevor er eine neue Arbeit beginnt. Das Reisen mit ihm ist angenehm und unkompliziert, was keine Selbstverständlichkeit ist. Wir reisen in einem ähnlichen Rhythmus und mit den selben Einstellungen, sodass wir uns gut aufeinander einstellen können. Und wenn einer von uns eine Ess- oder Kaffeepause vorschlägt, sagt der andere nie nein – eine gute Sache.

Nur unsere Fahrräder sind ganz unterschiedlich aufgebaut und bepackt. Meins ist für Schotterwege und das Gelände gemacht, während Christofs Rad sich eher auf Asphalt und nicht allzu unbefestiften Wegen wohlfühlt. Das hat zur Folge, dass Christof mir auf den Straßen vorauseilt, während ich nach holprigen Abfahrten auf ihn warte.

Bikepacking für Helden

Trotz dieser unterschiedlichen Voraussetzungen nahmen wir uns in Ilirska Bistrica vor, die ersten Kilometer der Bikepacking-Route Adriatic Crest zu folgen. Wir hatten schon einige Erfahrungsberichte gelesen, in denen gewarnt wurde: “Sehr steile Anstiege und Abfahrten”, “viele Schiebepassagen”, “an einigen Stellen findet man lange kein Wasser” usw. Dennoch wollten wir nicht einfach der großen Straße der Küste entlang folgen. Also gingen wir das Risiko ein.

Schon am ersten Tag traf uns die volle Ladung: Es ging nicht nur auf einem sehr steilen und unbefestigten Weg auf 1200 Meter hinauf, sondern zusätzlich setzte bald starker Regen ein, der bis zum nächsten Tag nicht mehr aufhören sollte. Wir schoben und trugen unsere Räder mehr, als dass wir sie fuhren, bald waren wir trotz funktioneller Regenkleidung wie ein Schwamm getränkt. Doch da wir fernab jeglicher Zivilisation waren, blieb uns nichts anderes übrig, als weiterzufahren und zu schieben, stur dem Pfeil auf dem Navigationsgerät zu folgen. So kämpften wir uns Kilometer für Kilometer voran und waren darauf bedacht, ja nicht zu lange stehen zu bleiben, um nicht auszukühlen.

Das war einer dieser Tage, die man sich nicht herbeisehnt; doch trotzdem saß ich zeitweise auf meinem Fahrrad und fühlte mich irgendwie wohl. Ich kam mir wie ein verwegener Kämpfer vor, der sich durch widrigste Bedingungen schlägt. Naja, ein wirkliches Abenteuer sieht natürlich nochmal ganz anders aus. Und wahrscheinlich warten in nächster Zeit noch härtere Passagen auf mich. Aber eine gute Erfahrung war es allemal – besonders, als wir nach Stunden die kroatischen Küste erreichten. Wir begegneten den ersten Touristen in deutschen Autos und fühlten uns wie Sieger.

Touristische Küste und unberührtes Hinterland

Doch wir waren uns einig: Dieser Bikepacking-Route werden wir nicht die ganze Zeit folgen. Wir entschloßen uns, einem Mix aus Eurovelo 8, der Bikepacking-Route und eigenen Modifikationen zu folgen. So ging es weiter mit der Fähre auf die Inseln Cres und Krk.

Die Vegetation auf den Inseln unterscheidet sich in beeindruckender Weise von jener auf und hinter dem Bergkamm. Diese Beobachtung sollten wir die nächsten Tage noch öfter machen: Befanden wir uns im Hinterland, war alles grün und die Nächte kalt; fuhren wir nur wenige Kilometer zurück an die Küste, war alles sehr karg und die Nächte viel milder.

Doch was für die Vegetation und das Wetter stimmt, trifft auch voll auf die Menschen zu: Erreichten wir die Küste, waren wir sofort umgeben von (vorrangig deutschsprachigen) Touristen. An einigen Stellen hatte ich den Eindruck, mehr deutschen als kroatischen Kennzeichen zu begegnen. Und es war wohlgemerkt Nebensaison. Wie musste es hier wohl zur Hauptsaison aussehen! So kamen uns auch die Einheimischen recht verschlossen vor, sie schienen allgemein müde vom Tourismus.

25 Hunde, 14 Katzen und ein paar Ziegen

Ganz anderes begegnet uns dagegen entlang der Straßen in die Berge. Hier kamen wir der Bevölkerung viel näher und entdeckten schöne, kleine Dörfer, in die selten ein Tourist einen Fuß setzt – paradox eigentlich, dass alle Touristen an’s Meer strömen.

So begab es sich eines Tages, dass wir auf einer einsamen Straße entlang rollten und auf einmal von 25 Hunden umzingelt waren. Diese Hunde gehören alle zu Tihana, einer Kroatin, die die meiste Zeit ihres Lebens in Deutschland verbracht hat, seit ein paar Jahren aber wieder in Kroatien lebt. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie einen alten Hof gekauft und sich zum Ziel gesetzt, vernachlässigte und herrenlose Hunde aufzunehmen und nach Deutschland zu vermitteln. (Auf ihrer Facebook-Seite gibt’s Bilder von den zu vermittelnden Hunden.)

Letztes Jahr ist allerdings Tihanas Mann verstorben, sodass sie nun mit viel Arbeit (neben den Hunden gibt’s noch Katzen, Ziegen, Bienen, Nuss- und Obstbäume, einen Garten…) alleine ist. Hilfe erhält sie ab und an von Freiwilligen, die gegen Kost und Logis für einige Zeit auf dem Hof arbeiten. Diese findet Tihana durch Plattformen wie WorkAway

Arbeit gegen Kost und Logis

…oder eben direkt auf der Straße. Wir hatten gerade Halt gemacht, um keinen Hund zu überfahren, da fragte uns Tihana schon: “Habt ihr Bock, zwei Tage mitzuhelfen und dafür bei mir zu essen und zu schlafen?” Da konnten wir nicht widerstehen. Wir legten also kurzerhand einen Zwischenstopp ein, ich half Tihana mit dem Computer, Christof installierte zwei Wasserhähne, im Gegenzug genoßen wir mal wieder den Luxus einer Dusche und Waschmaschine.

Neben uns waren gerade auch Dani und Matias auf dem Hof untergebracht. Dani kommt aus den Niederlanden und reist seit über drei Jahren mit ihrem Rucksack um die Welt. Immer mal wieder macht sie Halt, um etwas Geld zu verdienen und weiter reisen zu können. In Südamerika hat sie Matias kennengelernt, seitdem reisen sie zusammen. In Kroatien sind sie eigentlich nur, weil sich Matias als Argentinier nicht länger als drei Monate am Stück im Schengen-Raum aufhalten darf.

Die kurze Gemeinschaft mit Dani und Matias war sehr interessant und berreichernd. Sie leben ganz bewusst einen Lebensstil der Ungebundenheit und Spontanität, müssen sich allerdings oft mit nur sehr wenig Geld über Wasser halten. Von ihrer Unbekümmertheit, Anpassungsfähigkeit und Fröhlichkeit kann man in jedem Fall lernen.

Verlassene Häuser und Kriegsspuren

Nach dieser Stärkung setzten wir die Reise gen Süden fort. Je weiter wir kamen, desto mehr verlassene Häuser sahen wir, teilweise fühlten wir uns wie in Geisterdörfern. Viele Häuser wurden bestimmt während des Krieges Anfang der 90er Jahre verlassen. Aber nicht bei allen waren wir uns da so sicher; einige sahen noch sehr neu aus, einige schon viele Jahrzehnte alt. Und in einigen Baracken hingen doch tatsächlich neue Vorhänge, man konnte sich also nie sicher sein, welche Häuser nun wirklich verlassen waren.

Doch auch sonst begegneten uns am Wegesrand immer wieder Spuren des Krieges. An vielen Fassaden sieht man Einschusslöcher, am Wegesrand wird oft an Gefallene gedacht (und das gerne mit Kriegsgerät – ein Panzer dient z.B. dazu, an sechs verstorbene Soldaten zu erinnern). In manchen Regionen wird zudem davor gewarnt, den Weg zu verlassen, da sich in der Erde noch Minen befinden. Der Krieg ist also noch sehr präsent in Kroatien.

Gefahren überall

Apropros Minen: Auf solch einer Fahrradreise wird man vor so mancher Gefahr gewarnt. In den Bergen waren es die Bären, von denen es hier wohl recht viele gibt. An der Küste gibt es hingegen Schlangen, einigen von ihnen sind wir schon begegnet, allerdings nur ihren überfahrenen Überresten. Einige Kroaten haben mich zudem vor Bosnien gewarnt, vermutlich werden sie mich in Bosnien vor Albanien warnen.

Auch das Thema Flüchtlinge ist in aller Munde. Tihana hat uns erzählt, dass in letzter Zeit häufig Gruppen von jungen Männern über die Straße an ihrem Haus vorbei ziehen. Diese seien allerdings alles andere als mittellos. Da kommt schnell die Vermutung auf: Werden sie womöglich bezahlt, um nach Mitteleuropa zu reisen? Ich höre so viel zu diesem Thema und kann es nicht recht einordnen. Einem Flüchtling selbst, den ich hätte fragen können, bin ich jedenfalls noch nicht begegnet.

Das ändert sich womöglich, wenn ich weiter gen Süden reise. Von Split, wo ich gerade einen Tag Pause mache, geht es ab morgen weiter nach Bosnien, Montenegro und Albanien.

Übrigens: Ein erster Film von unserer Reise durch Kroatien befindet sich in der “Postproduktion” – bald ist er hier zu sehen.

Weitere Fotos gibt es hier.
Den Film zur Reise durch Kroatien gibt’s hier.

Download GPX

7 comments

Mehr Beiträge

7 comments

Gerhard Oktober 17, 2018 - 18:53

Njivice, auf Krk, unsere Feriendestination für mehrere Jahre, wie auch Mali Lošinji.
Liebe Grüße nach Kroatien
Gerhard

Reply
Velospektive Oktober 18, 2018 - 14:08

Danke Gerhard,
Grüsse zurück nach Wien!

Reply
Beate Schulz Oktober 18, 2018 - 00:07

Hallo Benjamin, ich oute mich jetzt als eine der Touristen die in Kroatien an der Küste waren, und ja es war toll. Wir waren aber auch schon im Hinterland und ich habe den Vegetatiosunterschied auch als krass empfunden. Wir waren mit unseren Vermietern unterwegs, da bekommt man auch mehr zu sehen als die normalen Touris. Wir haben auch schon einige verlassene Dörfer gesehen. Auch wir haben uns daran gehalten die sicheren Wege nicht zu verlassen. Es ist schon erschreckend zu lesen, dass es nach gut 15 Jahren immer noch gilt.
Liebe Grüße
Beate

Reply
Velospektive Oktober 18, 2018 - 14:12

Liebe Beate,
wollte den typischen Kroatienurlauber keinesfalls schlechtreden – aber als Radfahrer, der tagelang durch die Einöde fährt und dann mit einer Masse an Touristen konfrontiert wird, nimmt man die Dinge eben extremer wahr.
Schön in jedem Fall, von Dir zu lesen.
Ganz liebe Grüße!

Reply
Überraschungen im unbekannten Balkan - Velospektive Oktober 24, 2018 - 01:09

[…] Bikepacking Reisetagebuch All Bikepacking […]

Reply
Tinu November 1, 2018 - 09:40

Hi Beni
Ich wünsche Dir weiterhin eine gute Reise!
Endlich mal ein Freundesbrief, auf den ich mich freue und der nicht langweilig ist!
Mach’s gut!
Gruss Tinu

Reply
Velospektive November 1, 2018 - 16:32

Hey Tinu,
danke für das Kompliment, freut mich sehr.
Mach’s auch gut!

Reply

Leave a Comment