Überraschungen im unbekannten Balkan

by Velospektive

Mit dem Überschreiten der Grenze nach Montenegro betrat ich Neuland. Nach dem touristischen Kroatien freute ich mich darauf, die mir völlig unbekannten Länder Montenegro, Albanien und Kosovo zu durchfahren.

Wieder alleine

Christofs und meine Wege trennten sich an der kroatischen Küste in Dubrovnik. Er hatte sich einige Ersatzteile dorthin schicken lassen und nutzte das Warten auf das Paket für ein paar Tage Pause. Wir hielten nochmals ein Kaffeetreffen ab, zu dem sich noch zwei weitere Radreisende gesellten, die wir auf dem Weg getroffen hatten. Zu viert tauschten wir uns also über bisherige Erlebnisse und zukünftige Routen aus, danach ging jeder wieder seine eigenen Wege.

Die gemeinsame Zeit mit Christof war sehr bereichernd, wie ich in einem vergangenen Beitrag schon beschrieben hatte. Trotzdem freute ich mich, auch mal wieder alleine unterwegs zu sein. Ich finde es beeindruckend, was für einen Unterschied es macht, ob man alleine oder mit mehreren Personen reist. Man könnte meinen, dass man sich als einsamer Reisender mehr nach außen richtet, mehr von der Umgebung wahrnimmt und mehr den Kontakt zu anderen Leuten sucht. Bei mir selbst beobachte ich in gewisser Weise jedoch das Gegenteil: nach Stunden alleine auf dem Sattel tendiere ich dazu, mich immer mehr nach innen zu kehren, den eigenen Gedanken nachzugehen und zu beten. Ich empfinde das als eine sehr gute Erfahrung, aus der ich immer mit viel Ruhe und Offenheit für neue Begegnungen gehe.

Überraschungen an der Grenze

Ganz blind für meine Umgebung bin ich während dieser einsamen Phasen aber natürlich trotzdem nicht. Und so überschritt ich voller Neugier eine nach der anderen Landesgrenze. Von Kroatien ging es zunächst nach Bosnien und Herzegowina. Auf einmal war ich nicht mehr in der EU, so wurde mir erst an der Grenze bewusst. Das erklärte auch die recht ausführliche Grenz- und Passkontrolle. Dies gilt aber übrigens nicht nur für die EU-Außengrenzen, auch schon an der Grenze von Slowenien nach Kroatien wurden Christof und ich ausführlichst unter die Lupe genommen und eindringlich befragt, ob wir Drogen schmuggeln würden. Und auch an den weiteren Grenzstellen musste ich immer wieder meinen Pass zeigen und viele Fragen beantworten.

Durch Bosnien und Herzegowina radelte ich innerhalb von 20 Minuten. Das Land besitzt nämlich nur einen winzigen Streifen am Meer, der die kroatische Küste unterbricht. Zurück in Kroatien zielte ich dann Montenegro an. Ich hatte mir eine Radroute aus dem Internet geladen, die mich weiter an der Küste entlang führte. Kurz vor der Grenze wunderte ich mich allerdings, wieso mir keine Autos und Menschen mehr begegneten. Aber Montenegro war nur noch wenige Kilometer entfernt, also folgte ich der Route.

Ein überraschter Wachmann

Einen Kilometer vor der Grenze führte mich die Route von der Haupt- auf eine Nebenstraße. Diese wurde zunehmend kleiner und zugewachsener, zwischenzeitlich musste ich das Rad schieben und tragen. Sollte mich dieser Weg wirklich nach Montenegro führen? Ich gelangte tatsächlich zu einem Grenzposten (an solchen Orten darf man leider keine Bilder machen – hier müssen Worte genügen). Aus dem Grenzhaus, an dem noch ein roter Stern prangte, trat ein verdutzter Wachmann. “You are coming from Croatia?”, fragte er mich. “Yes”, antwortete ich und wies auf den Pfad, über den ich gekommen war. “This border is closed since 25 years” (“diese Grenze ist seit 25 Jahren geschlossen”), erklärte er mir kopfschüttelnd. Wäre ich über die Hauptstraße gekommen, hätte ich die Schilder und Absperrung gesehen. Eigentlich müsse er mir jetzt eine Strafe aufdrücken, weil ich illegal die Grenze überschritten hätte, aber er würde ein Auge zudrücken. Nur durchlassen könne er mich nicht.

Ich musste also zurück und zwanzig Kilometer weiter über einen anderen Grenzposten nach Montenegro einreisen. Aber der Umweg war es mir wert, dieses Erlebnis war einfach zu skuril und ging mir noch lange durch den Kopf. Da gibt es doch tatsächlich einen Grenzposten, der 24 Stunden am Tag bewacht wird, zu dem man aber nur über eine zugewachsene Straße gelangt, welche – so war mir durch die Erklärung des Wachmanns auf dem Rückweg dann klar – auch seit 25 Jahren von wirklich niemandem mehr genutzt wird. Vermutlich wird der Wachmann noch in vielen Jahren über diesen seltsamen Radfahrer berichten, der an seinem Posten die Grenze überschreiten wollte.

Mit dem Schiff über den Koman-Stausee

Durch Montenegro ging’s dann auch wieder schnell, nach eineinhalb Tagen hatte ich es durchfahren. Viel zu berichten gibt’s hier also nicht. Dafür scheint es mir umso bemerkenswerter, wie sich das Verhalten der Menschen beim Übertritt von Montenegro nach Albanien (bei dem es diesmal keine Probleme gab) änderte: Während ich in Montenegro mit fast niemandem in Kontakt kam, grüßten mich in Albanien sofort viele Autofahrer mit einem kräftigen Hupen, Menschen am Straßenrand riefen mir fast alle etwas freundliches zu. Außerdem sieht man sofort, dass Albanien ein deutlich ärmeres Land ist, die Straßen sind schlechter, die Preise niedriger.

Mapy (eine Website, mit der ich ab und an meine Routen plane) schlug mir für Albanien eine Strecke durch die Berge vor, die eine Fährfahrt von 25 Kilometern enthält. Zuerst dachte ich daran, diese Fährfahrt zu umgehen, aber nach etwas googeln entschied ich mich dafür. Die Fähre trägt einen über den teilweise nur 50 Meter schmalen Koman-See, an dessen Flanken sich über 2000 Meter hohe Gipfel erheben.

Schon die Fahrt zum Staudamm war jegliche Anstrengung wert: Auf einer äußerst holprigen Bergstraße ging es stundenlang entlang unzähliger Serpentinen durch einsames Gebiet, auf dem mir nur Ziegen und ab und an Geländewagen begegneten. Ich konnte am Fuße des Staudamms im Garten eines Cafés mein Zelt aufschlagen, am nächsten Morgen trat ich dann zusammen mit zwei Schweizern und zwei Österreichern die zweistündige Fahrt über den See an. Falls es einmal jemanden nach Albanien verschlägt: Diese Fährfahrt ist einen Ausflug wert!

Überrascht vom Kosovo

Auf der anderen Seite des Sees war es dann nicht mehr weit in den Kosovo. Auf dieses Land war ich besonders gespannt. In der Schweiz konnte ich einige Leute kennenlernen, die Ende der 90er Jahre wegen des Krieges geflohen waren. Jetzt durfte ich ihr Land besuchen. Ich stellte mich auf noch ärmlichere Verhältnisse als in Albanien ein – und wurde eines Besseren belehrt.

Natürlich kann ich für jedes Land nur das beschreiben, was ich aus der “Velospektive” beobachte – und weder in Montenegro, noch in Albanien oder im Kosovo war ich lang genug, um einen umfassenden Einblick zu gewinnen. Aber gewisse Dinge fallen eben doch sofort ins Auge. Im Kosovo waren die Straßen ziemlich gut, noch besser aber die Autos und die Hotels, Restaurants und Einkaufszentren am Wegesrand. Gab es in Albanien beispielsweise nur selten mal einen größeren Supermarkt, kam ich im Kosovo alle paar Kilometer an einem vorbei.

Wie ist das möglich? Im Internet hatte ich von starker Korruption und schwacher Wirtschaft gelesen. Meinem Auge bot sich aber ein recht modernes, wachsendes Land. Hier ist es notwendig, etwas genau hinter die Fassade zu blicken. Denn das Wachstum im Kosovo ist bedingt durch zahlreiche Hilfsgelder aus dem Ausland. Zusätzlich gibt es hundert tausende Kosovaren, die in der Schweiz oder Deutschland Geld verdienen und einen beträchtlichen Teil davon in die Heimat schicken. Diese Summen sind viel höher als jene, die durch die heimische Wirtschaft erbracht wird. Das ist also eine ganz besondere Mischung und gesellschaftliche Situation, die einem hier im Kosovo begegnet – und die es wert wäre, weiter zu erforschen.

Überrascht von Gastfreundschaft

Ich hatte in jedem Fall heute schon etwas Zeit, den wirtschaftlichen Hintergründen etwas nachzugehen. Ich bin nämlich bei den Eltern von Besa untergebracht, der Mutter von zwei Kindern, mit denen ich die letzten Jahre in Basel arbeiten konnte. Ich hatte ihr kurz eine Nachricht geschrieben, dass ich jetzt im Kosovo bin, ohne zu wissen, dass sie in Gjakova, der ersten Stadt, auf die ich traf, aufgewachsen ist und noch Familie hat. Nur 15 Minuten später schüttelte ich Egzon, ihrem Bruder, die Hand, der mich zu sich nach Hause einlud. Dort werde ich also seit gestern von ihm und seinen Eltern wie ein Familienmitglied behandelt und verköstigt. Egzon fährt mich an alle möglichen Orte, zeigt mir sein Land und stellt mich Freunden und Verwandten vor.

Ich bin bewegt von ihrer selbstverständlichen Gastfreundschaft. Im Gegenzug musste ich ihnen zusagen, mindestens bis Donnerstag zu bleiben. So soll es also sein, danach fahre ich weiter gen Mazedonien.

 

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Zwischen Einsamkeit und Geselligkeit - Velospektive Oktober 29, 2018 - 19:33

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