Erste Begegnung mit dem Orient – auf zwei Rädern durch die Türkei

by Velospektive
Ich hatte etwas Furcht, die Türkei und Asien zu betreten. Wie würde es sein, mit dem Fahrrad durch das Land zu reisen? Wie würden die Türken auf mich (und mein seltsames Fahzeug) reagieren? Ich hatte zwar versucht, ein paar Worte auf Türkisch zu lernen, das beschränkte sich aber auf die Zahlen von eins bis zehn und ein paar weitere Begriffe. Wie würde ich also kommunizieren können? Ich sagte mir selbst, dass die Furcht unbegründet ist, viele hatten mir nämlich bereits von der Schönheit des Landes und der Gastfreundschaft der Türken erzählt. Ich versuchte also, alle Bedenken abzuschütteln und mit wachen Augen und offenem Herz die ersten Pedalschläge in Asien zu machen.

Erste Entdeckungen an der Westküste

Die Fähre, die ich von der Insel Lesbos genommen habe, spuckt mich in Ayvalik am türkischen Festland aus. Hier folge ich zunächst der Küste und versuche wie immer, kleinere Straßen zu nehmen. Das stellt sich aber sehr schnell als Ding der Unmöglichkeit heraus, der äußere Westen der Türkei ist nämlich sehr stark bevölkert. Irgendwann lande ich immer auf einer Hauptstraße und kämpfe mich an der Seite vieler Lastwagen voran.

Bald gelange ich nach Izmir, der drittgrößten Stadt des Landes. Ich habe mir sagen lassen, dass die Stadt und das Umland die „modernste“, „westlichste“ Region der Türkei ist. So erscheint es mir auch. Viele Frauen tragen beispielsweise kein Kopftuch und unterscheiden sich in ihrem Kleidungsstil kaum von Europäerinnen. Neben diesen westlichen Einflüssen mischt sich aber natürlich auch viel „türkisches“, „orientalisches“, „muslimisches“ oder wie man es auch immer bezeichnen mag.

Ich nehme mir etwas Zeit in Izmir und gehe auf Entdeckungsreise in dieser mir bisher unbekannten Kultur. Sehr schnell schätze ich die Ess- und Trinkkultur: An jeder Ecke erhält man türkischen Kaffee (viel besser als Nescafé, den die Einheimischen aber anscheinend trotzdem für qualitativer halten, sie bieten mir immer wieder voll Stolz einen solchen an – Glückwunsch an Nestlé für eine gelungene Werbekampagne!); noch mehr aber trinken die Türken Tee, hier Cay genannt (später sollte ich noch oft irgendwo am Straßenrand auf einen eingeladen werden); am besten aber finde ich das türkische Essen. Albanien, der Kosovo und Griechenland erscheinen mir jetzt als eine Art Vorgeschmack auf die Fülle und Frische, die einem hier begegnet.

Begegnungen mit Christen

Der Westen der Türkei ist die Heimat vieler “biblischer Orte”, also Städten, die im Neuen Testament erwähnt werden und in denen es Gemeinden gab. Die sieben Gemeinden, an die Johannes sich im Buch der Offenbarung richtet, befinden sich alle in der heutigen Westtürkei. Izmir zum Beispiel hieß in der Antike Smyrna und Johannes schreibt der Gemeinde in dieser Stadt unter anderem: “Fürchte dich nicht vor dem, was du erleiden wirst” (Offenbarung 2,10).

Wie auch schon in Griechenland nutze ich die Gelegenheit und besuche einige steinerne Überreste der damaligen Zeit. Daber versuche mir vorzustellen, wie die Leute damals die Worte, die ich heute in der Bibel lese, aufgenommen haben. Aber glücklicherweise bleibt es nicht bei leblosen Steinen und dem alleinigen Bemühen der Vorstellungskraft. Ohne es vorher geplant zu haben, treffe ich auf sehr viele Christen, von denen mich einige beherbergen. Ich nehme mir also einige Tage Zeit, um mit ihnen den Alltag zu leben und ihre Gemeinden kennenzulernen. Ich bin ganz dankbar, hier an diesen so besonderen Orten auf die heutige, lebendige Gemeinde zu treffen.

Polykarp-Kirche in Izmir

Chinesen in Ephesus

Besonders Ephesus ist im Neuen Testament sehr präsent. Paulus hat einen ganzen Brief an die Gemeinde dieser Stadt geschrieben und zudem drei Jahre dort “Zwischenstation” auf einer seiner großen Reisen gemacht. Ich überlege kurz, ob ich auch diesmal einen auf Paulus machen soll, drei Jahre erscheinen mir dann aber doch als zu lang.

Zumindest nehme ich mir aber auch hier wieder genügend Zeit, um die Überreste der Antike genauestens unter die Lupe zu nehmen. Diesmal bin ich dabei aber nicht alleine. Weil Ephesus nämlich sehr gut erhaten ist, ist dieser Ort einer der Touristenattraktionen der Türkei. Obwohl ich schon früh vor Ort bin, ziehe ich an der Seite unzähliger Chinesen (und vielleicht auch Japanern und Koreanern – für mich schwer zu beurteilen) durch die Gassen. Dabei wird mir deutlich, wie unterschiedlich man doch einen solchen Ort erkunden kann: Während ich alle Infotafeln lese, würdigen die großen Reisegruppen ihnen keinen Blick. Sie sind hingegen unaufhörlich damit beschäftigt, sich vor jedem noch so wichtig erscheinenden Stein ablichten zu lassen.

Schnell kommt in mir Verachtung hoch: Da sind diese Menschen tausende Kilometer gereist und erhalten doch so wenig Einblick in die historischen Umstände und in die Relevanz des Ortes! Aber dann versuche ich mich selbst zu hinterfragen: Wie sehr unterscheidet sich ihr Alltag doch von meinem, wie wenig weiß ich über ihre Lebensumstände! Ich sollte mich also mit einer schnellen Verachtung ihrer Art zu reisen zurückhalten. Ich merke, dass ich schnell dazu tendiere, mich selbst für etwas Besonderes und Besseres zu halten, nur weil ich mit dem Fahrrad hierher gereist bin und jetzt mit dem Blick eines Intellektuellen diese Orte bereise.

Stattdessen versuche ich mich mit der fotografierenden Masse zu arrangieren und schieße selbst ein paar Bilder (besonders die Katzen, die geduldig auf den antiken Steinen ruhen und im Minutentakt abgelichtet werden, haben es mir angetan). Ephesus ist wahrlich eine Reise wert. Die Überreste der beiden Theater, der Celsus-Bibliothek oder einiger Hanghäuser, in denen Wandmalereien und Mosaike hervorragend erhalten sind, lassen einen die Antike sehr real erscheinen.

Heiße Quellen in Hierapolis

Ich lasse Ephesus hinter mir, nehme die Straße ins Innland und gelange bald an einen Ort, der ähnlich gut besucht ist wie Ephesus. Das liegt in diesem Fall allerdings nicht alleine an den gut erhaltenen Überresten aus der Antike, sondern an einem Naturschauspiel: Unterhalb des antiken Hierapolis hat warmes, Kalzit haltiges Wasser, das aus der Erde hervortritt, schneeweiße Felsen gebildet, die ich schon aus weiter Ferne erblicken kann. Passenderweise hat man die moderne Stadt, die sich unter den Felsen befindet, Pamukkale genannt, also Baumwollburg. Zudem führt mich der Weg zu dieser Stadt entlang riesiger Baumwollfelder. Ich frage mich, was zuerst da war – die Stadt mit ihrem Namen oder die Baumwollfelder?

Die weißen Felsen gab es in jedem Fall bereits zu biblischer Zeit. Das heiße Wasser hat man mit Hilfe von Röhren, von denen ich einige Überreste entdecke, durch die gesamte Stadt geleitet. Zusätzlich wurde es aber auch in das nur wenige Kilometer entfernte Laodicea weitergeleitet. Natürlich war es nach dieser Distanz nicht mehr so warm, wie noch in Hierapolis. Mit dieser Beobachtung vor Augen lese ich die Passage, in der sich Johannes an die Gemeinde in Laodicea richtet:

Ich weiß, wie du lebst und was du tust; ich weiß, dass du weder kalt noch warm bist. Wenn du doch das eine oder das andere wärst! Aber weil du weder warm noch kalt bist, sondern lauwarm, werde ich dich aus meinem Mund ausspucken.

Offenbarung 3,15f

Wie lebendig und so viel schlüssiger ein solcher Text doch auf einmal wird, wenn man die Orte und ihre Besonderheiten so vor Augen haben kann!

Zu Gast im türkischen Bergdorf

Nach dieser Zeit entlang der touristischen Pfade freue ich mich einmal mehr, das Hinterland zu entdecken. Bald hinter Pamukkale biege ich von der Hauptstraße ab und fahre auf eine auf etwa 1000 Meter gelegene Ebene hinauf. Was für ein Übergang! Bin ich eben noch im Sekundentakt von Autos und LKWs überholt worden, ist es hier jetzt so einsam, dass mich wirklich jedes Auto, das mich überholt oder mir entgegen kommt, anhupt. Diese Region ist definitv bisher die einsamte, die ich mit dem Fahrrad bereist habe. Und sie ist wunderschön: Hinter einer riesigen, ebenen Fläche erheben sich karge, sandige Berge.

einsame Hochebene

Gerade will ich mich einer dieser Berge hinaufkämpfen und einen Pass überqueren, als mir ein Ehepaar auf ihrem Trecker entgegen kommt, mit dem sie gerade eine riesige Ladung Feuerholz transportieren. Der Mann weist mir mit der Hand, anzuhalten und versucht mir mit einigen Gesten deutlich zu machen, dass der Weg auf den Berg hinauf sehr steil und felsig ist – unmöglich mit einem Fahrrad! Ich versuche ihnen zu erklären, dass ich gerade nach solchen Wegen suche und mein Fahrrad genau dafür gemacht ist. Der Mann scheint nicht so ganz überzeugt. Zumindest müsse ich aber etwas bei ihnen essen, bevor ich mich den Berg hinaufquäle.

Na gut, solch eine Einladung kann ich natürlich nicht abschlagen. Ich folge den beiden zurück in’s Dorf und zu ihrem kleinen Haus. Kurze Zeit später ist das Haus voll mit allen möglichen Tanten und Onkeln. Keiner von ihnen spricht Englisch oder Deutsch, aber trotzdem können wir uns (besonders mit Google Translator) verständigen. Immer wieder rufen sie jemanden an. Ich verstehe zwar nicht genau, was sie sagen, das Wort “Turist” fällt aber immer wieder. Es scheint etwas ganz besonderes zu sein, dass sich ein Tourist in ihrem Dorf befindet.

Da es nach dem hervorragenden Essen schon recht spät ist, entscheide ich mich, bei den freundlichem Bauernehepaar zu übernachten. Sie bieten mir wie selbstverständlich ihr kleines Gästezimmer an. Am Nachmittag zeigt mir Behcet, einer der Onkel, mit seinem alten Renault die Umgebung. Und am Abend erwartet uns ein weiteres Festmahl. Was mich dabei besonders beeindruckt: Alles, wirklich alles, was sie mir vorsetzen, haben sie selbst produziert: Neben ihrem Haus halten sie sich Kühe, Schafe und Ziegen, das Fladenbrot backen sie selbst und sogar der für den Cay so wichtige Zucker wird von den Leute hier selbst raffiniert. Autarkes Leben, von dem neuerdings viele Europäer meiner Generation träumen, scheint hier noch ganz normal zu sein.

Zurück an der lebendigen Küste

Glücklich und mit einem gut gefüllten Magen mache ich mich am nächsten Morgen wieder auf den Weg, um nun wirklich den steilen Anstieg zu meistern. Hinter dem Pass erwartet mich eine noch einsamere Gegend. Das Panorama, das sich mir bietet, ist grandios und weder per Kamera einzufangen, noch mit Worten zu beschreiben.

Nach zwei Tagen in den Bergen gelange ich wieder an die Küste und in die Millionenstadt Antalya. Nach der Einsamkeit in den Bergen kann ich mich diesmal sogar ganz gut mit dem lebendigen Leben der Großstadt anfreunden. Auch zeitlich kommt mir Antalya sehr gelegen: Kurz, nachdem ich in der Stadt ankommen, fängt es nämlich heftig an zu regnen. Ich konnte ganz kurzfristig noch einen Gastgeber über Couchsurfing finden, bei dem ich mal wieder fürstlich umsorgt werde und jetzt diese Zeilen schreibe.

Morgen werde ich weiter der Küste Richtung Osten folgen. Diese Küste ist im Sommer von Millionen von Touristen bevölkert, jetzt im November aber den Einheimischen überlassen. Nach der Zeit in den Bergen bin ich gespannt, diese Facette der Türkei kennenzulernen.

Ein weiterer Film über die Reise durch die Türkei folgt bald.
Hier gibt es weitere Fotos.

4 comments

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Video: Mit dem Fahrrad durch die Türkei - Velospektive Dezember 7, 2018 - 21:16

[…] Reisetagebuch […]

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Mirjam R.B. Dezember 27, 2018 - 03:05

Du hast es geschafft…und bist nach Israel gekommen. Ich freue mich für dich, dass du so viel gesehen und erlebt hast – und alles aus eigener Kraft mit dem Velo gefahren bist. Ich hoffe, dass du eine sehr gute Zeit in Israel erlebst und bin gespannt, was du alles noch zu erzählen hast. Vielen Dank für deine Reiseberichte plus Photos. Mach`s gut und einen guten Rutsch ins Neue Jahr. Gruss Mirjam.

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Velospektive Januar 3, 2019 - 07:20

Liebe Mirjam, vielen lieben Dank!
Ich hoffe, Du bist auch gut rübergerutscht.
Sei ganz lieb gegrüsst im neuen Jahr.

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Video: Cycling through Turkey - Velospektive Januar 6, 2019 - 20:25

[…] first diary from Turkey you find here (not translated […]

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